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Reden wir über Geld: Felix Magath:"Ich verdiene immer zu wenig"

Fußball-Lehrer Felix Magath über Gehälter im Profisport, die Finanzsorgen seines Vereins Schalke 04, bittere Momente in seiner Karriere - und warum er sich vom damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß über den Tisch ziehen ließ.

Felix Magath, 57, wurde als Mittelfeldregisseur deutscher Meister und Vizeweltmeister. Als Trainer hatte er lange den Ruf eines strengen Lehrmeisters, der Vereine vor dem Abstieg rettete, aber oft gefeuert wurde, bevor er langfristig Erfolg haben konnte. Seitdem sucht er in Clubs mehr Einfluss, etwa in dem er zusätzlich Manager wird. So gewann er mit dem VfL Wolfsburg 2009 zur Überraschung der Nation die Meisterschaft, nur um danach erneut überraschend zum hoch verschuldeten Traditionsclub Schalke 04 zu wechseln. Zum Saisonauftakt spricht er über Zwänge, Druck und ein Leben für den Fußball.

VfR Aalen v Schalke 04 - DFB Cup

Felix Magath: "Wer mit einer Truppe Erfolg haben will, muss die Richtung vorgeben."

(Foto: Bongarts/Getty Images)

SZ: Herr Magath, reden wir über Geld. Fußballtrainer schlurften lange Zeit im Trainingsanzug zum Spiel. Warum kamen Sie als einer der ersten im Anzug?

Magath: Im Ausland ist so was schon länger üblich. Für mich ist das Spiel am Samstag der Höhepunkt der Arbeitswoche, da will ich angemessen elegant sein.

SZ: Sie legen auch Wert auf schicke Brillen.

Magath: Ich hab sogar mal Werbung für einen Brillenhersteller gemacht.

SZ: Wie viel brachte das ein?

Magath: Wie viel es einbrachte weiß ich nicht mehr genau, weil es aber eine Art Freundschaftsdienst war, wird es sich nicht sonderlich ausgezahlt haben. (Er denkt kurz nach, ruft dann seine Frau an.) Sie weiß es auch nicht.

SZ: Ihre Frau hat länger als Managerin bei Langnese gearbeitet, Sie übernehmen bei Ihren Vereinen, wie jetzt auch bei Schalke 04, immer mehr Manageraufgaben. Tauschen Sie sich aus?

Magath: Sie kennt die Gepflogenheiten im Büro besser als ich. Ich war ja Fußballer. Sie riet mir etwa, darauf zu achten, dass ranghöhere Mitarbeiter im Verein die besten Büros bekommen. Weil sonst das Gefüge durcheinandergerät. An so was dachte ich nicht. Sie liegt immer besser, was die Einschätzung von Menschen angeht.

SZ: Interessant.

Magath: Sie war dabei, als ich Bayern-Trainer werden sollte und wir bei den Rummenigges zu Hause waren. Uli Hoeneß fragte: "Was willst Du denn verdienen?" Ich sagte: "Das ist mir eigentlich wurscht." Da bekam ich von meiner Frau einen Tritt ans Schienbein. Leider war es zu spät.

SZ: Hat Hoeneß Ihr Zögern ausgenutzt?

Magath: Klar. Ich verdiente bei Bayern zu wenig. Wenn Sie mich fragen, verdiene ich immer zu wenig.

SZ: Auch jetzt bei Schalke?

Magath: Klar.

SZ: Dabei gab es schon genug Aufregung um das Gehalt von angeblich neun Millionen Euro für Sie und Ihren Trainerstab.

Magath: Aufregung gibt es ja immer, auch wenn sie oft fehl am Platz ist. Meine Erfahrung ist: Was ich preiswert zu erringen glaubte, hat mich meistens im Nachhinein viel mehr gekostet.

SZ: Wann zum Beispiel?

Magath: Ich habe damals als Fußballer wegen 30 Prozent Rabatt ein Auto ausländischen Fabrikats gekauft. Als ich es ein paar Wochen später verkaufen wollte, war es schon 40 Prozent weniger wert. Weil ich nicht so viel Verlust einstecken wollte, bin ich den Wagen lieber noch lange gefahren. Schlauer wäre gewesen, ich hätte mir gleich für ein paar tausend Mark mehr einen Mercedes gekauft. Das wäre billiger gewesen.

SZ: Geht es im Profifußball vor allem um Geld, wie viele behaupten?

