Reden wir über Geld:"Frau Lehrerin, ich werde Hartzer"

SZ: Und wenn Sie es doch erfahren, weil mal wieder einer denunziert hat?

Buschkowsky: Dann können Sie einen Brief zum Beispiel nach Pakistan schreiben, das hat die gleiche Wirkung, als ob in der Mongolei eine Tür zufällt.

SZ: Muss eine demokratische Gesellschaft und ein Sozialstaat nicht mit einer gewissen Missbrauchsquote leben?

Buschkowsky: Ja, mit einer Grundlast müssen wir leben, aber unser Sozialsystem ist nicht dafür gemacht, dass es die alleinige Lebensgrundlage bildet. Das Sozialsystem beruht auf dem Grundsatz: "Wer unverschuldet in Not gerät, den fängt die Gesellschaft auf". Inzwischen ist es aber in Schulen im Neuköllner Norden völlig normal, dass Kinder der Lehrerin, die ihnen sagt, sie sollen gut lernen, damit sie später ordentlich Geld verdienen können, erwidern: "Frau Lehrerin, das Geld kommt doch vom Amt." Oder Jugendliche sagen auf der Hauptschule: "Ich werde Hartzer."

SZ: Was läuft falsch in unserem Sozialsystem?

Buschkowsky: Es fordert zum einen nicht konsequent das Einbringen der eigenen Kompetenzen und es ist zum anderen nach oben offen, das heißt, ich kann mit der Kopfzahl der Familie mein Einkommen steuern. Eine Facharbeiterfamilie mit zwei Kindern muss womöglich auf das dritte Kind verzichten, weil sie dann eine größere Wohnung braucht, die sie sich aber nicht leisten kann. In einer Hartz-IV-Familie ist das kein Problem, weil mit der Zahl der Köpfe auch der Rechtsanspruch auf die Wohnungsgröße wächst. Die Miete, die für einen Normalhaushalt eine Rechengröße ist, ist im Transferbereich überhaupt kein Thema.

SZ: Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass es langzeitarbeitslosen Hartz-IV-Empfängern besser geht als Menschen mit einem Job.

Buschkowsky: In bestimmten Konstellationen kann das durchaus das Ergebnis sein. Nehmen wir mal einen Neuköllner Handwerker mit einem hier normal üblichen Lohn von 10,50 Euro die Stunde. Der kommt inklusive Kindergeld für drei Kinder auf 1829 Euro netto im Monat. Der Hartz-IV-Empfänger mit drei Kindern erhält dagegen mehr als 2000 Euro. Und je höher die Kinderzahl, desto größer wird der Unterschied. Was soll da um Himmels willen jemanden veranlassen, ein Jobangebot von 1800 Euro brutto anzunehmen, wenn er 2000 Euro Hartz IV ausbezahlt bekommt. Das hat gerade bei Minderqualifizierten eine lähmende Wirkung. Deshalb hat sich, selbst im letzten Wirtschaftsboom, die Zahl der Hartz IV-Empfänger in Neukölln nur marginal bewegt. Im Einzelfall ist das menschlich verständlich, auf Dauer gesehen muss so das System aber kollabieren.

SZ: Und was ist mit der alleinerziehenden Mutter, die Hartz-IV bezieht?

Buschkowsky: Hier ist es genau anders herum. In keinem Land der OECD werden Alleinerziehende so benachteiligt wie in Deutschland. Sie sind die wirklichen Verlierer unserer Gesellschaft. Versuchen Sie mal mit einem Kind, zwölf Jahre alt, mit 700 Euro monatlich über die Runden zu kommen! Das geht eigentlich gar nicht.

SZ: Was sollte sich ändern?

Buschkowsky: Für Alleinerziehende müssen wir die Hartz-IV-Sätze anheben. Gleichzeitig brauchen wir eine Begrenzung nach oben.

SZ: Phantasieren Sie nicht ein bisschen? Von Hartz IV zu leben, kann für eine große Familie doch nicht attraktiv sein.

Buschkowsky: Wir reden hier über Bevölkerungsschichten, die zum Teil aus Ländern kommen, in denen das Jahreseinkommen eines Arbeiters zwischen 50 und 500 Dollar liegt. Wir zahlen bei Familien mit drei Kindern umgerechnet mehr als 3000 Dollar, und zwar monatlich. Alles, was sie sich jemals erträumt haben, ein regelmäßiges Einkommen, immer genug zu essen, eine Wohnung mit einer richtigen Toilette, alles das hat sich damit für sie erfüllt. Und sie können sogar zweimal im Jahr nach Hause fliegen und Geschenke mitnehmen. Deshalb haben sie auch nicht den Ehrgeiz, ihre Lebenssituation zu verändern. So wie es ist, sind sie mit ihrem Leben zufrieden.

