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Reden wir über Geld: Paul Nolte:"Ich lege den Finger in die Wunde"

SZ: Leben Sie gerne in Berlin?

Nolte: Manchmal ist es sehr schwer auszuhalten.

SZ: In der U-Bahn?

Nolte: (lacht) Nein, aber wenn ich die Armutszahlen in der Zeitung lese, könnte ich aufspringen! Das macht mich wirklich fertig.

SZ: Was machen Sie dagegen?

Nolte: Na, ich lege den Finger in die Wunde wie gerade jetzt ...

SZ: ... und lassen sich in Talkshows einladen, wo Sie dann neben dem unvermeidlichen Gregor Gysi sitzen.

Nolte: So oft sitze ich da auch nicht. Aber die Redaktionen wollen eben einen, der den Hartzern sagt: Esst Karotten statt Gummibärchen!

SZ: Sie verdanken Ihre Bekanntheit dem Fernsehen. Harald Schmidt machte Ihr Buch mit dem Wort "Unterschichtenfernsehen" berühmt. Haben Sie sich bei ihm bedankt?

Nolte: Ich überlegte, ob ich ihm schreiben sollte, habe mich aber nicht getraut.

SZ: Dürfen Ihre Kinder Unterschichtenfernsehen wie etwa "Big Brother" bei RTL2 schauen?

Nolte: Ja, aber ich achte darauf, dass es nicht zu viel wird.

SZ: Welche Werte haben Sie von zu Hause mitbekommen?

Nolte: Eine starke Empathiefähigkeit. Ich bin ja im Pfarrhaus aufgewachsen, das war eine soziale Schnittstelle. Jeden Tag standen Penner vor unserer Haustür und wollten eine Mark oder etwas zu essen haben. Da bin ich halt in die Küche und habe ein Butterbrot geschmiert.

SZ: Wie lebten Sie im Pfarrhaus?

Nolte: War schwierig. Ich war fünfeinhalb, als meine Mutter starb. Als Ältester von vier Brüdern musste ich eine Sorgerolle mit übernehmen. Wir lebten in knappen Verhältnissen. Mein Vater wurde als Lediger besteuert - katastrophal.

SZ: Waren Sie gut als großer Bruder?

Nolte: Na ja, vielleicht zu streng. Bei mir hat sich seit dem Tod meiner Mutter ein starkes Verantwortungsgefühl eingeschlichen. Jetzt, im Alter, spüre ich das immer häufiger. Das ist fast obsessiv.

SZ: In welchen Situationen?

Nolte: Zuletzt in der Zugtoilette. Da habe ich mich dabei ertappt, dass ich drei Tücher mehr als nötig verwendete, um das Waschbecken auch ganz sauber auszuwischen. Das mag sich vielleicht komisch anhören, aber so ticke ich.

SZ: Ist Ihnen das unangenehm?

Nolte: Mir geht es nicht um Sorgfalt und Sauberkeit. Mir geht es um Sorge, Respekt und Engagement (denkt nach). Ach, hören wir bitte auf, sonst komme ich wie ein Moralapostel rüber.