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Ratingagenturen stufen Neuseelands Kreditwürdigkeit herab:Das Ende des Kiwi-Wunders

Absturz eines Musterschülers: Neuseeland galt immer als Vorbild für Wirtschaftsreformen. Doch damit ist es vielleicht vorbei. Erstmals seit 13 Jahren stufen zwei Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Landes herab. Die Wirtschaft leidet unter den Folgen eines schweren Erdbebens - es wird Zeit für ein Wunder.

Sophie Crocoll

Neuseeland galt immer als Vorbild, als das Vorzeigemodell für Wirtschaftsreformen. Doch damit ist es vielleicht bald vorbei. Jetzt melden zwei wichtige Ratingagenturen Zweifel an. Fitch und Standard & Poor's (S&P) stufen zum ersten Mal seit 13 Jahren die Kreditwürdigkeit des Landes herab. Sie fürchten, dass die Schulden der Regierung und der privaten Haushalte weiter wachsen. Die Agenturen verringerten die Bewertung um eine Stufe auf "AA", den Ausblick halten die Analysten stabil.

Schafe unter einem Windrad in Neuseeland: Das Land hat lange alles richtig gemacht, jetzt kommt die Krise auch hier an.

(Foto: AFP)

Neuseelands Wirtschaft ist auf Handel angewiesen. Lange lebte das Land davon, Agrarprodukte nach Großbritannien zu exportieren - bis der Handelspartner 1973 der Europäischen Gemeinschaft beitrat und andere Lieferanten bevorzugte. Als 1984 die Labour-Partei die Regierung übernahm, stand Neuseeland kurz vor der Pleite. Löhne und Preise hatten zwei Jahre per Dekret eingefroren werden müssen, die Inflation betrug zwischen 15 und 18 Prozent. Die Regierung besaß Eisenbahn- und Fluglinien sowie die Telefongesellschaft und sie beschäftigte unzählige Beamte.

Die neue Regierung krempelte die Wirtschaft um, Ökonomen bestaunten das "Kiwi-Wunder": Finanzminister Roger Douglas verkaufte Staatsbetriebe, öffnete den Handel und förderte die Konkurrenz unter den Unternehmen. Er senkte Steuern, kürzte Sozialleistungen und gab 1985 die Währung frei. Die Reformen wirkten: Die Arbeitslosigkeit sank von 11,1 auf 6,2 Prozent, die Inflation auf ein Neuntel des Höchststands.

Es ist Zeit für ein neues "Kiwi-Wunder"

Ein Allheilmittel waren die Reformen nicht: Neuseeland ist abhängig vom Export, das Land verkauft noch immer viel Milch, Fleisch, Kiwis und andere Agrarprodukte auf dem Weltmarkt - daher reagiert die Wirtschaft sensibel auf einen starken Neuseeland-Dollar, wie beispielsweise 2005: Ausländische Investoren kauften damals neuseeländische Immobilien und wollten von den hohen Zinsen im Land profitieren, die Exporte verteuerten sich.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise stürzte Neuseeland dann als erstes westliches Industrieland in eine Rezession. Sinkende Rohstoffpreise schmälerten die Exportumsätze, die hohe Verschuldung gefährdete die Wirtschaft zusätzlich: Im Frühjahr 2009 erreichte die Verschuldung der Neuseeländer 160 Prozent der verfügbaren Einkommen. Viele hatten in den Jahren zuvor auf Pump Immobilien gekauft. Auch die Regierung erreichte 2009 erstmals seit 16 Jahren ein Defizit im Staatshaushalt.

Seit Ende 2009 erholte sich die neuseeländische Wirtschaft langsam. Doch im Februar 2011 zerstörte ein schweres Erdbeben Teile der Stadt Christchurch, auch den wirtschaftlich wichtigen Distrikt Canterbury. "Wir wissen, dass 15 Prozent der Wirtschaft gestoppt sind", sagte Stephen Tolis von der Bank of New Zealand. Es scheint an der Zeit für ein neues "Kiwi-Wunder".

© SZ vom 01.10.2011/fo

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