Reden wir über Geld (10): D. Rockefeller "Gier ist ein Teil der menschlichen Natur"

Rockefeller: Der Aufstieg von Reagan war nur eines der Hindernisse. Die Tatsache, dass Nelson sich von seiner Frau scheiden ließ und eine andere heiratete, spielte vermutlich eine größere Rolle. Scheidungen waren damals nicht akzeptabel für die Öffentlichkeit.

SZ: Gibt es heute noch so etwas wie Rockefeller-Republikaner?

Rockefeller: Die Leute verwenden den Begriff, und das sagt natürlich schon etwas aus. Unter einem Rockefeller-Republikaner versteht man jemanden, der in einem gewissen Sinne europäischer ist als die meisten amerikanischen Politiker, der in der Finanzpolitik konservativ ist, in gesellschaftlichen Fragen liberal, und der eine starke Rolle für die Regierung in der Wirtschaft sieht. Einige Leute, die im jetzigen Wahlkampf John McCain nahestehen, gelten in diesem Sinne als Rockefeller-Republikaner. Das sagt einiges darüber aus, wie McCain ist. McCain würde sich aber selbst nie als Rockefeller-Republikaner bezeichnen.

SZ: Das wäre zu gefährlich für ihn?

Rockefeller: Ja, natürlich.

SZ: New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ist ein Unabhängiger. Ist er trotzdem ein Rockefeller-Republikaner?

Rockefeller: Er macht jedenfalls einen tollen Job. Ich hoffe, er kandidiert für das Amt des Gouverneurs von New York und wird vielleicht eines Tages sogar Präsident. Er ist eine große Hoffnung für das Land. Was mir besonders gefällt, ist, dass er so großen Wert er darauf legt, dass öffentliche Institutionen gut und effizient geführt werden. Das ist eine häufig vergessene Tradition in Amerika, die auf das Vorbild der großen deutschen Bürgermeister im 19. Jahrhundert zurückgeht: die gut geführte Großstadt.

SZ: Wie ist ihr eigenes Verhältnis zu Deutschland?

Rockefeller: Ich war zum ersten Mal mit 18 Jahren in Deutschland, um die Sprache zu lernen.

SZ: Sie haben auch die Nazis kennengelernt?

Rockefeller: Ich war im Sommer 1935 in München. Damals habe ich mir die Parade zum Begräbnis von General Ludendorff in der Ludwigstraße angesehen und ein Foto von Hitler gemacht.

SZ: Und was haben Sie dabei empfunden?

Rockefeller: Niemand konnte sich damals vorstellen, was Hitler tun würde. Aber alle meine Freunde machten sich große Sorgen wegen seiner Politik.

SZ: Sie sind später oft in der Bundesrepublik gewesen. Was halten Sie von der sozialen Marktwirtschaft, so wie sie sich in Deutschland entwickelt hat?

Rockefeller: Ich habe Helmut Schmidt kennen- und schätzen gelernt. Seine Art zu regieren hat mir sehr gut gefallen. Auch Hermann Josef Abs (der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank) hat mich sehr beeindruckt. Mit Otto Wolff von Amerongen (dem früheren Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages) arbeitete ich in der Bilderberg-Gesellschaft eng zusammen.

SZ: Manche halten Bilderberg für eine Weltverschwörung. Was machen Sie eigentlich dabei?

Rockefeller: Das mit der Verschwörung ist kompletter Unsinn. Wir sitzen zusammen und diskutieren. Bilderberg ist eine Gruppe von Leuten, die sich um die Welt Gedanken machen und glauben, dass der Privatsektor eine wichtige Rolle dabei spielen kann, die Zeitläufte besser zu verstehen. Wir haben niemals versucht, Regierungen zu beeinflussen.

SZ: In Ihrer Ausbildung als Ökonom haben Sie bei den berühmtesten Ökonomen der Zeit gehört: Joseph Schumpeter, Gottfried Haberler, Friedrich v. Hayek. Wer hat Sie am meisten beeinflusst?

Rockefeller: Es gibt jemand, den Sie gar nicht erwähnt haben: Mein Doktorvater Frank Knight von der Universität Chicago. Er war ein Ökonom und Philosoph, der weniger gepredigt hat, sondern zu ausgewogenen Schlüssen gekommen ist. Seine Botschaft war: Es gibt wenig Situationen im Leben, in denen es ein klares Richtig oder Falsch gibt. Deshalb habe ich mich nie einer ökonomischen Schule angeschlossen.

SZ: Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken: Was war Ihre wichtigste Errungenschaft?

Rockefeller: Meine Fähigkeit, die Dinge objektiv zu analysieren und nicht vorgefasste politische Meinungen zu übernehmen. Ich würde mich weder einen Kapitalisten noch einen Sozialisten nennen, ich habe meine unabhängige Meinung.