Reden wir über Geld (8): Claus Peymann "Unser Reichtum ist gestohlen"

Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, über Ausbeutung im Weltmaßstab, was er für Kommunismus à la Brecht übrig hat und warum er sich nicht zum Robin Hood eignet.

Interview. Alexander Hagelüken und Alexander Mühlauer

SZ: Herr Peymann, reden wir über Geld. Warum veröffentlichen Sie als einziger Berliner Theatermacher jeden Monat ihre Zuschauerzahlen?

"Ich verdiene hier 75 000 Euro weniger als in Wien. Ich hab' mir in den Hintern gebissen." Claus Peymann leitet das Berliner Ensemble.

(Foto: Foto: AP)

Claus Peymann: Am liebsten würde ich jeden Tag Bilanz ziehen. (lacht) Ich spüre einen gewaltigen Rechtfertigungsdruck gegenüber den Steuerzahlern, von denen unser Theater viel Geld bekommt - und die zum allergrößten Teil selbst nie ins Theater gehen. Anderen Intendanten ist das schnurz, die lassen sich den Hintern mit Subventionen vergolden und wenn sie scheitern, kassieren Sie dicke Abfindungen.

SZ: Wer zum Beispiel?

Peymann: Sage ich nicht! In ihren Aufführungen predigen sie den Anstand und benehmen sich selbst wie Ferkel. Das finde ich widerwärtig. Allen sollte doch klar sein: das Theater steht nicht mehr im Mittelpunkt, deshalb müssen wir uns stärker rechtfertigen. Otto Rehhagel sagt: Guter Fußball ist, wenn man gewinnt. Ich sage: Gutes Theater ist ein ausverkauftes Theater. Und ich bin der Berliner "Quotenkönig".

SZ: Vielleicht weil Sie nicht mehr provozieren wie früher. Die Touristen lieben Ihre Klassiker-Inszenierungen. Ein Kritiker schreibt über Sie: gestern für die Nation ein Muss, heute Reisebus.

Peymann: Ich freue mich über jeden Theaterbesucher! Unser Spielplan ist riskant und nicht kommerziell. Die Hälfte der Autoren sind Zeitgenossen: Handke, Strauß, Tabori, Bernhard - und natürlich Brecht. Unser Spielplan ist der Aufklärung verpflichtet. Das interessiert viele Theaterleute heute nicht. Ist das altmodisch? Theaterkritiker sind sowas von unerheblich! Ich werde seit 20 Jahren verrissen und bin immer noch da. Offenbar mache ich ja was richtig.

SZ: Wozu braucht der Quotenkönig 10,5 Millionen Subventionen im Jahr?

Peymann: Ohne ging es nur zur Zeit von Sophokles und Aischylos. Da hatte das Theater 30.000 Plätze und wurde auch tagsüber bespielt. Heute rechnet es sich nur, wenn Harald Schmidt auftritt. Außerdem liegen wir mit den Subventionen nur knapp vor dem Gorki-Theater, dem Armenhaus der Stadt. Die Schaubühne dagegen oder das Deutsche Theater, und die Volksbühne schwimmen im Geld. Ich fordere Bilanzzahlen von allen!

SZ: Vielleicht ist das abendländische Theater ein Medium von gestern.

Peymann: Solange es Menschen gibt, wird es das Theater geben! Immer wieder werden Theaterkrisen von außen beschworen aber: Theater ist Krise. Natürlich machen wir Fehler. Heute fehlen die großen Geschichten, nach denen die Leute lechzen. Sie rennen ja auch in Ausstellungen der alten Meister und in die großen Kinofilme.

SZ: Warum nicht ins Theater?

Peymann: Heute hat das Theater seine eigentlichen Stärken verraten, durch eine absurde Überhöhung des Regisseurs. Die Kritiker jubeln jeden Regie-Pupser hoch, auf Kosten der Schauspieler, die ein Publikum erst verzaubern können, eine Vorstellung zu einem Fest machen. Und es gibt noch ein Problem: Das Fernsehen klaut uns die Schauspieler, ohne sich an deren Ausbildung zu beteiligen.

SZ: Wie klauen die?

Peymann: Im Fernsehen bekommen selbst junge Darsteller schon 2000 Euro pro Tag, um diese unsägliche TV-Scheiße zu spielen. Am Theater verdienen Anfänger im Monat 1800 Euro.

Fortsetzung auf der nächsten Seite: Wen interessieren schon die Probleme der Regiejungstars

SZ: Klingt alles ein bisschen wie Ausreden für die Schwäche des Theaters.

Peymann: Heute wird Theater manchmal zu einer egomanischen Nabelschau. Wen interessieren die Probleme, die Regiejungstars mit ihrem Pimmel oder ihrer Mutti haben? Das Theater ist vielerorts von einer moralischen Anstalt zu einer Schmuddelbude verkommen. Natürlich habe ich nichts gegen Nackte auf der Bühne, wenn es überzeugt.

SZ: Warum ist die Globalisierung kein Thema für Sie?

