Reden wir über Geld: Jürgen Flimm:"Ich brauche warme Räume"

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SZ: Was war in dieser Zeit das Schlimmste für Sie?

Flimm: Die Kälte. Immer fror ich. Bis heute habe ich eine Kältephobie. Ich brauche warme Räume.

SZ: Kunst, Theater - Ihre heutige Welt hatte damals keinen Platz, oder?

Flimm: Es gab ein altes Kino, in dem sonntags um elf Uhr Filme liefen, die ich als Kind nicht verstand. Zum Glück gab es die Großmutter, sie spielte phantastisch Klavier. "Die Fledermaus" konnte sie auswendig.

SZ: War das Ihr Anstoß, Künstler zu werden?

Flimm: Nein. Ich hatte einen wunderbaren Bruder, ein echter Überflieger. Er war begabt und sah sehr gut aus. Immer hatte er die schönen Mädchen. Unmöglich für mich, dagegen anzukommen.

SZ: Wie schaffte er es, sich die Frauen zu angeln?

Flimm: Er war ein exzellenter Schlagzeuger und spielte Jazz mit berühmten Menschen. Er trommelte und schwitzte, das beeindruckte die Mädchen. War ich neidisch! Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Frauen immer den Trompeter und den Schlagzeuger anhimmeln? Leider nicht deren kleinere Brüder.

SZ: Wie gingen Sie damit um?

Flimm: Ich suchte mir ein anderes Feld: ein Kasperletheater, mit dem ich oben auf dem Dachboden spielte. Ich erfand Dialoge für die Puppen. Ein paar von ihnen besitze ich noch. Irgendwann fing ich an, Stücke zu schreiben, ich war wohl acht.

SZ: Sahen Sie sich auch manchmal Aufführungen an?

Flimm: Mein Vater war Theaterarzt. Er bekam die Karten gratis, also durfte ich mit. Heimlich hoffte ich, dass einem Schauspieler schlecht wird, dann durfte ich mit hinter die Bühne und mir ansehen, was da los ist - spannend.

SZ: Sie wuchsen in Armut auf und wollten ausgerechnet Künstler werden?

Flimm: Mein Vater fand das nicht gut. Mein Bruder studierte tags Architektur und spielte nachts Schlagzeug. Ich schrieb mich für Theaterwissenschaften ein und spielte in einem kleinen Theater. Mein Vater hätte uns schwer bestochen, wären wir Ärzte geworden!

SZ: Eigentlich wollten Sie doch Theologie studieren.

Flimm: Aber ich traute mich nicht. Ich hatte Angst, es nicht zu schaffen.

SZ: Hört sich an, als hätten Sie kein großes Selbstbewusstsein gehabt damals.

Flimm: Kann sein.

SZ: Haben Sie heute noch manchmal Versagensangst?

Flimm: Wer keine Versagensangst hat, ist dumm. Der bringt es zu nichts. Wer beim Inszenieren keine Angst davor hat, dass es nicht gelingt, kann es gleich sein lassen.

SZ: Wer entscheidet, ob etwas gelungen ist? Die Kritiker?

Flimm: Nein. Ich. Am Ende der Proben spüre ich genau, ob ich es hingekriegt habe. Ob es dem Publikum gefällt, weiß ich vorher nie; keiner weiß das. Sonst gäbe es nur Bestseller und Blockbuster.

SZ: Vor 30 Jahren sagten Sie: Ein gutes Theater ist ein volles Theater.

Flimm: Der Kunde ist das Kriterium. Was hat man von einem tollen Stück, das sich niemand ansieht? Wenn mir etwas wirklich gelungen ist, gehen die Leute auch rein.

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