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Reden wir über Geld:"Passionsspiele sind wie ein Sabbatical"

SZ: Was tun Sie im richtigen Leben?

Freier: Ich bin an meiner Doktorarbeit in Hamburg. Ich habe unbezahlten Urlaub genommen, ich wollte unbedingt mitspielen. Mein Chef ist Ami, der fand, das sei der coolste Antrag auf ein Urlaubssemester, den er je gesehen habe.

Richter: Ich hatte vor zehn Jahren genau die gegenteilige Erfahrung. Ich studierte in Regensburg und wollte freibekommen, um in Oberammergau mitzuspielen. Die Antwort der Professors: Lokalpatriotismus sei kein ausreichender Grund für ein Freisemester. Mei.

SZ: Wie viel Zeit nimmt das Mitspielen in Anspruch?

Freier: Passionsspiele sind wie ein Sabbatical. Du arbeitest neun Jahre und machst dann ein Jahr was komplett anderes. In der Tat kostet es dich ein ganzes Jahr. Das Casting für die Rollen, die Proben, die Spielzeit.

SZ: Was haben Sie für die Spiele aufgegeben, Herr Richter?

Richter: Ich habe vorher im Allgäu gelebt und dort ein Heim für Jugendliche aufgebaut. Meine Frau und ich wollten auf die Passionsspiele verzichten. Aber 2008 kam die Wende. Wir waren in Oberammergau, die Stadt war wie im Fieber, alle diskutierten, wer welche Rolle bekommt. Da hat uns das Fieber gepackt, das wir kennen, seit wir Kinder sind. Wir haben eine Nacht drüber geschlafen und entschieden: Wir kommen her. Wir haben alle beruflichen Brücken im Allgäu abgebrochen. Haben das Haus vermietet, für das wir uns verschuldet hatten.

SZ: Kehren Sie ins Allgäu zurück?

Richter: Nein. Ich bin jetzt hier Vater geworden. Und diese Gemeinschaft, die wir hier in Oberammergau durch die Passionsspiele bekommen, die kriegen wir sonst nirgendwo.

SZ: Hat Ihre Rolle Sie verändert?

Richter: Es hat mich tief zum Nachdenken gebracht. Wofür ist Jesus gestorben? Für die anderen Menschen. Es ging ihm um Nächstenliebe. Und worum geht's in unserer Gesellschaft meistens? Ums Geld. Aber was ist Geld gegen die Liebe zu anderen Menschen? Nichts. Ich glaube, dass die Spiele auch bei den anderen Darstellern viele Gedanken auslösen. Das ist eine großartige Erfahrung, genau wie die Gemeinschaft über viele Monate.

SZ: Wenn wir uns umschauen, haben wir das Gefühl, als ob es bei den Passionsspielen ums Geld geht. Während der Spiele sind 5000 Gäste im Ort - genauso viele wie Einwohner. Souvenirläden und Restaurants überall. Das wirkt kommerziell.

Richter: Kommerziell war Oberammergau schon immer. Es kommen halt all die Touristen. Aber das kratzt nicht an unserem Gemeinschaftserlebnis.

Freier: Es ist mehr globalisiert. Früher gab es überall die Schnitzkunst aus heimischer Produktion. Heute gibt es viele sehr billige Schnitzereien und seltsame Perlen. Die werden wohl eher in China als in Oberammergau produziert.

SZ: Ist es anstrengend, in einer Postkartenidylle zu wohnen?

Freier: Vielleicht kommt es einem nicht künstlich vor, wenn man hier aufgewachsen ist. Dann empfindet man das als echt, nicht als Pappmaché.

Richter: Hier ist schon alles mehr rausgeputzt. Im Ortskern sind leider mittlerweile Souvenirläden, wo man sich denkt: Muss das sein? War das früher schon so, als ich ein Kind war?

SZ: Die Kosten für die Spiele betragen 30 Millionen. Wie hoch ist der Gewinn?

Freier: Im Schnitt zahlen die Zuschauer 100 Euro pro Karte. Die billigsten kosten 25, die teuersten 160 Euro. Bei einer halben Million Zuschauer kommt man auf 50 Millionen - 20 bleiben übrig.

SZ: Was passiert damit?

Freier: Damit müssen Kredite bezahlt werden. Oberammergau hat knapp 30 Millionen Euro Schulden. Die Gemeinde hat ein Wellenbad und Skilifte gebaut. Die Kosten für Energie und Personal steigen und fressen uns auf. Im Grunde leben wir hier auf Pump, weil wir wissen, dass wir uns alle zehn Jahre durch die Spiele sanieren können. Hoffentlich.