Peymann: Uns fehlen die Stücke, um diese Globalisierung abzubilden. Brecht konnte das noch. Die Gegenwartsdramatik interessiert sich nicht für die Bedrohung, die von diesem auf die Spitze getriebenen System des Weltkapitalismus ausgeht. Ausbeutung ist jetzt endlich auch im Weltmaßstab möglich. Manchmal wird noch die Fratze des Kapitalismus sichtbar, bei diesem Tanz auf dem Vulkan. Nehmen Sie die Wahnsinnsgagen der verantwortlichen Manager. Europa baut längst an einer Mauer, gegen die die Berliner Mauer ein Witz war: gegen die Dritte Welt! Und Afrika begehrt auf. Boatpeople auf Teneriffa und überall. Unser Reichtum ist gestohlen.

SZ: Diese These ist doch völlig überholt.

Peymann: Das müssen Sie ja sagen sonst hätten Sie ja nicht Ihren Job im Wirtschaftsteil der Süddeutschen.

SZ: Das entbindet Sie nicht davon, einen Beleg für Ihre These zu liefern.

Peymann: Das muss ich Ihnen wirklich erklären? Die Globalisierung ist meiner Ansicht nach die höchste Perfektion des Raubtierkapitalismus. Wo sind denn die Milliarden geblieben, die in den amerikanischen Investment-Papieren verzockt wurden. Wo? Deshalb inszeniere ich hier am BE Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe". Die Story eines Fleischhändlers, der die Märkte von Chicago monopolisiert - und über Leichen geht, mit den auch heute üblichen Methoden: Sanierung durch Massenentlassung, Gewinn durch Preistreiberei. So funktioniert doch Kapitalismus.

SZ: Brechts Lösung war Kommunismus.

Peymann: Ach ja? Dann bin ich eben auch ein Kommunist, denn ich glaube wie Brecht daran, dass diese Welt verbesserbar ist und gerechter werden muss.

SZ: In welchem Land hat Ihr Modell je funktioniert?

Peymann: Das ist nun wirklich die dümmste Frage! (lacht)

SZ: Wir möchten nur von Ihnen lernen. (lachen)

Peymann: Sie erwarten doch nicht von mir, dass ich die Welt rette. Bin ich Jesus Christus? Und selbst sein Traum von der Erlösung der Welt wurde nie Realität. Wir schreien auf über den Schmerz des Menschen und über die Ungerechtigkeit der Welt. Theater ist Traumfabrik, Utopie, Laboratorium der Zukunft.

SZ: Sie schmähen die Marktwirtschaft, die Sie für Ihre Kunst gerne einsetzen. Sie lieben den Wettbewerb, sonst würden Sie keine Zuschauerzahlen veröffentlichen. Und Sie organisieren das Berliner Ensemble als GmbH - mit sich als Chef und Eigentümer in Personalunion.

Peymann: Die Struktur des Berliner Ensembles ist ideal! Wir haben viele Freiheiten, die Staatstheater und Staatsbühnen so nie haben. Der Vorteil ist, dass wir unser Budget gezielt gestalten können. Wir müssen Rücklagen bilden - und haben tatsächlich in den vergangenen Jahren drei Millionen Euro Gewinn angehäuft. Ein solcher Gewinn ist einmalig in der subventionierten Theaterszene.

SZ: Zeit für eine Subventionskürzung.

Peymann: So denkt, zu meinem Leidwesen, der Bürgermeister Klaus Wowereit auch. Aber dieses Polster ermöglicht es uns, einmalige Großprojekte wie Peter Steins "Wallenstein" - der Höhepunkt der vergangenen Theatersaison - zu riskieren und die Arbeit mit Stein und Brandauer fortzusetzen, oder auch mit Bob Wilson eine "Dreigroschenoper" herauszubringen.

SZ: Sie verlängern Ihren Intendanten-Vertrag selbst. Wenn der Senat Sie nach Ablauf des Vertrags 2009 loswerden will, müsste er wohl eine dicke Abfindung zahlen. Das ist ja wie bei Ihren Feindbildern, den US-Vorstandschefs, die mit 70 Millionen Dollar Abfindung gehen.

Peymann: Das wäre schön! (lacht) Aber leider ist dem nicht so.

SZ: Das Geld hätten Sie schon gerne.

Peymann: Nein, ich habe ja genug. Ich brauche keine Datscha, keine Yacht und kein Haus in der Toscana! Nichts für die Ewigkeit! Theaterleute sollten nicht sesshaft sein.

SZ: Was kostet Ihre Villa hier?

Peymann: 3272 Euro Miete, plus Heizung. Sauteuer. Aber ich wollte unbedingt einmal im Leben in einem Haus mit Garten wohnen.

Fortsetzung auf der nächsten Seite: "Sie Geldfritzen entlarven mich bei gar nichts."

SZ: Sie verdienen 200.000 Euro Gage im Jahr, heißt es.

Peymann: Wenn Sie es sagen, wird es stimmen. Ich habe keine Ahnung. Ich öffne den grauen Umschlag nicht.

SZ: Wie verträgt sich Ihre Gage mit der Ankündigung, "ein Reißzahn im Arsch der Mächtigen" zu sein?

