Protest gegen Finanzbranche "Besetzt die Wall Street!"

Angriff auf das Herz der Finanzindustrie: Die New Yorker Wall Street ist Schauplatz einer Revolte. Tausende demonstrieren täglich gegen die Macht des Geldes und die Ohnmacht der Politik. Die Polizei malt das Schreckgespenst der Londoner Aufstände an die Wand und setzt Pfefferspray gegen Aktivisten ein. Auch Promis lassen sich am Ort des Protests blicken.

Von Moritz Koch, New York

Der Aufruf zum Umsturz ertönt als Sprechgesang. "Nieder mit der Wall Street", ruft eine Demonstrantin im Superman-T-Shirt. "Nieder mit der Wall Street", gellt es aus Dutzenden Kehlen zurück. Die bärtigen Männer und tätowierten Frauen, die sich in einem kleinen Park am Rande des Finanzviertels versammeln, haben einen Weg gefunden, das Soundanlagen-Verbot zu überlisten, mit dem die Behörden ihren Protest ersticken wollten. "The People's Microphone" nennen sie ihre Methode. Wer etwas zu sagen hat, spricht ein paar Worte. Dann springt der Chor der Zuhörer ein und wiederholt das Gesagte. Keiner soll überhören, worum es geht: den Sturz des finanz-industriellen Komplexes.

Auf den Straßen von New York: Anzugträger schauen Aktivisten beim Demonstrieren zu.

(Foto: AFP)

Lower Manhattan ist zum Schauplatz einer Revolte geworden. Die Hochhausschluchten zwischen Börse und Ground Zero werden eigentlich von Herrschaften in feinkarierten Oberhemden bevölkert. Sie hetzen von Termin zu Termin oder zum Foodtruck auf dem Bürgersteig. Jetzt starren sie auf die lärmende Schar, die sich in ihrem Revier breit gemacht hat. Fassungslosigkeit, manchmal auch Belustigung spricht aus den Blicken der Banker. Die Demonstranten, etwa 100 dürften es an diesem Nachmittag sein, gleichen phänotypisch den Nachtschwärmern, die die Bars der Lower East Side füllen. Vollbärte und Vintage-Shirts sind ihre Markenzeichen. Doch sie feiern nicht länger nur die eigene Coolness, sie zelebrieren ihr politisches Erwachen.

Der Zuccotti Park ist zum Treffpunkt für all jene geworden, die gegen die Macht des Geldes und die Ohnmacht der Politik auf die Straße gehen wollen. "Occupy Wall Street", nennt sich die Bewegung - "Besetzt die Wall Street". Schon zwei Wochen dauert der Protest an, und nichts deutet auf ein baldiges Ende der Besetzung hin. Im Gegenteil: Zu einzelnen Demonstrationszügen kommen immer mehr Menschen. 2000 sollen es zuletzt gewesen sein. Es sind vor allem Studenten, die auf die Straße gehen. In Workshops informieren sie sich über nackte Leerverkäufe und andere Vermögensvernichtungswaffen, beratschlagen Marschrouten und Strategien für die eigene Außendarstellung. Sie wollen mehr sein als ein bunter Haufen. Als Speerspitze einer Bewegung sehen sie sich und ziehen Parallelen zum arabischen Frühling. Die New Yorker Polizei hingegen kann in den jungen Leuten nichts anderes als Unruhestifter erkennen. Sie fürchtet Londoner Krawallnächte in Manhattan.

Am Straßenrand haben Besetzer einen Banker zur Rede gestellt. Doch offenbar hat der Mann im Anthrazit-Anzug darauf nur gewartet: "Die Regierung ist das Problem, nicht die Banken", doziert er. "Die Rentenversicherung geht bankrott. Die Post ist pleite. Begreift ihr nicht? Washington kann nicht mit Geld umgehen. Dagegen solltet ihr mal protestieren!" Die Demonstranten lassen den Mann ausreden. Es geht höflich zu bei dieser Revolte. Für den verbalen Gegenschlag ist Jeff Smith zuständig. Smith ist Werbefachmann und älter als die meisten hier. Er weiß, wie man in einer Redeschlacht besteht. "Was macht man, wenn die Mafia die Polizei besticht? Schafft man die Polizei ab oder räumt man die Behörde auf und zerschlägt die Mafia?"

Die Mafia-Metapher ist besonders beliebt im Zuccotti Park. Die Demonstranten wähnen sich Verschwörern gegenüber, die alle Bereiche des Staates durchdringen. Der Dauerzwist zwischen Republikanern und Demokraten interessiert keinen hier. Beide Parteien befänden sich in den Taschen der Wall Street. Und Präsident Barack Obama? Der war erst kürzlich wieder für eine private Spendenveranstaltung in New York - Geld eintreiben von den Bankern.

Obama hat uns betrogen", zürnt Smith. "Im Wahlkampf hat er all die richtigen Dinge gesagt. Er hätte einer von uns sein können." Doch aus dem historischen Wandel, den Obama versprochen hatte, ist selbst bei wohlwollender Betrachtung eine Politik der kleinen Schritte geworden. Viel zu wenig für Smith und die anderen Demonstranten: "Es geht nicht um eine einzelne Krise oder ein konkretes Gesetz, sondern um ein verkommenes System."

Mit voller Härte

Als Linker hat Smith in Amerika viele Enttäuschungen erlebt. Er erinnert sich an die Wahlniederlage Jimmy Carters und die gebrochenen Versprechen von Bill Clinton. Doch nun glaubt Smith dem Beginn eines Umbruchs beizuwohnen. "Hinter jedem von uns hier stehen Hunderte, die mit uns sympathisieren", sagt er. "Die Bewegung wächst von Tag zu Tag." Zumindest damit hat der Werber recht. Und das haben die Demonstranten ausgerechnet der Polizei zu verdanken.

Vergangenen Samstag waren die Wall-Street-Besetzer losgezogen, ohne ihre Route vorher anzumelden. Die Einsatzkräfte griffen mit voller Härte durch. 80 Demonstranten wurden festgenommen, einige erkennbar grundlos mit Pfefferspray besprüht. Hobbyfilmer hielten die Szenen fest. Mit der Geschwindigkeit von Kapitalströmen verbreiteten sich die Bilder im Internet und lösten eine Welle der Empörung aus. Unschuldige Demonstranten würden festgenommen, während schuldige Banker frei herumliefen, schrieb David Weidner, Kolumnist der Finanz-Webseite Market Watch.

Auch die linke Prominenz Amerikas schaltete sich ein. Noam Chomsky schickte ein Grußwort und der Filmemacher Michael Moore ließ sich live vom Zuccotti Park interviewen. "Was sich hinter mir abspielt, wird man überall in Amerika sehen. Wir sind die Mehrheit", triumphierte Moore. Die Wall Street habe den jungen Leuten ihre Zukunft gestohlen.

Vieles von dem, was Moore und die Demonstranten verbreiten, stammt aus dem Reich der Verschwörungstheorien. Allerdings hat die Bewegung durchaus so etwas wie einen intellektuellen Überbau. Simon Johnson, MIT-Professor und früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, hat 2009 den stillen Coup beschrieben: Da Washington seine Spitzenpolitiker aus den Chefetagen der Großbanken rekrutiere, habe die Finanzoligarchie die Regierung übernommen.

Bei Smith hört sich das so an: "Die Banken finanzieren Republikaner und Demokraten gleichermaßen - da kann es ihnen egal sein, wer die Wahl gewinnt." Noch während er spricht, ertönt es aus dem Hintergrund: "America needs a Revolution." Mitten im Finanzdistrikt.