Reden wir über Geld: Karin Beier "Streichungen gehen immer zu Lasten der Kunst"

SZ: Mancher hat den Eindruck, die Finanzkrise wäre ein thematischer Jungbrunnen für das Theater.

Beier: Das Theater hat sich mehr politisiert und wird durch die Wirtschaftskrise befeuert. Wir haben am Kölner Schauspielhaus gemeinsam mit dem Thalia Theater die Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek uraufgeführt. Ich glaube, es wird noch einige spannende Arbeiten zur Finanzkrise auf den Bühnen geben, zumal wir noch nicht im Tal der Tränen angekommen sind, es wird noch enger. Davon gehe ich jedenfalls aus.

SZ: Kann man sich Stadttheater in Deutschland im bisherigen Umfang noch leisten?

Beier: Die Summen, über die wir hier reden, sind relativ gesehen zum Gesamtbudget der öffentlichen Haushalte eher gering. In einer reichen Gesellschaft wie der unseren ist das also keine Frage des Könnens, es ist eine Frage des Wollens. Und es gibt wirklich gute Gründe, sich das Stadttheater leisten zu wollen: Das Stadttheater-Modell in Deutschland ist einzigartig in der Welt. Es gibt nirgends solche Freiheiten und Möglichkeiten für Theatermacher. Das gilt auch für das Musiktheater - in der ganzen übrigen Welt gibt es zusammengenommen weniger Opernhäuser als in Deutschland.

SZ: Kann man auch in einer Garage gutes Theater machen?

Beier: Sicher, ich war ja selbst lange in der freien Szene tätig. Für bestimmte Theaterformen brauchen Sie aber einen Apparat. Das deutsche Stadttheater ist ein produzierender Repertoire-Betrieb, der beispielsweise auch die Inszenierungen eines Bob Wilson stemmen kann. Ohne die personellen, materiellen und finanziellen Ressourcen einer großen Bühne gäbe es diese Theaterformen gar nicht.

SZ: Kann man als Intendantin die Einnahmen durch die Stückauswahl gestalten?

Beier: Ich sehe uns als ein Institut, welches den Zuschauern etwas abverlangen darf. Hebbel, Grillparzer oder Jelinek sind anstrengend - aber ich finde es ist wichtig, dass das Publikum sich damit auseinandersetzt. Viele Zuschauer mögen es, dass man nicht in vorauseilendem Gehorsam das Niveau senkt.

SZ: Sie kämen nicht auf die Idee wie andere Intendanten freiwillig auf Subventionen zu verzichten und das Theater mit Musicals zu füllen?

Beier: Ich will Musical oder Komödie nicht abtun, aber da gibt es in einer Stadt wie Köln andere, die dieses Feld abdecken. Dann würde ich lieber zurück in die freie Szene gehen.

SZ: Welchen Anteil machen Schauspieler und Regisseure an den Gesamtkosten des Theaters aus?

Beier: Der Apparat mit seinen 750 Mitarbeitern für Oper und Schauspiel verursacht 80 Prozent fixe Personal- und Sachkosten. Nur 20 Prozent sind frei bewegliche Gelder für Kunst wie Regisseure, Ensemble oder Dramaturgen. Im Ensemble sind gerade einmal 20 Schauspieler. Bei Kürzungen schreit man auf, weil man an den Apparat nur langfristig ran kann. Streichungen gehen immer erst einmal zu Lasten der Kunst.