Pressekonferenz der Fed:Glasnost bei den Geldhütern

Die US-Notenbank gibt die erste Pressekonferenz ihrer Geschichte. Sie wird live im Internet übertragen. Ben Bernanke will die Fed transparenter machen - doch die Märkte könnten heftig reagieren.

Nikolaus Piper, New York

Notenbanker sind mächtig und verschwiegen. Sie können über das Los ganzer Volkswirtschaften entscheiden. Aber wie sie das tun, bleibt dem Volk meist verschlossen. Besonders gilt dies für die Federal Reserve, die US-Notenbank. "Man kann durchaus argumentieren", sagte etwa Senator Bernie Sanders aus Vermont, "dass der Chef der Fed wichtiger ist als der Präsident der Vereinigten Staaten, aber was die Fed macht, wissen nur sehr wenige Amerikaner."

G20 Finance Ministers and Central Bank Governors' Meeting

Die Öffentlichkeitsarbeit der US-Notenbank soll sich ändern: Fed-Präsident Ben Bernanke stellt sich der Presse.

(Foto: dpa)

An diesem Mittwoch um 14:15 Uhr Washingtoner Zeit soll sich das ändern. Fed-Chef Ben Bernanke wird dann eine Pressekonferenz einberufen - die erste in der 98-jährigen Geschichte der Institution. Es ist ein Kulturbruch: In früheren Zeiten teilten Notenbanker überhaupt nicht mit, was sie taten, sondern überließen es Kaffeesatzlesern an der Wall Street, der Wahrheit nachzuspüren. Später veröffentlichte der Offenmarktausschuss, das Leitungsgremium der Fed, immerhin nach jeder Sitzung eine Erklärung, außerdem im Abstand von zwei Monaten die Minutes, ein Protokoll der letzten Sitzung. Wobei Bernankes Vorgänger Alan Greenspan es für erstrebenswert hielt, dabei nicht verstanden zu werden.

Bernanke wollte dies alles bei seinem Amtsantritt 2006 ändern: Die Fed sollte transparenter, berechenbarer und kollegialer werden, und zwar nicht aus Nettigkeit. Bernanke ist davon überzeugt, dass die Geldpolitik besser wird, wenn die Märkte früh verstehen, was die Fed will, ob etwa die Zinsen steigen oder fallen werden und warum. Die Finanzkrise hatte Bernankes Transparenz-Programm zunächst ausgebremst, doch nun beginnt dessen wichtigster Teil - die Pressekonferenz, auf der Reporter fragen können, was sie wollen.

Für die in diesen Dingen ungeübte Fed birgt das Risiken: Journalisten sind unberechenbar. Und was immer ein Notenbank-Präsident öffentlich sagt, kann Märkte bewegen - besonders, wenn er sich verplappert. Bernanke ist in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind. Als er neu im Amt war, plauderte er sehr freimütig bei einem Abendessen mit der Finanzjournalistin Maria Bartiromo über Zinserhöhungen, was an den Märkten dann einen kleinen Aufstand auslöste. Um Fehlern vorzubeugen, hat die Fed ihrem Chef ein regelrechtes Medientraining verpasst. Unter anderen studierte er Videos der Pressekonferenzen von Jean-Claude Trichet, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), wo es Pressekonferenzen schon immer gibt.

Bernanke hat gute Gründe, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Ruf der Fed hat gelitten. Der Kongress hat im vergangenen Herbst seine Kontrollen über die Fed erweitert, und zwar so, dass einige bereits um deren Unabhängigkeit fürchten. Ausgerechnet Ron Paul, ein konservativer Republikaner, der 2012 Präsident werden will und zu dessen Programm die Abschaffung der Fed gehört, ist Vorsitzender eines Unterausschusses, der die Bank kontrollieren soll. Bei einer neuen Umfrage sagten 42 Prozent der Amerikaner, sie hätten kein oder nur ein geringes Vertrauen in die Fed. Vor zwei Jahren waren es noch 35 Prozent.

Inhaltlich dürfte ziemlich klar sein, was Bernanke den Journalisten vermitteln wird. Er muss dafür werben, dass seine umstrittene Politik des Gelddruckens zweieinhalb Jahre nach der Finanzkrise immer noch richtig ist. Und dann muss er sagen, wie er wieder zur Normalität zurückkehren wird.

Linktipp: Die Fed übertragt von 20:15 Uhr deutscher Zeit an die Pressekonferenz live auf ihrer Homepage. Ein Journalist der New York Times ruft dazu auf, in den Kommentaren seines Blogs Fragen zu posten, die er Bernanke stellen soll - das Gleiche bietet der bekannte Blog Naked Capitalism. Fragen können auch auf Twitter vorgeschlagen werden, unter dem Label #FedSpeaks.

© SZ vom 27.04.2011/bbr
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