Reden wir über Geld (26): Günter Wallraff:"Ich bin Triebtäter"

Lesezeit: 7 min

SZ: Sind Sie bei Ihren Honoraren auch so genügsam?

Wallraff: Seit mir ein befreundeter Kabarettist vor kurzem erzählt hat, dass er bei Veranstaltungen teilweise das bis zu Fünffache verdient, schaue ich schon genauer hin. Wenn ein Veranstalter einen Etat hat und Gewinne erwirtschaftet, will ich durchaus Geld sehen. Wenn es um eine wohltätige gemeinnützige Sache geht, verlange ich oft gar nichts. Und davon gibt es genug.

SZ: Haben Sie das Gefühl, dass Sie in Deutschland gebraucht werden?

Wallraff: Ja. Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft entsolidarisiert. Sich persönlich einzubringen, für eine Sache geradezustehen und notfalls Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, das nimmt ab. Mir fehlt auch der Austausch über die Lager und die politischen Schranken hinweg. Wir leben in so einer Pseudo-Konsensgesellschaft, wo Menschen abgeschottet in Insidergruppen unter sich bleiben. Ich nenne das Kastengesellschaft, nicht Klassengesellschaft.

SZ: Ist das auch bei Ihren Freunden, den Gewerkschaften so?

Wallraff: Es ist ja kein Zufall, dass denen die Mitglieder weglaufen. Ich habe angeregt, dass junge Gewerkschaftssekretäre sich vorübergehend wieder in die Fabriken hineinbegeben, wo Gewerkschaften nicht geduldet sind und Betriebsräte herausgemobbt werden. Auf diese Weise könnte man mehr über die Arbeitsbedingungen in Erfahrung bringen und dafür sorgen, dass solche Betriebe sich an die Grundrechte halten.

SZ: Sie wünschen sich viele Günter Wallraffs in Deutschland?

Wallraff: Nach meinen Veröffentlichungen in der Zeit und im Fernsehen habe ich hunderte von Zuschriften über Parallelfälle bekommen. Das zeigt doch, dass es noch viel aufzudecken gibt. Ich versuche deshalb gerade, ein paar Leute davon zu überzeugen, dass wir eine Stiftung brauchen, die jüngere Journalisten bei verdeckten und investigativen Recherchen mit einem Stipendium unterstützt. Dann könnte aus dem, was ich im Kleinen mache, eine Bewegung entstehen. Ich sehe durchaus ermutigende Zeichen, dass sich etwas ändert. Und ich erreiche mit meinen bescheidenen Mitteln zur Zeit mehr, als ich es mir erträumt habe.

SZ: Aber Günther Jauch ist bei Ihnen noch nicht vorstellig geworden?

Wallraff: Ich habe ihn immer wieder herausgefordert und ihn mehrfach der indirekten Beihilfe zum Betrug bezichtigt. Der honorige Herr Jauch ist ja als die bekannte Werbefigur der Türöffner für den Betrug mit SKL-Losen. Mindestens 80 Prozent der SKL-Lose werden mit Telefondrückermethoden, das heißt mit falschen Versprechungen unter Berufung auf Günther Jauch unters Volk gebracht. Ohne Jauch würde das gar nicht funktionieren. Und das weiß er auch, der ist ja nicht dumm.

SZ: Haben Sie anderswo mehr erreicht?

Wallraff: Es wird eine Gesetzesänderung geben, die auch auf den Druck der Verbraucherschützer zurückgeht: Wer aus einem Callcenter anruft, darf seine Telefonnummer künftig nicht mehr unterdrücken. Außerdem wird das Widerrufsrecht ausgeweitet. Und das Strafgeld wird drastisch erhöht. Vor allem aber legen die Menschen häufiger auf, wenn ihnen jemand am Telefon überteuerte Telefontarife, Lottosysteme oder zum Beispiel Druckerpatronen aufschwatzen will. Das höre ich zumindest von Informanten aus den Callcentern.

Lesen Sie im dritten Teil, warum Günter Wallraff kein Mitleid mit Trickbetrügern hat und wieso er sich selbst nicht als Millionär bezeichnen würde.

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