Süddeutsche Zeitung

Reden wir über Geld (26): Günter Wallraff:"Ich bin Triebtäter"

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Bestseller-Autor und Journalist Günter Wallraff über seine Motivation, sein abgewetztes Sakko - und die Angewohnheit, immer alles aufzuessen.

Thomas Öchsner

Die Tür seines Kölner Hauses öffnet eine Assistentin. "Herr Wallraff kommt gleich", sagt die junge Frau und führt in eine Art Gartenhaus, die frühere Klavierwerkstatt seiner Großeltern. Ein Holztisch, auf dem eine Ausgabe von Salman Rushdies "Satanischen Versen" liegt, antike Schränke, ein Klavier - und überall Steine. Mitten auf dem Tisch hat Wallraff einen Reibstein aus Mali platziert, der aussieht wie ein überdimensionales Baguette. "Das ist hier mein Konferenzraum und mein Ort der Ruhe", sagt er später. Am Vortag wirkte der Bestseller-Autor und Undercover-Journalist noch gehetzt. "Ich bin jetzt in einer Rolle", nuschelte er ins Telefon und legte auf. Heute hat Wallraff Zeit, um über alles zu reden - auch über Geld und seine Steine.

SZ: Herr Wallraff, Sie waren jahrelang abgetaucht. Jetzt sind Sie mit Ihren Berichten über die Missstände in Callcentern und der Fabrik, die für Lidl Brötchen backt, wieder auf allen Kanälen zu sehen. Brauchen Sie wieder Geld, weil die Tantiemen aus Ihren Büchern nicht mehr reichen?

Günter Wallraff: Nein, das war und ist nicht mein Antrieb. Ich bin nicht arm. Aber ich war ein Schmerzpatient; meine Bandscheibenprobleme haben mich jahrelang außer Gefecht gesetzt. Ich hatte mir schon überlegt, dass meine letzte Rolle im Alters- oder Pflegeheim stattfindet, da hätte ich mich gar nicht so sehr verstellen müssen.

SZ: Waren Sie nicht auch müde und ausgebrannt, nach Ihren Büchern über die Bild-Zeitung und Ihren Erfahrungen, als der Mann, der der Türke Ali war?

Wallraff: Da kam vieles zusammen. Die Erwartungshaltung an eine neue Rolle war sehr hoch. Und die vielen Prozesse gegen mich haben auch Kraft und Zeit gekostet. Aber ich war nicht untätig. Oft geht die Hälfte meiner Arbeitszeit dafür drauf, Menschen zu helfen und zu beraten, die mit Unrechtsfällen zu mir kommen oder mir schreiben.

SZ: Klingeln einfach Menschen bei Ihnen und erhoffen sich von Ihnen Hilfe?

Wallraff: Es ist nicht selten, dass Leute mit Schwierigkeiten vor der Tür stehen. Hier und da gelingt es mir dann zu helfen. Zum Beispiel kümmere ich mich gerade um Lehrlinge in einem Gourmet-Betrieb, die bis zu 16 Stunden am Tag fast ohne Pausen arbeiten müssen. Ich habe mit dem Inhaber und der zuständigen Industrie- und Handelskammer gesprochen und hoffe jetzt, dass sich das ändert - auch ohne Veröffentlichung.

SZ: Und für so etwas verlangen Sie kein Geld?

Wallraff: Ich mache das unentgeltlich und finanziere auch Arbeitsgerichtsprozesse. Mir macht das Freude, und es macht Sinn. Aber nicht immer kann ich die Erwartungen erfüllen, und dann mache ich mir auch schon mal Feinde.

SZ: Günter Wallraff, der Kummerkasten der Nation?

Wallraff: Ich bin Triebtäter und fühle mich zu Menschen hingezogen, denen gravierendes Unrecht geschieht, die ausgebeutet werden, sich ohnmächtig fühlen und sich nicht wehren können.

SZ: Sie waren wie viele Menschen nach dem Krieg in Ihrer Kindheit bitterarm. Wie wirkt sich das heute aus?

Wallraff: Das hat manchmal komische Züge. Zum Beispiel kann es vorkommen, dass ich nach einem gemeinsamen Abendessen in einem vornehmen Restaurant das übriggelassene Gericht eines Tischnachbarn aufesse, wenn mein Teller schon leer ist. Das mache ich selbst bei Leuten, die ich nicht so gut kenne.

SZ: Sind Sie geizig?

Wallraff: Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein Genießer und lade ständig Freunde und Gäste zum Essen ein. Aber ich habe ein teures Sakko, das ziehe ich an bei Fernsehsendungen wie Arbeiter ihren Blaumann zur Arbeit, weil man in gewissen Talk-Runden offenbar ernster genommen wird, wenn man so etwas trägt. Irgendwann war der Stoff abgewetzt. Da habe ich mit Schuhwichse diese Stellen geschwärzt. Im Fernsehen sieht man das ja nicht so, wenn Sie sich nicht gerade auf ein weißes Ledersofa begeben.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum Günter Wallraff in Deutschland gebraucht wird und warum er ein Problem mit seinem Namensbruder Günther Jauch hat.