Magath: Es ist ja nicht so, dass wir aus Romantik zusammen Fußball spielen. Natürlich schauen alle nach dem Geld. Im Profifußball geht es immer nur ums Geld. Das muss man sich eingestehen.

SZ: Es geht nur ums Geld? Wer sagt, dass es um Tradition oder Kreativität ...

Magath: ... oder Schönheit geht, der geht mit sich nicht ehrlich um. Mein Trainer Branko Zebec in Hamburg sagte schon vor 30 Jahren: Der beste Trainer ist der, bei dem du am meisten verdienst.

SZ: Ist der FC Bayern mit seiner wirtschaftlichen Macht einholbar?

Magath: Uli Hoeneß hat die Bayern Anfang der achtziger Jahre geformt, weil er aufs Geld achtete. Damals war der HSV sportlich noch besser, aber er fiel dann zurück. Im Moment ist der Abstand zwischen Bayern und den anderen zu groß. Das liegt auch daran, dass die Fußballorganisation UEFA ein zu starkes Gewicht auf die Champions League legt. Alle versuchen, sich für die Champions League zu qualifizieren, weil da so viel Geld zu verdienen ist. Dafür gehen Mannschaften hohe Risiken ein. Wie Schalke vor zwei Jahren. Im Vertrauen auf 30 Millionen Euro aus der Champions League hat man teure Spieler gekauft, aber scheiterte in der Qualifikation. Dann tritt die finanzielle Katastrophe ein.

"Ich bin immer nervös"

SZ: Schalke drücken jetzt 250 Millionen Euro Schulden. Sind Sie vor diesem Saisonstart nervöser als sonst?

Magath: Ich bin immer nervös. Aber ich bin nicht bereit, finanziell alles auf eine Karte zu setzen, um auf jeden Fall in die Champions League zu kommen.

SZ: War Ihnen vor Ihrem Kommen klar, wie schwierig die Finanzlage ist?

Magath: Nein. Der Verlust in der Saison 2008/2009 war am Ende deutlich höher als die 13 bis 15 Millionen Euro, die man mir gesagt hatte.

SZ: Wurden Sie getäuscht?

Magath: Dass der Verlust höher ausfallen würde, hätte man vorher wissen können.

SZ: Sie haben als Vorstandssprecher in Schalke viel mehr Macht und Verantwortung als andere Trainer. Was tun Sie, um die Schulden zu reduzieren?

Magath: Wir haben dem Großverdiener Kuranyi kein neues Vertragsangebot gemacht. Außerdem haben wir unter anderem Asamoah und Bordon verabschiedet sowie Rafinha und Westermann verkauft, die alle gut verdienten. Als ich kam, verdiente jeder Spieler im Schnitt knapp 91000 Euro im Monat, ohne Prämien. Ich habe die Grundgehälter der Neuverpflichtungen um 20 Prozent gesenkt. So verdient der aktuelle Kader im Schnitt nur noch gut 73000 Euro.

SZ: Waren Profis wegen der Finanzklemme bereit, auf Gehalt zu verzichten?

Magath: Nur einer.

SZ: Sie haben zwar den spanischen Weltstar Raul verpflichtet, aber: Ist das Team nach Ihren finanziellen Kunststücken stark genug für die Champions League?

Magath: Das ist ja die Kunst. Ich weiß es nicht.

SZ: Sie gewannen als Mittelfeldregisseur mit dem HSV die Champions League und wurden Vizeweltmeister. Trotzdem sagte Ihr Trainer Ernst Happel mal, Sie seien zu harmoniesüchtig fürs Fußballgeschäft: Der wird nie was.

Magath: Er hat gesagt, ich sei ein Klosterschüler.

SZ: War da was dran?

Magath: Ja, klar. Ich bin naiv.

SZ: Haben Sie sich für die Trainerkarriere bewusst verändert, eine harte Schale zugelegt? Sie galten als Trainer ja lange als "Quälix", als Diktator. Der abgewanderte Spieler Rafinha motzt, nach Ihrem Training könne er General werden.

Magath: Er hätte was Schlimmeres sagen können (lacht). Ich unterscheide zwischen mir als Mensch und mir als Trainer. So habe ich das bei meinem Hamburger Trainer Zebec gelernt: Professionell Arbeiten bedeutet Emotionen weglassen. Kein Ausweinen, keine Chance, sich zu beschweren. Das mag man als militärisch empfinden. Wer mit einer Truppe Erfolg haben will, muss die Richtung vorgeben. Sonst käme bald jeder wie Rafinha zu spät zum Trainingsauftakt.

