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Reden wir über Geld: Werner Kieser:"Da wird einem ganz anders"

SZ: Sie haben sich überhaupt nie Geld geliehen?

Kieser: Doch, bald schon. Ich musste ja in Geräte investieren. 100.000 Dollar kosteten die Kraftmaschinen aus den USA, eine ungeheure Summe damals. Ich habe mir das von meiner Großmutter und meinen Freunden gepumpt. Viele haben es gleich abgeschrieben und gesagt: netter Kerl, was soll's.

SZ: Haben Sie es zurückgezahlt?

Kieser: Klar, jeden Cent. Ich wollte unbedingt wieder unabhängig sein.

SZ: Warum? Gab es Zeiten, in denen Sie sich nicht frei fühlten?

Kieser: Ja, als ich Angestellter im Waffenhandel war. Es gab gutes Geld, aber ich verstand nichts von Waffen. Ich wurde entlassen, weil ich dem spanischen König eine Lieferung per Nachnahme schickte. Das machten wir mit Waffen und Munition immer so. Aber, na ja, der spanische König - solche Feinheiten waren nicht meine Sache. Als Angestellter fühlte ich mich abhängig, als Unternehmer wollte ich frei sein. Und ich konnte die 100.000 Dollar zurückzahlen, das Geschäft lief ja gut.

SZ: Wieso eigentlich? Bei Ihnen gibt es keine Saftbar, keine Wellness-Anlagen, sondern nur Geräte, Leitungswasser und Duschen.

Kieser: Als in den Siebzigern die Fitnesswelle anrollte, kam ich mir ein bisschen alt vor. Die neuen Studios hatten Sauna und Solarien. Da hab ich das auch eingebaut. Irgendwann merkte ich, dass die Leute gar nicht mehr trainierten, sondern nur noch herumlagen. Also schaffte ich das alles wieder ab. Ein Drittel der Kunden ging, der Umsatz stürzte ab. Aber mir war wohler dabei.

SZ: Wie kann einem wohl sein, wenn die Kunden weglaufen?

Kieser: Wenn Sie ein Jahr lang in der Sauna liegen, sind Sie vielleicht sauberer, aber Sie sind nicht stärker. Man sollte den Leuten keine Möglichkeit geben auszuweichen.

SZ: Sind Sie denn so unabhängig geblieben, wie Sie wollten? Als Sie mit Ihren Studios nach Deutschland expandierten, brauchten Sie doch Geld.

Kieser: Ja, eine Schweizer Pensionskasse beteiligte sich an der Firma.

SZ: Mit wie viel?

Kieser: Eigentlich genug, aber als ich die ersten beiden Läden in Hamburg eröffnete, versenkte ich richtig Geld.

SZ: Was denn so?

Kieser: Die Verluste lagen bei ungefähr 2,5 Millionen Mark.

SZ: Da wird einem anders ...

Kieser: ... ja, aber es gab nur noch die Flucht nach vorne ...

SZ: ... und die Aktionäre wurden nervös?

Kieser: Ja, aber irgendwann kippte es. Ich kann Ihnen nicht sagen, woran es genau lag, aber irgendwann kamen plötzlich Leute. Ich konnte durchatmen. Glauben Sie mir: Wir standen buchstäblich mit dem Rücken zur Wand.

SZ: Wie oft haben Sie ans Aufgeben gedacht?

Kieser: Man gibt nicht auf, das ist unanständig.

SZ: Haben Ihnen das Ihre Eltern beigebracht?

Kieser: Nein. Mit 20 bin ich daheim ausgezogen und musste mich selbst durchschlagen. Ich hatte wenig Geld, aber das macht kreativ. Ein vernünftiger Vater wirft seinen mündigen Sohn aus dem Haus.

SZ: War das bei Ihnen auch so?

Kieser: Rausgeschmissen wurde ich nicht. Ich bin gegangen.

SZ: Sie vermarkten Ihre Studios mit dem Franchise-System. Sind Sie damit mal auf die Nase geflogen?

Kieser: Mein erster Versuch war ein Flop. Es waren zwei Brüder, die das Geld von ihrem Vater hatten, so "Wannabes" mit rassigen Autos. Da hätte mir gleich klar sein müssen, dass das nichts wird: Die hatten ihr Geld nicht selbst verdient. Wenn ein Vater sein Kind ins Unglück stürzen will, gibt er ihm Geld.

SZ: Wie war das bei Ihnen daheim?

Kieser: Wir hatten immer zu wenig Geld. Es waren ja Kriegsjahre. Aber so lernte man, dass man Dinge nicht wegwirft, sondern repariert. Allein dass man das kann, gibt einem heute noch Sicherheit. Ich bin nicht auf andere angewiesen.

SZ: Viele Mediziner, vor allem die Orthopäden, kritisieren Ihre Trainingsmethoden.

Kieser: Ach, die meisten haben sich wieder eingekriegt und sagen mir, dass ich doch nicht so falsch liege. Aber man muss provozieren, um aufzufallen. In meinen Inseraten stand: Von den 50 Milliarden Euro, die jährlich in Deutschland für Rückenleiden ausgegeben werden, kann man 40 Milliarden einsparen.

SZ: Die Provokation hat funktioniert: Die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt lud Sie zu einem Gespräch.

Kieser: Das war grotesk, die Ministerin und ihr Hofstaat! Ich habe ihnen eine Studie gezeigt, wonach neun von zehn Rückenoperationen überflüssig sind.

SZ: Und was sagte Ulla Schmidt?

Kieser: Sie fand das alles ganz wunderbar. Politiker sind Opportunisten per Definition. Und das Fatale ist, die Leute glauben ihnen. Diese Haltung, der Staat oder der liebe Gott werden es schon richten - ich verstehe das nicht. In Amerika und in der Schweiz ist es anders, da sind nicht alle so staatsgläubig.

SZ: In der Finanzkrise waren alle plötzlich froh, dass es den Staat gibt.

Kieser: Das ist wahr, wobei: Wieso lässt man die Banken nicht einfach pleitegehen? Also, wenn ich kein Geld mehr habe, bin ich pleite.

SZ: Sie sind 70 Jahre alt, wie oft sind Sie noch in Ihrer Firma?

Kieser: Zwei Drittel meiner Zeit. Ich bin im Verwaltungsrat und entwickle die Strategie mit: Sollen wir in die Türkei - oder sollen wir es bleiben lassen? Ansonsten lese ich viel, ich habe einen Master in Philosophie gemacht.

SZ: Was hat Sie im Alter dazu gebracht, Philosophie zu studieren?

Kieser: Ich musste mein Englisch verbessern, weil ich vor Wissenschaftlern spreche. Die Sprachschule fand ich langweilig, da las ich lieber philosophische Texte auf Englisch. Darum habe ich mich an einer englischen Uni immatrikuliert. War härter, als ich gedacht hatte.

SZ: Wie lange wollen Sie noch in der Firma bleiben? Mancher klebt am Sessel und ruiniert sein Lebenswerk.

Kieser: Meine Frau ist 19 Jahre jünger, sie wird das Unternehmen einmal weiterführen. Warum sollte ich jetzt schon aufhören? Wenn mich die Menschen auf der Straße ansprechen und sagen, dass ihnen der Rücken dank mir nicht mehr weh tut, erhält mich das aufrecht. Dann weiß ich, dass mein Dasein einen Sinn hat. Irgendwann nimmt mir der Tod das Werkzeug aus der Hand.