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Quacksalber und Scharlatane:Heilsame Geschäfte

Ein Urteil des Verfassungsgerichtes aus dem Jahr 2004 hat in der Branche der Handaufleger zu einem Boom geführt. Gerade Schwerkranke hoffen auf "paramedizinische" Hilfe - und landen oft bei Quacksalbern.

Reinhold Rühl

Beate Stürzenbach* atmet leise, sie versucht es jedenfalls. Die Frau leidet unter Asthma. Blütenpollen quälen sie seit Jahren und verursachen besonders im Frühjahr schwere Allergien.

Seit einer halben Stunde ruht die 45-Jährige ganz entspannt mit geschlossenen Augen auf einer Liege, und Wilfried Lubberich versucht, sie von ihrem Leiden zu befreien - allein mit Hilfe seiner Hände.

Im Abstand von 20 Zentimeter lässt er sie über seiner Klientin schweben. Über der Brust, dem Kopf, den Schultern. Berühren muss er die Kranke nicht, denn Lubberich ist davon überzeugt, dass die ,,heilende Energie'' auch so fließt.

Meditative Stille erfüllt den spärlich eingerichteten Raum. An der Wand hängen fernöstliche Kalligraphien, neben der Liege flackert eine Kerze, ein Bronzekreuz ziert das Sideboard. ,,Ich verbinde mich energetisch mit meinen Patienten'', sagt Lubberich nach der Behandlung, die insgesamt eine knappe Stunde dauert.

Vage Beschreibung

Er nehme Kontakt auf zur ,,geistigen Welt'', die ihn bei seiner Arbeit unterstütze. Wie das funktionieren soll, kann der 55-Jährige nur vage umschreiben: ,,Wer heilt, befindet sich in einem Bewusstseinszustand, in dem sich der Geist ganz und gar auf die Absicht ausrichtet, einem Mitmenschen zu helfen.''

Das versuchen in Deutschland immer mehr Anbieter paramedizinischer Heil-verfahren. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn viele haben ihre ,,Praxis'' in einer Ecke des heimischen Wohnzimmers.

Der Dachverband Geistiges Heilen (DGH) in Heidelberg zählt 3500 Einzelmitglieder. Mit 19 Mitgliedsvereinen vertritt der Verband 5000 Heilerinnen und Heiler mit verschiedensten Heilweisen und Weltanschauungen.

DGH-Gründer Harald Wiesendanger rechnet vor, dass die etwa 10.000 Heiler im deutschsprachigen Raum pro Jahr 90 bis 120 Millionen ,,geistige Heilsitzungen'' absolvieren.

Im Schnitt sind 40 Euro fällig

Manche Sitzungen kosten gar nichts. Bei den meisten sind im Schnitt 40 Euro fällig. Die Gesamteinnahmen addierten sich demnach auf bis zu 4,8 Milliarden Euro, schätzt Wiesendanger. Die Nachfrage wächst weiter. Und die Abzocke auch.

Ebenso unsicher wie die Umsatzzahlen sind die Qualifikationen der Geistheiler. Wilfried Lubberich entdeckte seine paramedizinische Fähigkeit durch Zufall. Er arbeitete als Bürovorsteher in einem Notariat. Tagelang hatte ein Kollege in der Grundbuchabteilung des Amtsgerichts nach einer Akte gesucht. Lubberich spürte das Schriftstück binnen weniger Minuten auf - seine ,,übersinnlichen Kräfte'' hätten ihn zum Fundort geführt, sagt er. Das sprach sich herum. Bald nahmen auch Kollegen und Freunde den Hellseher in Anspruch.

Seit er vor sechs Jahren als Angestellter kündigte, kann der Rheinländer seine nach eigener Einschätzung ,,gottgegebenen Fähigkeiten'' als Unternehmer gewinnbringend nutzen.

Repräsentatives Büroappartement

Lubberich eröffnete eine Praxis im rheinischen Hennef und firmierte als ,,Heiler''. Seit zwei Jahren betreibt er eine Zweigniederlassung in München. Im noblen Teil der Ludwigsvorstadt hat Lubberich ein repräsentatives Büroappartement angemietet. ,,Spirituelle Heilweisen'' steht auf dem Schild neben dem Eingang, ,,Termine nach Vereinbarung''.

Noch vor drei Jahren hätte ihm dieses Schild ziemlich viel Ärger eingebracht, denn Lubberich ist medizinischer Laie. Heilen dürfen in Deutschland aber neben Ärzten nur zugelassene Heilpraktiker. Diese Bestimmung hat das Bundesverfassungsgericht mit einer Entscheidung gelockert, die Aufsehen erregt hat.

Wer die Selbstheilungskräfte des Patienten durch Handauflegen aktiviere und dabei keine Diagnosen stelle, benötige keine Heilpraktikererlaubnis, formulierten die obersten Richter im März 2004. Der Heiler müsse jedoch die Kranken vor Beginn ihres Besuchs darauf hinweisen, dass er eine ärztliche Behandlung nicht ersetzt.

Nicht ganz geheuer

Seit Veröffentlichung der Urteilsgründe wird in Deutschland eine Praxis für ,,Geistiges Heilen'' nach der anderen gegründet. Der Boom ist selbst dem Spiritus rector der deutschen Geistheilerszene nicht ganz geheuer.

*) Name von der Redaktion geändert

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