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Ratingagentur in der Kritik:US-Justiz soll gegen Standard & Poor's ermitteln

Standard & Poor's macht seit der Herabstufung der US-Bonität auch in Amerika Negativschlagzeilen: Die vorgeblich unabhängigen Analysten der Ratingagentur sollen vor der Finanzkrise bewusst Schrottpapiere mit Top-Bewertungen geadelt haben - um mehr Geld zu machen. Die Ermittlungen sollen aber keine Racheaktion für die Abwertung sein.

Seit Standard & Poor's (S&P) die Kreditwürdigkeit der USA heruntergestuft hat, wird die Ratingagentur auch in ihrem Heimatland heftig attackiert. Politiker aus Kongress und Regierung werfen S&P Intransparenz vor: Niemand wisse, wie die Ratings zustande kämen. Jetzt ermittelt einem Zeitungsbericht zufolge sogar das US-Justizministerium gegen das Unternehmen. Der Vorwurf: Das Unternehmen habe falsche Urteile gefällt - für den Profit.

Vor der Finanzkrise bewertete S&P einige Hypothekenkredite mit AAA - dem bestmöglichen Urteil. Die Immobilienblase platzte, die Kredite erwiesen sich als faul. Doch die Fehlurteile von S&P könnten keine bloßen Fehleinschätzungen gewesen, sondern wider besseren Wissens zustande gekommen sein: Analysten der Agentur, die jene Kredite richtig einschätzten und schlechter bewerten wollten, seien überstimmt worden, berichtet die New York Times. Die Zeitung beruft sich allerdings auf anonyme Quellen.

Die Agenturen hatten dagegen immer eingewandt, durch interne Kontrollmechanismen sei ein faires Urteil gewährleistet. Das Ministerium vermutet nun laut NYT, dass die Papiere von Hypothekenversicherern und Banken gut bewertet wurden, um diese zahlenden Kunden nicht zu verprellen.

Die Untersuchung des Ministeriums geht einem Vorwurf nach, mit dem sich Ratingagenturen schon lange konfrontiert sehen: Die Urteile seien nicht objektiv, weil viele Kunden für sie bezahlen. Dass schlechte Ratings entsprechend Kunden kosten können, zeigte sich erst in den vergangenen Tagen: Mindestens drei kalifornische Städte, darunter Los Angeles, haben der Agentur gekündigt, nachdem sie das Rating von Investmentpools der Kommunen herabgestuft hatte.

Die Ermittlungen sind Teil einer Reihe von Untersuchungen, mit denen US-Justiz und Börsenaufsicht in diesem Sommer verstärkt mögliche Vergehen der Wall Street während der Finanzkrise aufarbeiten. Die Großbanken Goldman Sachs und JP Morgan mussten bereits zahlen, Behörden untersuchen auch die Deutsche Bank. Genauso vage wie die Informanten der Zeitung ist die Antwort der Agentur. Ein Sprecher sagte der Times: "S&P hat in den vergangenen Jahren mehrere Anfragen von verschiedenen Regierungsbehörden erhalten. Wir werden weiter mit ihnen kooperieren. Wir hindern diese Behörden nicht daran, mit jetzigen oder ehemaligen Mitarbeitern zu sprechen."

Die Untersuchung soll aber keine Reaktion - geschweige denn eine Racheaktion - auf die Herabstufung der US-Bonität Anfang August von der Bestnote AAA auf AA+ sein. Laut New York Times arbeitete das Justizministerium schon vor der Abwertung an dem Fall. Ob auch gegen die anderen beiden großen Ratingagenturen Moody's und Fitch ermittelt werde, ist dem Bericht zufolge unklar.

Es wäre nicht der einzige Ärger für S&P in den Vereinigten Staaten, dem Land, dem immer eine allzu große Nähe zu den Agenturen unterstellt wurde. Die Börsenaufsicht SEC untersucht möglichen Insiderhandel bei S&P: Angestellte missbrauchten möglicherweise ihr Wissen, dass eine Abwertung der amerikanischen Bonität kurz bevorstehe. Sie gaben die Information angeblich nach draußen weiter oder kauften und verkauften selbst mit dem Wissensvorsprung auf den Finanzmärkten. Auch in Italien wird gegen S&P ermittelt.

© sueddeutsche.de/jab

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