Reden wir über Geld: Paul Nolte Die Aufstiegsmentalität ist verlorengegangen

SZ: Warum steigt so gut wie keiner mehr in die Mittelschicht auf?

Nolte: Das hat mit dem Strukturwandel der Unterschicht zu tun. Die Aufstiegsmentalität der Facharbeiter der sechziger und siebziger Jahre ist verlorengegangen. Damals war es ein Glück, dass die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung eine Bildungsbewegung war. So wie der Lehrling Gerhard Schröder das Abitur nachholte und Anwalt wurde.

SZ: Warum ist das vorbei?

Nolte: Die Unterschicht von heute ist heterogen. Es gibt Alleinerziehende und Familien, es gibt viele kulturelle und religiöse Unterschiede. Früher war das anders. Es gab den Typus des männlichen Ernährers, der seine Familie zu versorgen hatte. Ein junger Mann, der mit 16 bei VW anfing, war natürlich bei der Gewerkschaft und wählte SPD. Finanziell ging es ihm besser als heute so manchem Nachwuchs-Ingenieur.

SZ: Sie behaupten damit, die Geringqualifizierten sind heute selbst schuld, weil sie einfach nicht aufsteigen wollen?

Nolte: Selbst schuld sind sie nicht, sie stehen auch vor vielen unsichtbaren Wänden. Aber dennoch: Wer sich anstrengt, hat meist auch etwas davon - ein guter Schulabschluss führt in aller Regel auch zu guter Ausbildung und einem Job.

SZ: Jetzt klingen Sie wie Kurt Beck, der einem Hartz-IV-Empfänger riet, sich zu rasieren, um so mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Nolte: Mit Herrn Beck fühle ich mich in guter Gesellschaft. Wer im Wohnzimmer die berühmte Glasschale mit drei Kilo Süßigkeiten stehen hat, dem kann man sagen, dass sich das Geld auch anders investieren lässt, in Obst und Gemüse oder ein Buch zum Vorlesen zum Beispiel.

SZ: Jetzt blicken Sie aber von ziemlich weit oben auf die da unten herab.

Nolte: Ich fürchte, ich bin nicht abgehobener als die meisten anderen Akademiker auch. Vielleicht spitze ich die Dinge manchmal etwas zu.

SZ: Die Frage ist, welche Lösung Sie haben - außer dem Rat, keine Süßigkeiten zu essen.

Nolte: Der Staat muss Brücken bauen und Kinder aus der Unterschicht fördern, etwa mit außerschulischem Musikunterricht. Und wir haben ja immer noch ein gutes Netz öffentlicher Bibliotheken. Lesen ist kostenlos!

SZ: Schon wahr, aber trotzdem gehen viele Kinder nicht dorthin.

Nolte: Ja, die Frage ist eben: Wie bringt man die Kinder in die Bibliothek, wenn es die Eltern nicht tun? Da braucht es die helfende Hand des Staates.