SZ: Wie wollen Sie denn von Hartz IV zweimal im Jahr zum Beispiel in die Türkei fliegen oder etwa in Anatolien ein Haus bauen?

Buschkowsky: In vielen Herkunftsländern der Migrantenfamilien ist Kinderreichtum auch heute noch üblich und wird auf hiesige Verhältnisse übertragen. Die Wohnungen sind häufig überbelegt und oft haben die Kinder keine eigenen Betten und Schreibtische, sie schlafen auf Matratzen und machen die Hausaufgaben, wenn überhaupt, liegend auf dem Fußboden. Als Statussymbol hat Elektronik große Bedeutung. Der Flachbildschirm kann nicht groß genug sein, Handy und MP3-Player immer neuester Standard. Hinzu kommt die informelle Wirtschaft, also die Schwarzarbeit. Es handelt sich um Parallelgesellschaften, und die funktionieren nicht so wie die deutsche bürgerliche Gesellschaft.

SZ: Was wollen Sie anders machen?

Buschkowsky: Wir können das bei den Eltern nicht mehr ändern, aber wir dürfen nicht zulassen, dass sich diese Defizite in den Kindern fortpflanzen. Dass Mutter und Vater keine Chance hatten, eine Schule zu besuchen, darf nicht dazu führen, dass aus dieser Familie Kinder mit 16 die Schule verlassen, die auch die Sprache dieses Landes weder mündlich noch schriftlich beherrschen. Wenn die Eltern zur größten Gefahr für ihre Kinder werden, müssen wir eingreifen. Die Kinder sind das Kapital der Gesellschaft. Wenn schon im Kindergarten das Scheitern prognostiziert werden kann, dürfen wir weder nur zusehen noch wegschauen. Die Gesellschaft muss intervenieren. Das ist mehr als Gipfel veranstalten.

SZ: Das, was Sie hier schildern, gilt doch nicht für alle Hartz-IV-Empfänger. Sie machen die Ausnahme zur Regel.

Buschkowsky: Ausnahme und Regel sehen bei uns so aus, dass wir in Neukölln Schulen haben, in denen 90 Prozent der Eltern von der Zuzahlung bei den Lernmitteln befreit sind. Das heißt, fast kein Elternteil in diesen Schulen steht in einem regelmäßigen Erwerbsleben. Die Kinder werden sozialisiert, ohne dass es zu Hause jemanden gibt, der morgens früh aufsteht, ja, die Kinder kennen schon fast keinen mehr, der arbeiten geht. Es fehlen schlicht die Vorbilder. Damit es hier kein Missverständnis gibt: Das ist weder eine Frage des Sozialtransfers noch der Nationalität. Ich rede hier von Bildungsferne, von bei der Erziehung überforderten Eltern, und diese Probleme sind unethnisch.

SZ: Neukölln ist aber nicht Deutschland.

Buschkowsky: Ob sie nun Dortmund-Nord, Duisburg-Marxloh, Hamburg-Wilhelmsburg, Bremerhaven, München-Hasenbergl oder sonst wie heißen. Es gibt viele Neuköllns, weil die Situation überall dieselbe ist. Bei uns gibt es große Gebiete, in denen drei von vier Kindern Hartz IV beziehen. Und die Entwicklung ist dynamisch. Im Jahr 2004 waren in ganz Neukölln 33 Prozent aller Eltern von der Zuzahlung bei den Lernmitteln befreit. Im Jahr 2008 waren es 50 Prozent. Wir hatten vor vier Jahren 48 junge Intensivtäter, jetzt sind es 214. Das sind Jungs, zu 90 Prozent aus Migrantenfamilien, die es mit 18 Jahren auf Dutzende Straftaten bringen, ganze Straßenzüge terrorisieren und damit der Integration erheblich schaden. Ein durchgreifender Erfolg gegen diese Entwicklung ist uns noch nicht gelungen. Wir müssen verhindern, dass der kleine, siebenjährige Bruder des Serientäters auch zum Schläger wird.

SZ: Was wollen Sie anders machen?

Buschkowsky: Wir brauchen eine in ihren Werten selbstbewusste Gesellschaft, die interveniert und nicht nach dem Laisse-Faire-Prinzip wegschaut. Bei der Integration regelt sich gar nichts von allein. In Neukölln-Nord haben wir heute einen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund von 55 Prozent. In unseren Schulen sind es 80 bis 100 Prozent. Wenn wir wollen, dass Neukölln-Nord auch in zehn Jahren noch eine Stadt mit mitteleuropäischem Wertekanon ist, dann dürfen wir die Dinge nicht treiben lassen.

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