Peymann: Soll ich hungern, weil ich für eine andere Gesellschaft bin? Sie Geldfritzen von der SZ entlarven mich bei gar nichts. Als ich nach Berlin kam, sagte ich dem Kultursenator: Ich möchte 10.000 Mark im Jahr mehr verdienen als der bestbezahlte Intendant. Das war damals Frank Castorf von der Volksbühne. Die Gage wurde genehmigt. Nachher stellte ich fest, dass ich 150.000 Mark im Jahr weniger verdiente als vorher in Wien. Ich hab' mich in den Hintern gebissen.

SZ: Schlecht verhandelt.

Peymann: Der Castorf hat schon zweimal den Vertrag verlängert und kriegt jetzt bestimmt mehr als ich. Leider sagen mir die Senatoren nicht, wieviel. (lacht)

SZ: Sie tun uns leid. Mit 70 beziehen Sie zusätzlich eine Rente, oder?

Peymann: Drei sogar. 900 Euro normale Rente aus Deutschland, für die ich Jahrzehnte eingezahlt habe. 1100 von der Bayrischen Versicherungsanstalt und 2100 Euro Wiener Burgtheaterpension, die sehr österreichisch als "Ruhezeitgenüsse" bezeichnet werden.

SZ: Beziehungen zu Dramatikern waren Ihnen wichtig. Nach George Taboris Tod schrieben Sie: Seit Thomas Bernhards Sterben bin ich nur noch ein halber Mensch, jetzt vielleicht gar keiner mehr.

Peymann: Das schreibt man so hin. In Wahrheit bin ich nicht zu Freundschaften fähig. Das Theater schluckt meine ganze sinnliche Energie.

SZ: Und Ihre Rolle als Vater?

Peymann: Ich wurde Vater, als meine Ehe zerbrochen war. Im Grunde war ich ein Rabenvater. Erst jetzt ist das Verhältnis zu meinem Sohn besser geworden. Die Vaterrolle habe ich eher - langsam, mit Skepsis - am Theater übernommen. Man verlangte es von mir. Das heißt aber nicht, dass ich mich jemals der Verantwortung entzogen habe. Ich war stets bereit, auch schmerzhafte Entscheidungen zu fällen. Beispielsweise einem Schauspieler zu sagen: Du kannst diese Rolle nicht spielen, die spielt ein anderer.

SZ: Der Utopist Peymann ist im Theater kein Basisdemokrat.

Peymann: Nein. Künstlerische Fragen sind nicht kollektiv zu beantworten. Insofern ist Kunst Diktatur. Das gilt aber nicht für das Theater. Das Berliner Ensemble wird in allen Bereichen von einem wunderbaren und hochqualifizierten Team geführt. Alles ist transparent und wird von allen getragen, fast immer.

SZ: Fast?

Peymann: Neulich habe ich den Diktator gespielt und das Haus für eine Casting-Show von Dieter Bohlen vermietet. Das fanden alle anderen schrecklich. Aber wir haben viel Knete kassiert - ausreichend, um damit eine Produktion auf der Probebühne mit einem jungen Regisseur zu finanzieren.

SZ: Haben Sie gar keine Hemmungen?

Peymann: Ich lasse mir, wenn's passt, auch einen Daimler ins Foyer stellen, wenn die uns dafür 100.000 Euro geben. Damit leisten wir uns dann Brandauer, Wilson - oder etwas anderes. Shakespeare ließ sich auch von seiner Queen bezahlen und war trotzdem subversiv.

SZ: Finden Sie es subversiv, RAF-Terroristen wie Christian Klar ein Praktikum anzubieten?

Peymann: In Klar findet sich etwas vom tragischen Scheitern unserer Generation wieder: Unser Wunsch nach einer besseren Gesellschaft, unsere Wut auf den Krieg in Vietnam. Wie und womit können wir uns wehren? Wo ist die Grenze? Wenn Sie in Frankfurt bei einer Demonstration von einem Polizeipferd niedergeritten werden wie ich, ist es nur ein kleiner Schritt in die Illegalität.

SZ: Was hielt Sie ab?

Peymann: Ich eigne mich nicht zum Robin Hood. Meine Arbeit im Theater ist meine politische Arbeit.

SZ: Egal wie viel Sie über die Kritiker schimpfen, man merkt, dass Sie der fehlende Zuspruch der letzten Jahre schmerzt, dieser Vorwurf, Ihre Aufführungen seien museal.

Peymann: Manchmal ist das Museum die bessere Welt: Ein Platz für Aufbrüche und Ort das Gute zu bewahren und nicht zu vergessen. Ich will kein Zyniker werden um zu überleben. Mein Prinzip bleibt die Hoffnung. Das erkennen die Menschen. Solidarität mit den Schwachen und den Mächtigen die Maske herunterzureißen, das ist der Ausgangspunkt. Die Künstler prägen das Gesicht eines Landes. Sonst gäbe es ja nur noch Angela Merkel und Roland Koch in diesem Land. Hätte ich diese Hoffnung nicht, wäre ich besser Bankdirektor geworden. Das hätte ich bestimmt auch ganz gut gemacht!