Reden wir über Geld (10): D. Rockefeller "Gier ist ein Teil der menschlichen Natur"

SZ: Was bedeutet diese Regel heute, zum Beispiel für all die jungen Leute, die an der Wall Street reich geworden sind?

Rockefeller: Am wichtigsten ist es, sein Geschäft auf eine ethische, verantwortungsbewusste Weise zu führen. Man darf sich nicht nur darauf konzentrieren, so viel Geld wie möglich zu machen. Und man darf sein Leben nicht so führen, dass andere Menschen dies als anstößig empfinden. Man sollte nicht nur seinen Spaß haben, sondern das, was man verdient, zum Nutzen der Gesellschaft einsetzen.

SZ: In den letzten Jahren ist demonstrativer Konsum an der Wall Street schick geworden: teure Yachten, teure Partys, teure Wohnungen.

Rockefeller: Ich finde das ziemlich unattraktiv. Es ist nicht unmoralisch, es ist einfach nur schlechter Geschmack.

SZ: Welche Rolle spielt Wohltätigkeit wenn man reich ist?

Rockefeller: Ich geben Ihnen ein Beispiel. Als ich jung war, bekam ich von meinen Eltern ein monatliches Taschengeld. Zehn Prozent davon musste ich für einen wohltätigen Zweck spenden, zehn Prozent investieren. Genau so habe ich es mit meinen eigenen Kindern gehalten. Das ist eine gute Lehre, um die Bedeutung der Wohltätigkeit zu begreifen. Ohne diese Art verantwortungsbewussten Verhaltens wäre eine Gesellschaft des freien Unternehmertums kaum akzeptabel. An der Idee des Sozialismus ist ja einiges durchaus attraktiv, nur hat eben keiner der sozialistischen Staaten bisher funktioniert. Deshalb lohnt es sich, die freie Marktwirtschaft zu erhalten. Schon Churchill hat diesen Zusammenhang treffend beschrieben...

SZ: ,,Das Problem des Kapitalismus ist, dass er das Glück ungleich verteilt, das Problem des Sozialismus ist, dass er das Unglück gleich verteilt...''

Rockefeller: In Amerika hat der Kapitalismus zum Nutzen der meisten Menschen ziemlich gut funktioniert. Jedenfalls ist er die am wenigsten schlechte Alternative, die wir haben.

SZ: Ihre Kinder haben ja eine Zeitlang auch mit dem Sozialismus geliebäugelt.

Rockefeller: Das stimmt, und das halte ich für verständlich und akzeptabel. Heute würden sie die meisten Aussagen nicht wiederholen, die sie in jungen Jahren gemacht haben.

SZ: Aber Kapitalismus ist ja nicht gleich Kapitalismus. Seit Ronald Reagan haben die USA eine Phase des radikalen Kapitalismus erlebt mit dem weitgehenden Abbau von Regulierungen. Wird das Pendel jetzt zurückschwingen zu einer Art Sozialstaat im europäischen Sinne?

Rockefeller: Ich könnte mir denken, dass sich viele in der Demokratischen Partei an Tony Blair orientieren: mehr Verantwortung für den Staat, aber Beibehaltung der Rolle des freien Unternehmertums. Im Vergleich zu Europa gibt es dabei immer einen Unterschied. Auch Politiker wie Barack Obama oder Hillary Clinton sehen vor allem die Chancen des Kapitalismus und wollen ihn allenfalls durch Rahmengesetze regulieren.

SZ: Ihre Familie hat immer auch eine politische Rolle in Amerika gespielt. Die Rockefellers haben einen Ruf als gemäßigte Republikaner. Ihr Bruder Nelson wäre Ende der siebziger Jahre Präsident der USA geworden, hätte sich nicht der konservative Flügel der Partei unter Ronald Reagan durchgesetzt.