Süddeutsche Zeitung

Reden wir über Geld:"Katzenfutter schmeckt gar nicht schlecht"

Wie Yvon Chouinard die Klettermarke Patagonia aus Versehen zum Erfolg führte und warum seine Kinder vor dem Essen die Hände nicht waschen.

A. Mühlauer

Wenn es einen Unternehmer gibt, der schon nachhaltig handelte, lange bevor Politiker das Wort in den Mund nahmen, dann ist es Yvon Chouinard. Der 70-Jährige setzt nicht nur bei Wanderjacken und Rucksäcken seiner Firma Patagonia auf umweltschonende Materialien. Ein Gespräch über die Zukunft des Wachstums.

SZ: Herr Chouinard, reden wir über Geld ...

Chouinard: ... Geld? Wissen Sie, ich tue mich wirklich schon schwer genug damit, mich als Geschäftsmann zu outen. Das ist so, als müsste ich zugeben, dass ich Alkoholiker bin.

SZ: Sie scherzen.

Chouinard: Ja, aber als ich jung war, in den Sechzigern, waren Unternehmer das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte. Niemand wollte so sein wie die.

SZ: Was wollten Sie damals werden?

Chouinard: Ich schmiede nie große Pläne. Es gibt Leute, die planen ewig, bis sie den ersten Schritt wagen. Wenn ich eine Idee habe, mache ich sofort einen Schritt nach vorn. Und wenn es sich gut anfühlt, mache ich noch einen Schritt. Falls nicht, gehe ich einen Schritt zurück.

SZ: Wann mussten Sie das letzte Mal rückwärts gehen?

Chouinard: Vor zehn Jahren kletterte ich in Hawaii. Ich stürzte ab und brach mir den Arm. Ein Helikopter brachte mich in die Klinik. Ich hatte nur eine Shorts an, keine Schuhe, keine Brieftasche dabei. Die Ärzte verweigerten die Behandlung: Ich konnte keine Versicherung nachweisen, ein Tag kostete 1000 Dollar. Sie verbanden den Arm und schickten mich weg. Um zwei Uhr nachts! Damals hörte ich auf, steile Wände zu klettern. Es fiel mir nicht leicht.

SZ: Aber ihr Arm ist jetzt okay?

Chouinard: Ja, ich war zu Hause beim Arzt - mit Versicherungskarte. (lacht)

SZ: Warum fingen Sie an zu klettern?

Chouinard: Ich mag keine Team-Sportarten. Da geht es doch nur darum, besser zu sein als die Mitspieler. Beim Klettern bin ich allein und kann frei sein.

SZ: Spielten Sie in der Schule nie Basketball?

Chouinard: Basketball! Machen Sie Witze? Dafür bin ich viel zu klein.

SZ: Waren Sie ein Außenseiter?

Chouinard: Ja. Ich wuchs in einem französisch-kanadischen Ort auf. Als meine Eltern nach Kalifornien zogen, konnte ich fast kein Englisch. Das war hart. Ich musste mich durchsetzen.

SZ: Wie haben Sie gelebt?

Chouinard: Wir hatten wenig Geld. Mein Vater war Klempner und oft krank. Nach der Schule wollte ich der Natur nahe sein. Meistens schlief ich draußen im Schlafsack. Es gibt Bäume, unter denen man trocken bleibt, egal wie es regnet.

SZ: Was haben Sie gegessen?

Chouinard: Alles, was die Natur so hergibt. Und zusätzlich kaufte ich Katzenfutter. Ein Laden in San Francisco verkaufte eingedellte Dosen zu einem sehr günstigen Preis.

SZ: Wie schmeckt Katzenfutter?

Chouinard: Gar nicht so schlecht. Aber nach einem Jahr, ich war dann 18, hatte ich davon genug.

Meine Mitarbeiter können machen was sie wollen

SZ: Wie haben Sie Geld verdient?

Chouinard: Ich habe Kletterhaken geschmiedet und das Stück für einen Dollar und 50 Cent am Yosemite Nationalpark verkauft. Sie waren viel feiner als die Haken, die es bereits gab. Also habe ich sehr gut verkauft. Das war mein Einstieg ins Business.

SZ: Heute beschäftigen Sie 1400 Mitarbeiter und stellen teure Sportkleidung für Kletterer, Surfer oder Wanderer her.

Chouinard: Ja, unsere Produkte sind nicht günstig. Aber ich will Kunden, die unsere Produkte brauchen - nicht diejenigen, die unsere Produkte nur wollen.

SZ: Das ist doch Wunschdenken. Das war einmal, als Sie ihre Sachen nur an Hardcore-Kletterer verkauften. Sie selbst sprachen über jene New Yorker, die Patagonia-Jacken tragen, wenn sie in ihrem Jeep zu ihrem Landhaus nach Connecticut hinausfahren.

Chouinard: (lacht) Wissen Sie, wir verkaufen denen einen Traum. Die führen doch ein schreckliches Leben in dieser großen Stadt. Aber klar, zugegeben, das ist ein großer Teil unseres Geschäfts.

SZ: Wie sehr trifft Sie die Finanzkrise?

Chouinard: Das letzte Geschäftsjahr war das beste unserer Geschichte. In der Krise geben die Menschen weniger Geld für Mode aus. Sie besinnen sich auf das Wesentliche und investieren lieber in Kleidung, die lange hält. Genau das machen wir. Ich liebe Rezessionen!

