Reden wir über Geld: Berthold Huber "Warum soll ich ein oder zwei Millionen verdienen?"

SZ: Wie schlimm ist eine Entlassung für jemand? Es gibt ja immer wieder die Behauptung, der moderne Beschäftigte arbeite gerne als Nomade, voll flexibilisiert in unterschiedlichen Projekten für unterschiedliche Arbeitgeber.

Huber: Ich hab damals als Betriebsrat bei der Busfirma Kässbohrer einen Sozialplan für Entlassungen gemacht. Da kamen die Leute und sagten verzweifelt: "Berthold, was soll ich jetzt tun?" Sowas stecke ich nicht weg. Nie. Deshalb bin ich bei der IG Metall geblieben.

SZ: Gab es Angebote aus der Industrie?

Huber: Es gab immer wieder hoch dotierte Angebote ...

SZ: ... für?

Huber: Sag ich nicht.

SZ: Warum haben Sie es nicht gemacht?

Huber: Warum soll ich ein oder zwei Millionen verdienen? Das ist mir fremd. Bushido hat doch in einem Ihrer Geld-Interviews gesagt, Geld sei die geilste Droge. Für mich gilt das nicht.

SZ: Kommen Sie, Spitzengewerkschafter stehen doch auch auf Geld. Steinkühler, einer Ihrer Vorgänger als IG-Metall-Chef, stolperte über ein Insidergeschäft mit Daimler-Aktien.

Huber: Das war falsch. Ich frage mich allgemein: Dieser Drang nach Geld, woher kommt er? Ich entscheide in Aufsichtsräten über Vorstandsgehälter und wundere mich oft: Warum hat der unbedingt vier Millionen im Jahr nötig, der hat doch schon zwei?

SZ: Sie sitzen im Porsche-Aufsichtsrat, der eine Abfindung von 50 Millionen Euro für den damaligen Chef Wendelin Wiedeking beschloss. War das nötig?

Huber: Die Anteilseigner argumentierten damals, aus ihrer Sicht werde die Abfindung schon aus vertragsrechtlichen Gründen zwischen 144 und 200 Millionen betragen. Wir sagten: Er kriegt nichts. Am Schluss stand ein Kompromiss. Fragen Sie mich nicht, ob ich es gerecht fand.

SZ: Was verdienen Sie als IG-Metall-Chef?

Huber: 261000 Euro im Jahr. Davon bleibt etwa die Hälfte übrig.

SZ: Dazu kommt das Geld für Ihre Aufsichtsratsmandate bei Siemens oder VW.

Huber: Zum Beispiel 253000 Euro von Siemens letztes Jahr. Davon gebe ich 90 Prozent an die gewerkschaftseigene Hans-Böckler-Stiftung, wie es bei uns verbindlich festgelegt ist. Der Rest wird normal versteuert. Mein Ältester sagt: Papa, bist du verrückt? Ich erklär ihm dann, warum das sehr in Ordnung ist.

SZ: Fliegt der IG-Metall-Chef eigentlich Business Class?

Huber: Nur auf Langstrecke. Innerhalb Europas fliege ich fast immer Economy.

SZ: Anders als viele Gewerkschaftsfunktionäre ...

Huber: ... und mit der Bahn fahre ich zweiter Klasse. Wenn ich mir im Bordbistro einen Kaffee hole, sagen manchmal Leute: Sie sind doch der Huber, warum fahren Sie nicht erste Klasse? Und ich sage: Warum fahren Sie nicht?

SZ: Sie wurden jung Betriebsratschef von Kässbohrer, einer Firma mit immerhin 5000 Mitarbeitern. Mit 34 Jahren schmissen Sie plötzlich hin, um zu studieren. Warum?

Huber: Weil ich nie damit zufrieden war und bin, wie viel ich weiß.

SZ: Warum landeten Sie dann wieder bei der IG Metall?

Huber: Als ich nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten war für meine Magisterarbeit, las ich, was die Gewerkschaft so alles plante. Ich schrieb dem damaligen Vorsitzenden Franz Steinkühler einen Brief, dass er die Dynamik unterschätze. Er bügelte mich erst ab, wie er manchmal war. Zehn Tage später rief er an und sagte: Berthold, kannst Du da im Osten was für uns machen? So kam ich wieder zur Gewerkschaft. In so eine Organisation verstricken Sie sich schnell.

SZ: Was wurde eigentlich aus Ihrem Radikalismus?

Huber: Der nahm über die Jahre ab. Ein grundlegender Wendepunkt war, als ich im Osten gesehen habe, wie wenig Selbstbewusstsein die Menschen hatten. Die selbst ernannte Arbeiterpartei hat die Arbeiter entmündigt. Damals hab ich beschlossen, mich nie mehr nur ideologisch oder opportunistisch zu verhalten.

SZ: Kaum waren Sie hauptamtlich bei der IG Metall, haben Sie sich gegen die 30-Stunden-Woche gestellt, die der Vorsitzende Klaus Zwickel forderte.

Huber: Genau. Ich hab der IG Metall immer gesagt, dass ich bin, wie ich bin.

SZ: Sie sind nicht laut. Andere Gewerkschafter schon. Erwarten die Mitglieder keine Parolen von ihnen - "Arbeitgeber sind Schweine" und so?

Huber: Ich kann schon laut sein, wenn nötig. Aber eine Gewerkschaft braucht auch ein paar intellektuelle Siege, um einen Tarifabschluss durchzusetzen. Laut reicht nicht. Es beeindruckt meine Kinder überhaupt nicht, wenn ich laut bin.