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Reden wir über Geld:Exodus der jungen Leute

SZ: Viele junge Leute verlassen jetzt das Land.

Komninos: Klar: Vier von zehn Leuten unter 25 sind arbeitslos.

Ganatsious: Es war viel die Rede von der 700-Euro-Generation. Jetzt planen sie, den Mindestlohn unter 600 Euro zu senken. Warum sollten sie hier bleiben? Das ist keine Arbeit mehr, das ist Sklaverei, wenn du jung bist und dein Lohn nicht reicht, um dich selbst zu ernähren.

Komninos: Ein Faktor, der hilft, die Lage stabil zu halten, ist die Familie. Jeder hilft dem anderen. Nur deshalb haben wir noch keine schwere soziale Krise.

SZ: Viele Leute leben von ihren Ersparnissen, weil der Lohn nicht reicht.

Komninos: Was für Ersparnisse? Die meisten Griechen hatten schon vorher bloß Schulden.

SZ: Einige wollen Athen nun verlassen.

Komninos: Ja. Wir denken auch darüber nach.

Ganatsious: Aber es ist nicht einfach. Wir müssen auch an die Kinder denken. Außerhalb Athens sind die Schulen noch schlechter.

SZ: Was halten Sie von der Regierung?

Komninos: Sie führt ein Theaterstück auf. Eine Tragödie. Eine Tragikomödie. Bisher haben sie nur gespart - aber keine einzige Strukturreform durchgebracht. Keine.

SZ: Was muss sich ändern?

Komninos: Sie müssen die Steuern eintreiben von den Reichen. Einer kleinen Schicht von Leuten gehört 90 Prozent des Wohlstandes. Aber bis heute werden alle Ausgaben bestritten von den 90 Prozent der Bevölkerung, die vielleicht zehn Prozent des Volksvermögens besitzen. Der Politik fehlt der Wille, das zu ändern, beide großen Parteien sind verstrickt mit der alten Oligarchie. Wir hatten einmal Könige in Griechenland, einen bayerischen sogar. Wir haben ihn rausgeworfen - jetzt aber haben wir Hunderte von Königen, und sie alle wollen so leben als wären sie der eine Souverän. Dazu halten sie sich Zehntausende Höflinge in Wirtschaft, Politik und Medien. Die ganze Nation arbeitet für sie. Bis heute ist nicht einer von ihnen ins Gefängnis gegangen. Nicht einer. Und nicht ein Politiker ist zurückgetreten.

SZ: Sehen Sie die Gefahr einer sozialen Explosion?

Ganatsious: Natürlich. Uns geht es ja noch gut. Aber es gibt Menschen, die haben nichts mehr zu verlieren. Sie sind verzweifelt.

Komninos: Die Griechen haben sich nie sehr für die Gemeinschaft eingesetzt, immer nur für eigene Firma oder Familie.

Ganatsious: Das liegt auch daran, dass man das Konzept des "Freiwilligendienstes" in schlechten Ruf gebracht hat: Von jungen Leuten wurde jahrelang wie selbstverständlich erwartet, dass sie in Firmen und Institutionen als "Freiwillige" ohne jede Bezahlung arbeiteten, und sie taten das, um einen Fuß in die Türe zu bekommen. Das ist Ausbeutung. Aber wir müssen als Bürger nun aktiver werden. Wir überlegen, den Spielplatz gegenüber selbst zu renovieren, weil er verfällt.

SZ: Nächste Woche soll das Parlament ein neues Sparpaket beschließen. Was bedeutet das für Sie?

Ganatsious: Mehr Sorgen . Mehr Frust. (lacht). Uns wurde etwas anderes versprochen. Nun zahlen wir und zahlen, die Wirtschaft stirbt, der Schuldenberg wächst. Wir sitzen in der Falle. Ich überlege, einen Job im Ausland anzunehmen. Ich habe recherchiert, es gäbe Arbeit für uns in England oder Belgien. Aber Vasilis will nicht.

Komninos: Ich will Bauer werden.

SZ: Im Ernst?

Komninos: Natürlich. Wir werden immer zu essen haben. Und die Welt steuert auf eine große Ernährungskrise zu. Dann werden die Bauern wieder reich. Oliven, Wein, Auberginen, Tomaten, ein paar Ziegen für Milch und Käse, das wär's. Ich überlege mir das ernsthaft.

SZ: Wann fällt die Entscheidung?

Komninos: Ich gebe mir sechs Monate. Dann ist unser Geld weg. Diese Wohnung hier ist nur gemietet.

Ganatsious: Im Notfall können wir ins Dorf meiner Eltern. Das ist unser Sicherheitsnetz.