Reden wir über Geld: Katja Kipping Die vier Arten von Arbeit

SZ: Wie viel verdienen Sie denn?

Kipping: Etwa 7800 Euro brutto.

SZ: Haben Sie Aktien?

Kipping: Ich halte nichts von Moralismus. Adorno hat gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Im Rahmen eines Systems, in dem viele Sachen ganz anders sind, als man es als Linker will, gibt es kein widerspruchsfreies Handeln.

SZ: Das heißt, Sie haben Aktien?

Kipping: Nein. Ich hab mir mal Finanzprodukte mit tollem Namen einreden lassen. Seit längerem setze ich wieder auf das gute alte Sparbuch und das Festzinssparen. Das bringt nicht so viel Profit, hat aber auch keine negativen Auswirkungen. Da wird kein Druck auf Unternehmen aufgebaut, Leute zu entlassen.

SZ: Den meisten Menschen reicht die gesetzliche Rente nicht, sie müssen privat vorsorgen. Die niedrigen Zinsen, die es für festverzinsliche Wertpapiere gibt, genügen nicht.

Kipping: Wenn mein Mitbewohner einen Brief von der Rentenversicherung bekommt, macht er ihn nicht auf. Das frustriere ihn zu sehr, sagt er.

SZ: Und was sagen Sie ihm, soll er privat vorsorgen?

Kipping: Ich bin aus gutem Grund keine Finanzberaterin geworden. Ich könnte ihm nicht mit gutem Gewissen sagen, dass er sein Geld in Fonds anlegen soll. Gleichzeitig sehe ich, dass die Rente immer weniger vor Altersarmut schützt.

SZ: Was sagen Sie ihm als Politikerin?

Kipping: Ich kämpfe dafür, dass die gesetzliche Rentenversicherung so gestärkt wird, dass keiner unter 800 Euro im Alter fällt.

SZ: Das kriegen Sie doch nie hin.

Kipping: Jede Politikerin, die verhindern will, dass es jede Menge Altersarmut geben wird, muss das fordern.

SZ: Eine Ihrer Hauptforderungen ist das bedingungslose Grundeinkommen in Höhe von 950 Euro. Wie kommen Sie genau auf diesen Betrag?

Kipping: Das soll nicht nur Brot und Butter ermöglichen, sondern auch kulturelle Teilhabe. Dafür braucht man zwischen 800 und 1000 Euro. Das ist durch Studien belegt.

SZ: Und das soll jeder Bürger bekommen, auch wenn er keine Lust hat, arbeiten zu gehen? Das ist doch absurd.

Kipping: Alle reden nur von Erwerbsarbeit. Aber es gibt vier Arten von Arbeit, die gleichwertig sind: die Erwerbsarbeit, die Fürsorgearbeit, die politisch-gesellschaftliche Arbeit und Arbeit an sich selbst, vorstellbar als Muße oder Weiterbildung.

SZ: Der Mensch ist von sich aus faul. Sicher würden einige angesichts von 950 Euro das Arbeiten einstellen.

Kipping: Der Mensch hat immer beides in sich: den Wunsch sich einzubringen und den inneren Schweinehund. Was die Oberhand gewinnt, hängt auch vom Bildungswesen und dem konkreten Arbeitsumfeld ab. Wenn man erreichen möchte, dass Menschen sich mehr einbringen in die Gesellschaft, dann darf man nicht die finanziellen Daumenschrauben anlegen. In unserer Gesellschaft sind doch die Maßstäbe verkehrt. Workaholics, die 80 Stunden pro Woche arbeiten und keinen Handgriff zu Hause machen, gelten als erfolgreich. Dabei ist nicht jede Erwerbsarbeit automatisch Leistung an der Gesellschaft.