SZ: Aber in der Rezession 1991 mussten Sie 120 Mitarbeiter entlassen.

Chouinard: Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.

SZ: Was hatten Sie falsch gemacht?

Chouinard: Wir machten alle Fehler, die börsennotierte Firmen immer wieder machen. Wir wuchsen viel zu schnell. 30 bis 50 Prozent Wachstum pro Jahr - das ist verrückt, das kann nicht gutgehen.

SZ: Zunächst verdienten Sie gut.

Chouinard: Aber mir war nicht klar, was mein Unternehmen eigentlich sein sollte. Also habe ich Werte aufgeschrieben, auf die es mir ankommt.

SZ: Das sagen alle Manager.

Chouinard: Ich spreche von organischem Wachstum. Wir machen wenig Werbung. Wenn Produkte ausverkauft sind, wissen wir, dass wir zu wenig hergestellt haben. Und wir machen keine Schulden. So können uns auch keine Banken sagen, was wir zu tun haben.

SZ: Wie schaffen Sie organisches Wachstum?

Chouinard: Durch das, was ich MBA nenne. Diese drei Buchstaben stehen für "Management By Absence". Ich bin mal gerne sechs Monate nicht im Büro, sondern auf Expedition in Südamerika.

SZ: Und wer macht die Arbeit?

Chouinard: Wenn ich in der Natur unterwegs bin, kommen mir die besten Ideen. Auch meine Mitarbeiter können machen was sie wollen. Hauptsache sie machen ihre Arbeit.

SZ: Und wie soll das bitte gehen?

Chouinard: Ich nenne das "Flextime". Wenn zum Beispiel das Surfwetter großartig ist, sage ich meinen Mitarbeitern: Lasst uns surfen! Wir packen unsere Bretter, gehen an den Strand und haben zwei Stunden Spaß. Danach geht's zurück an den Schreibtisch.

"Ich will keine Business-School-Streber"

SZ: Welche Leute arbeiten bei Ihnen?

Chouinard: Nur eine Handvoll hat einen Wirtschaftsabschluss. Ich will keine Business-School-Streber. Bei mir arbeiten Soziologen, Biologen, Chemiker.

SZ: Was muss jemand haben, damit Sie ihn einstellen?

Chouinard: Sie müssen kreativ sein. So wie er hier (zeigt auf seinen PR-Berater Holger Bismann, der neben ihm sitzt). Wissen Sie, wie er aus Ost-Deutschland fliehen wollte? Er versuchte mit einem Trampolin über die Mauer zu springen!

Bismann: Es hätte geklappt. Zusammen mit einem Freund übte ich das tausend Mal. Aber er musste unbedingt seine Freundin mitbringen und die hat es nicht gepackt. Wir wollten dann über die ungarische Grenze. Dort wurden wir geschnappt und mussten ins Gefängnis.

Chouinard: (amüsiert sich köstlich) Solche Leute stelle ich ein!

SZ: Sie verdienen Millionen. Was machen Sie mit all dem Geld?

Chouinard: Ich habe so viel, das brauche ich gar nicht. Also gebe ich die Hälfte meines Verdienstes an gemeinnützige Organisationen.

SZ: Für was geben Sie Geld sonst aus?

Chouinard: Ich brauche nicht viel. Ich kaufe meine "Organic Jeans" für 15 Dollar bei Wal Mart. Ich bin sparsam.

SZ: Stimmt es, dass Sie Ihren Kindern verboten haben, vor dem Essen die Hände zu waschen, um Wasser zu sparen?

Chouinard: Ja, und ich hatte recht. Kinder müssen mit Dreck in Berührung kommen, sonst sind sie gegen jeden Dreck allergisch. Meine Kinder mussten auch überfahrene Tiere essen, die schmeißt man nicht einfach weg.

SZ: Gibt es andere Firmen, die Sie um Rat fragen, wie man nachhaltig wirtschaften und gleichzeitig wachsen kann?

Chouinard: Klar, ich würde auch Exxon Mobil beraten, grüner zu werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass man das Patagonia-Konzept keiner anderen Firma überstülpen kann. Man muss mit dem ersten Mitarbeiter, den man einstellt, anfangen. Ich habe heute das Glück, dass ich für einen Job unter 900 Bewerbern den besten aussuchen kann.

SZ: Viele Europäer glauben, dass Amerika unter der Obama-Regierung grüner wird. Eine naive Vorstellung?

Chouinard: Ich befürchte ja. Die Mehrheit der Amerikaner schert sich nicht um die Umwelt. Es gab vor kurzem eine Umfrage, was den Menschen wichtig ist: Da rangiert die Rettung des Planeten auf Platz 19. Wie kann ich da optimistisch sein, dass sich etwas ändert?

SZ: Warum geben Sie nicht auf?

Chouinard: Weil es kein Geschäft gibt, das man auf einem toten Planeten machen kann. Wir alle müssen es endlich kapieren: Unser Shareholder ist die Erde.

Das Buch: Yvon Chouinard, "Lass die Mitarbeiter surfen gehen!", Redline Verlag, 280 Seiten, 24,90 Euro.

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Quelle:
SZ vom 30.10.2009/tob
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