"Ich bin Triebtäter"

SZ: Sind Sie bei Ihren Honoraren auch so genügsam?

Wallraff: Seit mir ein befreundeter Kabarettist vor kurzem erzählt hat, dass er bei Veranstaltungen teilweise das bis zu Fünffache verdient, schaue ich schon genauer hin. Wenn ein Veranstalter einen Etat hat und Gewinne erwirtschaftet, will ich durchaus Geld sehen. Wenn es um eine wohltätige gemeinnützige Sache geht, verlange ich oft gar nichts. Und davon gibt es genug.

SZ: Haben Sie das Gefühl, dass Sie in Deutschland gebraucht werden?

Wallraff: Ja. Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft entsolidarisiert. Sich persönlich einzubringen, für eine Sache geradezustehen und notfalls Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, das nimmt ab. Mir fehlt auch der Austausch über die Lager und die politischen Schranken hinweg. Wir leben in so einer Pseudo-Konsensgesellschaft, wo Menschen abgeschottet in Insidergruppen unter sich bleiben. Ich nenne das Kastengesellschaft, nicht Klassengesellschaft.

SZ: Ist das auch bei Ihren Freunden, den Gewerkschaften so?

Wallraff: Es ist ja kein Zufall, dass denen die Mitglieder weglaufen. Ich habe angeregt, dass junge Gewerkschaftssekretäre sich vorübergehend wieder in die Fabriken hineinbegeben, wo Gewerkschaften nicht geduldet sind und Betriebsräte herausgemobbt werden. Auf diese Weise könnte man mehr über die Arbeitsbedingungen in Erfahrung bringen und dafür sorgen, dass solche Betriebe sich an die Grundrechte halten.

SZ: Sie wünschen sich viele Günter Wallraffs in Deutschland?

Wallraff: Nach meinen Veröffentlichungen in der Zeit und im Fernsehen habe ich hunderte von Zuschriften über Parallelfälle bekommen. Das zeigt doch, dass es noch viel aufzudecken gibt. Ich versuche deshalb gerade, ein paar Leute davon zu überzeugen, dass wir eine Stiftung brauchen, die jüngere Journalisten bei verdeckten und investigativen Recherchen mit einem Stipendium unterstützt. Dann könnte aus dem, was ich im Kleinen mache, eine Bewegung entstehen. Ich sehe durchaus ermutigende Zeichen, dass sich etwas ändert. Und ich erreiche mit meinen bescheidenen Mitteln zur Zeit mehr, als ich es mir erträumt habe.

SZ: Aber Günther Jauch ist bei Ihnen noch nicht vorstellig geworden?

Wallraff: Ich habe ihn immer wieder herausgefordert und ihn mehrfach der indirekten Beihilfe zum Betrug bezichtigt. Der honorige Herr Jauch ist ja als die bekannte Werbefigur der Türöffner für den Betrug mit SKL-Losen. Mindestens 80 Prozent der SKL-Lose werden mit Telefondrückermethoden, das heißt mit falschen Versprechungen unter Berufung auf Günther Jauch unters Volk gebracht. Ohne Jauch würde das gar nicht funktionieren. Und das weiß er auch, der ist ja nicht dumm.

SZ: Haben Sie anderswo mehr erreicht?

Wallraff: Es wird eine Gesetzesänderung geben, die auch auf den Druck der Verbraucherschützer zurückgeht: Wer aus einem Callcenter anruft, darf seine Telefonnummer künftig nicht mehr unterdrücken. Außerdem wird das Widerrufsrecht ausgeweitet. Und das Strafgeld wird drastisch erhöht. Vor allem aber legen die Menschen häufiger auf, wenn ihnen jemand am Telefon überteuerte Telefontarife, Lottosysteme oder zum Beispiel Druckerpatronen aufschwatzen will. Das höre ich zumindest von Informanten aus den Callcentern.

Lesen Sie im dritten Teil, warum Günter Wallraff kein Mitleid mit Trickbetrügern hat und wieso er sich selbst nicht als Millionär bezeichnen würde.

"Ich bin Triebtäter"

SZ: Betrachten Sie es auch als Erfolg, wenn in einem Callcenter, in dem Sie gearbeitet haben, von 600 Leuten 450 ihren Job verloren haben?

Wallraff: Ich habe damit kein Problem, wenn Trickbetrügern das Handwerk gelegt wird.

SZ: Auch wenn Sie Leute zum Hartz-IV-Fall machen?

Wallraff: In einem Callcenter, in dem ich gearbeitet habe, mussten wir Gastronomen eine Tafel mit Auszügen aus dem Jugendschutzgesetz für 89 Euro aufschwatzen, indem wir uns als Behörde ausgaben. Dabei kann sich das Gesetz jeder kostenlos aus dem Internet herunterladen. Diese Selbstverleugnung halten in solchen Callcentern sowieso 90 Prozent der Mitarbeiter nicht länger als ein halbes Jahr aus. Und einige, die hier arbeiten, sind schon ehemalige Hartz-IV-Empfänger. Die wurden von der Arbeitsagentur quasi dahin zwangsverpflichtet.