SZ: Das klingt hart.

Magath: Zebec hat damals von Gladbach einen Stürmer geholt. Der machte jedes Vorbereitungsspiel mit. Dann sagte Zebec: Du spielst heute Linksaußen. Der Spieler sagte: Ich kann nicht Linksaußen. Danach hat er nie mehr gespielt.

"Es war kein Geld da"

SZ: Sie waren bei Bayern München der Trainer von Sebastian Deisler, als der einen Rückfall in die Depression hatte und schließlich aufhörte. 2009 brachte sich der depressive Nationaltorhüter Robert Enke um. Ist im erfolgsverdammten Fußball keine Zeit, sich um so sensible Spieler zu kümmern?

Magath: Aus meiner Sicht sind solche Spieler im medizinischen Sinne krank und ich bin kein Arzt oder Psychologe. Deisler war schon vor mir da. Uli Hoeneß war seine Bezugsperson. Deshalb habe ich keine Veranlassung gesehen, mich als Bezugsperson aufzudrängen. Der FC Bayern mit seinem Erfolgsdruck war für Deisler der verkehrte Club. Freiburg oder Bremen sind Orte, wo so ein Spieler sich eher zurecht finden würde.

SZ: Was waren die bittersten Momente in Ihrer Karriere?

Magath: Bitter war, als ich im verlorenen WM-Finale 1986 gegen Argentinien ausgewechselt wurde. Es war ja mein letztes Nationalmannschaftsspiel. Bitter war auch die Entlassung als Trainer in Hamburg, wo ich vorher mehr als zehn Jahre Spieler war. Getroffen hat mich dann am meisten die Entlassung in Frankfurt 2001. Da hatte ich viel investiert. Die Eintracht war Tabellenletzter, als ich sie nach der Rückrunde übernahm. Wir haben die Klasse gehalten, ohne Geld für neue Spieler. In der neuen Saison schlugen wir die Bayern, waren Fünfter. Dann bildete sich eine unheilsame Allianz zwischen Präsidium und Mannschaft - Spieler jammerten und beklagten sich. Wir verloren sechs Spiele in Folge - bis zu meiner Entlassung.

SZ: Sie wuchsen ohne den Vater auf, einen US-Soldaten. War das Geld knapp?

Magath: Knapp? Es war keins da. Die ersten Fußballschuhe trug ich drei, vier Jahre. Sie sehen das heute noch an meinen Zehen. Meine Mutter musste viel arbeiten, der Club war eine Art Ersatzfamilie, der ich emotional sehr verbunden war. Nachdem wir umgezogen waren, bin ich als Achtjähriger noch ein Jahr zu Fuß die vier Kilometer zum Training bei meinem alten Club gelaufen. Fußball wurde mein Leben.

SZ: Waren solche Emotionen ein Grund, von Wolfsburg zum klammen Traditionsverein Schalke 04 zu wechseln?

Magath: Bei Schalke gibt es eine riesige Erneuerungsaufgabe. Wenn man älter wird, möchte man vielleicht gebraucht werden.

SZ: Sie jagen von Erfolg zu Erfolg, Sie bezeichneten sich selbst mal als getrieben. Dabei könnten Sie sich finanziell längst zur Ruhe setzen. Könnten Sie das?

Magath: Nein. Das merkte ich schon als Manager in Hamburg, wo ich ja immerhin was zu tun hatte. Aber da fehlte mir der Kick jedes Wochenende, Jubeln oder Weinen.

SZ: Ist es auch eine Folge der vielen bitteren Entlassungen, dass Sie versuchen, nicht nur Trainer zu sein, sondern auch Manager oder Vorstand?

Magath: Ich hatte immer Erfolg mit Mannschaften, die teils schlecht standen. Aber sobald der Erfolg da war, wollten andere zu viel mitbestimmen. Da war ich nicht geschickt genug, und daran bin ich im Grunde immer gescheitert. Deshalb will ich mehr Einfluss haben, um meine Leistung abzusichern.

SZ: Sie geben viel für Ihre Arbeit, leben jetzt in Düsseldorf, vorher in Wolfsburg, aber Ihre zweite Frau und Ihre drei Kinder wohnen nach wie vor in München. Sehen Sie die oft genug?

Magath: Es ist nicht so einfach. Früher in Wolfsburg kamen die Kinder jedes Wochenende. Jetzt haben sie schon ihre eigenen Aktivitäten, spielen Fußball und Tennis, da sehen wir uns weniger. Das beschäftigt mich schon.