Reden wir über Geld: Jürgen Flimm:"Geld verdirbt Kreativität nicht"

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SZ: Gucken Sie bei Ihren Inszenierungen aufs Geld?

Flimm: Ich habe nie in meinem Leben ein Defizit gemacht. Ich sagte meinen Leuten immer: Wir kriegen Geld vom Staat, um Theater zu machen, und müssen damit sorgfältig umgehen. Gehen die Steuereinnahmen runter, müssen wir auch gewappnet sein, weniger zu bekommen.

SZ: Ist mal eines Ihrer Projekte am Geld gescheitert?

Flimm: Beinahe. Am Hamburger Thalia Theater planten wir das Musical "Black Rider" von Tom Waits, inszeniert von Robert Wilson. Dem Aufsichtsrat sagten wir: Im Moment haben wir eine Million Defizit. Aber ich besorge das Geld. Das Stück wurde ein Welterfolg.

SZ: Kann zu viel Geld Kunst auch kaputtmachen?

Flimm: Quatsch, Geld verdirbt Kreativität nicht. Das ist so ein romantisches Gerücht. Plácido Domingo verdient viel, singt aber deshalb nicht schlechter. Im Gegenteil, er ist ein Genie.

SZ: Sie sind Rheinländer - sind Sie eine Frohnatur?

Flimm: Was soll das sein?

SZ: Vielleicht das Gegenteil eines Depressiven?

Flimm: Dann bin ich keine Frohnatur. Jeder hat doch Depressionen. Ich auch. Jeder ist manchmal müde im Kopf und niedergeschlagen. Das muss man aushalten.

SZ: Sie nehmen das Leben also nicht leicht?

Flimm: Quatsch. Nur dass ich Optimist bin, das stimmt.

SZ: Und harmoniebedürftig?

Flimm: Wer das nicht ist, muss zum Psychiater gehen. Hier arbeiten gut 500 Leute; wäre ich nicht nett zu ihnen, käme ich nicht weit.

SZ: Können Sie gut mit Streit umgehen?

Flimm: Das habe ich gelernt. Auf jeder Probe gibt es doch Konflikte: Was denkst du, was denk ich, wie können wir das lösen? Bei einer Krise mache ich eine Zigarettenpause. Danach geht es weiter.

SZ: Rauchen Sie deshalb?

Flimm: Jedenfalls rauche ich nur im Beruf. Zu Hause und in den Ferien zünde ich mir keine Zigarette an.

SZ: Eine Frohnatur sind Sie nicht. Ist etwas anderes an Ihnen typisch rheinländisch?

Flimm: Ich liebe Kölsch ...

SZ: ... und Karneval?

Flimm: Wenn ich früher am Rosenmontag in München saß, war ich ganz traurig, weil ich nicht dabei war. Aber ich habe mich entwöhnt. Der Bezug zu Köln ist nicht mehr so da.

SZ: Bald werden Sie 70. Wie lange wollen Sie noch arbeiten?

Flimm: Solang' ich kann.

SZ: Was würden Sie am meisten vermissen, wenn Sie noch mal von 1600 Mark leben müssten?

Flimm: Die Wohnung: Stuck an der Decke, ein paar schöne Bilder von Robert Longo, Daniel Richter, Karl Lagerfeld und meinem Großvater, 120 Quadratmeter. Damals in München, mit meiner damaligen Frau und den fünf Kindern, hatten wir ebenso viel Platz. Heute sind wir zu zweit.

Interview: Alina Fichter

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