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Reinhold Messner:"Männer sind doch alle Spinner und Spieler"

Reinhold Messner über Todesangst, Wiedergeburten nach dem Abstieg und warum er seinen Porsche für die Chinesen verkaufte.

Reinhold Messner, 65, von Beruf Bergsteiger, geht neue Wege: Gerade hat er den Regisseur Joseph Vilsmaier dabei beraten, einen Film über die Erstbesteigung des Nanga Parbat zu drehen, bei der Messner im Jahr 1970 seinen Bruder Günther verlor. Und vor ein paar Wochen hat er nun endlich seine langjährige Freundin Sabine Stehle geheiratet. Sie ist es auch, die sich zuhause ums Geld kümmert. Von Gelddingen habe er nämlich, so lässt er vor dem Gespräch ausrichten, keine Ahnung. Also dann...

Reinhold Messner, Reden wir über Geld, dpa

Hat niemals einen Kredit für seine Touren aufgenommen: Reinhold Messner.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Messner, reden wir über Geld. Für die meisten Eltern muss es ein Horror sein, wenn ihr Kind sagt: Ich werd als Beruf Bergsteiger. Wie lief das bei Ihnen?

Messner: Ich war schon vor dem Abitur ein begeisterter Kletterer. Ich war kaum in der Schule, fast nur klettern. Mein Vater sagte dann: Du kriegst kein Geld mehr. So arbeitete ich nebenher als Lehrer. 1970, mit Mitte zwanzig, wurde ich gefragt, ob ich zum Nanga Parbat mitkommen will, 3000 Mark musste ich bringen. Als ich vom Nanga Parbat zurückkam, war ich invalide und pleite. Trotzdem habe ich schnell entschieden: Nun tue ich nur mehr das, was ich gerne tue, und irgendwie wird mich das schon ernähren. Seitdem bin ich Freiberufler.

SZ: Klingt unsicher. Hatten Sie mal Existenzangst?

Messner: Nein, nie.

SZ: Warum nicht?

Messner: Ich habe Angst, wenn ich auf 8000 Metern bin. Dann habe ich Angst zu sterben. Jetzt denke ich: Ich habe es überlebt, drei Monate durch die Antarktis zu laufen - dann bringt mich die Finanzkrise nicht um. Ich habe keine Angst, dass ich mich nicht ernähren kann.

SZ: Wann hatten Sie im Leben die größte Angst?

Messner: Am Nanga Parbat. Wir waren tagelang völlig verloren. Die Wahrscheinlichkeit umzukommen war ununterbrochen groß. Meinem Bruder Günther und mir war ununterbrochen klar, wir schaffen es nicht. Der Abgrund, die Kälte, die Übersichtslosigkeit, die Lawinen, die Erschöpfung. Ich hatte eine Woche nichts gegessen. Mein Körper war ausgedörrt. Da kann sich leicht ein Blutgerinnsel bilden, das im Herz oder im Gehirn die Adern verstopft. Dann ist es aus. Die Angst ist so lange da, wie die Hoffnung da ist. Wenn keine Hoffnung mehr da ist, dann lässt man sich in den Tod fallen. Dann ist der Tod wie eine Erlösung. Dann ist alles ganz einfach.

SZ: Warum hörten Sie nach dieser Erfahrung nicht auf?

Messner: Man steigt auf, um abzusteigen. Das Zurückkommen ist eine Wiedergeburt. Als ich nach dem Verlust meines Bruders Günther halbtot den Nanga Parbat hinunterkam, war das für mich wie eine Geburt. Ich bekam das Leben geschenkt.

SZ: Und das streben Sie immer wieder an? Diesen Moment?

Messner: Ich vermute das, ja. Du erkennst: Das Leben ist etwas ganz Großartiges, und das lässt Dich alles vergessen, alle Schwüre, das nie wieder zu tun, alle Schmerzen.

SZ: Wie sehr macht man das auch, weil man Anerkennung haben will?

Messner: Das ist ein interessantes Spiel unter uns. Im Höhenbergsteigen gab es fünf Jahre, da wusste ich, was ich mache, kann niemand auf der Welt. Das beflügelt.

SZ: Wie finanzierten Sie Ihre Expeditionen? Gingen Sie zur Bank und beantragten einen Kredit für die Todeszone?

Messner: Ich hab' noch nie um Kredit gebeten. Selbst als ich die Solo-Besteigung des Mount Everest 1980 fast nicht finanziert bekam. Die Chinesen knöpften mir 80000 Dollar für die Genehmigung ab. Ich musste am Ende fast alles verkaufen, was ich besaß. Auch meinen Porsche.

SZ: Sie haben doch mal Geld verdient, indem Sie eine Tour führten.

Messner: Ich hab' den ersten 7000er in der Geschichte des Bergsteigens geführt, 1972 in Afghanistan. Mea culpa. Heute ist daraus ein Massengeschäft geworden. Hätt' ich gewusst, was auf mich zukommt, hätt' ich das Zehnfache verlangt. Ein hochangesehener Kunstkritiker war dabei. Er war für die Tour zu alt. Im zweiten Lager sagte ich: Es tut mir leid, ich kann Sie nicht auf den Gipfel bringen, zu gefährlich. Er: Ich habe Sie bezahlt. Bringen Sie mich da rauf! Sonst verklage ich Sie.

SZ: Und?

Messner: Ich hielt ihn trotzdem ab. Danach habe ich beschlossen: Das tue ich nie mehr.

SZ: Wann waren Sie sicher, dass Sie vom Bergsteigen leben können?

Messner: Bis ich 40 war, brauchte ich alles Geld, um meine Expeditionen zu finanzieren. Ich kam nach Hause und war pleite. Dann verkaufte ich ein Buch, eine Geschichte an ein Magazin, hielt 30 Vorträge, warb für Produkte - und mit dem Geld plante ich die nächste Expedition. Erst ab 40 blieb mir etwas übrig.

SZ: Was machten Sie mit dem, was übrig blieb?

Messner: Ich kaufte einen Bauernhof. Um mir einen Lebensabend als Selbstversorger zu ermöglichen. Ich habe keine Rente eingezahlt. Ein Bauernhof ist die sicherste Rente. Mittlerweile besitze ich drei, die so geführt werden, wie ich will.

SZ: Und zwar?

Messner: Jeder Bauer verkauft seine Produkte direkt. Für eine Flasche Wein bekommt er 18 Euro. Wenn er den Wein über einen Händler verkaufen würde, bekäme er nur acht. Einer der Höfe stellt alles her, was es zum Leben braucht: Gemüse, Obst, Wein, Milch, Fleisch, Butter, Holz. Ich kann sofort dorthin ziehen und mit meiner Familie dort leben. Wir arbeiten genau wie vor mehr als 100 Jahren.

SZ: Zurück ins 19. Jahrhundert, das soll ein Vorbild sein?

Messner: Am Anfang wollte mir keiner glauben, dass meine Pächter davon leben können. Die Politiker hielten mich für einen Spinner. Jetzt sehen sie: Die Pächter haben mehr Autos als ich, denen kann es nicht so schlecht gehen. Beim letzten Finanzkongress in Wien sagte ich vor 1000 Bankern: "Ich vertraute Ihren Papieren nie, ich hab einen Hof gekauft. Wenn Sie das Ganze noch mehr in den Sand setzen, ziehe ich mich dorthin zurück und trinke meinen Wein. Sie lade ich nicht ein." Dafür bekam ich Standing Ovations.