SZ: Was haben Ihre Berichte über die Niedrig-Löhner in der Fabrik gebracht, die Lidl-Brötchen backt?

Wallraff: Ich habe noch regelmäßig Kontakt zu etlichen Kollegen. Ich weiß zum Beispiel, dass sich der Inhaber unter dem Druck der Öffentlichkeit vor seinen Arbeitern entschuldigt und wörtlich gesagt hat: "Ich wusste ja gar nicht, was für ein Arschloch ich war." Es gibt jetzt einen neuen, unabhängigen Betriebsrat. Die Mitarbeiter haben 24 Prozent mehr Lohn bekommen. Das Unternehmen hat den Tarifvertrag unterschrieben. Und die Mitarbeiter haben jetzt längere Schutzhandschuhe, die gehen bis hoch zum Ellbogen, um sie vor Verbrennungen zu schützen. (Wallraff zieht sein Sweatshirt hoch und zeigt auf die fast wieder verheilten Verbrennungen am Unterarm). Am Anfang hat der Fabrikbesitzer auch seine Leute gegrüßt, aber das soll schon wieder nachgelassen haben.

SZ: Besteht nicht die Gefahr, dass das Rad wieder zurückgedreht wird, wenn sich die öffentliche Empörung gelegt hat?

Wallraff: Diese Gefahr besteht in solchen Fällen immer. Ich habe zum Beispiel gehört, dass der Besitzer neue Arbeiter über Leiharbeitsfirmen auf 400-Euro-Basis einstellt. Auf diese Weise kann er den Tarifvertrag umgehen.

SZ: Warum tun Sie sich das eigentlich noch an? Wegen des Geldes müssten Sie doch gar nicht mehr arbeiten.

Wallraff: Ich fühle mich heute zehn Jahre jünger als vor zehn Jahren. Es macht wieder Spaß. Und was meine Rücklagen angeht, die reichen für die nächsten zehn Jahre.

SZ: Dann sind Sie Millionär?

Wallraff: Mit oder ohne Hausbesitz gerechnet?

SZ: Ohne.

Wallraff: Dann bin ich längst kein Millionär. Außerdem habe ich auf den Immobilien noch jede Menge Hypotheken.

Lesen Sie im vierten Teil, wie Günter Wallraff sein Geld angelegt hat und wie er mit argentinischen Anleihen auf die Nase fiel.

"Ich bin Triebtäter"

SZ: Wie haben Sie Ihr Geld angelegt?

Wallraff: Keine Aktien.

SZ: Warum nicht?

Wallraff: Dieses Auf und Ab behagt mir nicht. Dann müsste ich genau hinschauen, dass ich nicht in Unternehmen investiere, die verwerfliche Geschäfte machen. Sie kommen da in ein Geflecht von Überlegungen rein, das vergiftet. Ich habe einmal so einen Fehler gemacht.

SZ: Welchen?

Wallraff: Da hatte mir die örtliche Sparkasse Argentinien-Anleihen empfohlen. Ich hatte einen Teil meiner Ersparnisse darin angelegt. Und dann war das plötzlich kaum noch etwas wert. Ich war anschließend gespalten. Denn ich habe verstanden, dass das Land keine Zinsen mehr zahlen wollte oder konnte.

"Ich bin Triebtäter"

SZ: Wie haben Sie Ihr Geld angelegt?

Wallraff: Festgeld, 4,7 Prozent Zinsen. Da brauche ich nicht unruhig zu schlafen.

SZ: Sonst nichts?

Wallraff: Ich habe auch Lebensversicherungen.

SZ: Der Mann, der sich bei Gerling als Portier eingeschlichen hat, um hinter die Fassaden eines Versicherungskonzerns blicken zu können, schmeißt gerade denen das Geld hinterher. Erstaunlich.

Wallraff: Ich habe das gemacht, als ich sehr risikoreich lebte. Ich wollte meine Kinder und meine Frau absichern. Zwei Policen sind ausbezahlt, in die andere zahle ich noch ein. Die geht bis zum 70. Lebensjahr. Ich weiß schon, Kritiker sagen, wenn ich das Geld selbst angelegt hätte, wäre ich besser gefahren. Aber da wäre ich vielleicht in Versuchung gekommen, das Geld vorher auszugeben.

SZ: Haben Sie schon Ihre gesetzliche Rente beantragt?

Wallraff: Das macht ein Freund für mich, der für amnesty international arbeitet und sich für ein Entgelt um meine finanziellen Angelegenheiten kümmert. Ich habe gerade den Rentenbescheid erhalten, es sind genau 564 Euro im Monat.

SZ: Sind Ihre Steine auch eine bestimmte Form von Geldanlage?

Wallraff: Ha (lacht). Die Steine sind für mich keine Wertanlage, sie sind unbezahlbar, vollendete Schöpfungen der Natur. Das ist das, was mich an ihnen so fasziniert. Nicht alles ist käuflich. Es gibt ja so einen Satz: "Jeder ist käuflich, es ist nur eine Frage des Preises." Wer sich diesen Satz zu eigen macht, der ist für mich bereits korrupt bis auf die Knochen.

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Quelle:
SZ vom 18.07.2008/tob
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