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Plötzlich Single:Partner weg, Wohnung weg

Ein neues Portal will Alleinerziehende zusammenbringen. Denn die haben bei Vermietern schlechte Karten, vor allem, wenn sie wenig Geld verdienen. Aber es geht nicht nur um die Miete.

Von Joachim Göres

Etwa 44 Prozent aller Alleinerziehenden gelten nach einer jüngst vom Paritätischen Wohlfahrtsverband herausgegebenen Studie als arm - ihnen stehen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung. Häufig können sie sich nach einer Trennung die bisherige Wohnung nicht mehr leisten. Johann kennt die Probleme, die damit verbunden sind. Der 34-Jährige lebt mit seinen beiden Kindern in einer 100 Quadratmeter großen Wohnung in zentraler Lage in Hannover, die Kaltmiete liegt bei 860 Euro im Monat. Nach der Trennung fiel das Einkommen der Frau weg, und Johann ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Zu dritt haben sie keinen Anspruch auf die komplette Übernahme der Kosten für eine Wohnung in dieser Größe - Johann, der fünfjährige Sohn und die siebenjährige Tochter sollen umziehen, so die Forderung des Jobcenters.

"Ich habe intensiv gesucht, doch ohne Erfolg. Als Alleinerziehender und dazu noch Arbeitsloser hat man auf dem Wohnungsmarkt in Hannover keine Chance", sagt Johann und ergänzt: "Die Kinder müssten durch einen Umzug in eine andere Gegend ihren Kindergarten bzw. ihre Schulklasse verlassen, dabei brauchen sie derzeit mehr denn je stabile Beziehungen."

"Es wäre cool, wenn abends jemand zu Hause wäre, wenn Mama unterwegs ist."

Was also tun? Viviane Bremer, Vorsitzende des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) in Hannover, hatte eine Idee: Mit Mitstreitern organisierte sie vor einem Jahr das erste sogenannte Flatmating, eine Wohnungsbörse für Menschen mit Kindern. In zwanglosem Rahmen konnte man sich kennenlernen und bei gegenseitiger Sympathie überlegen, ob man den Alltag nicht besser bewältigen kann, wenn beispielsweise zwei Alleinerziehende zusammenziehen und sich abwechselnd um die Kinder kümmern. "Damals stieß diese Idee auf großes Interesse, mehr als 40 Interessenten kamen zu unserem ersten Flatmating. Ob sich daraus tatsächlich neue Wohngemeinschaften gebildet haben, wissen wir leider nicht", sagt Bremer.

Johann war einer der Besucher der dritten Wohnungsbörse, die vor Kurzem stattfand. Dort lernte er die 54-jährige Nicole kennen. Sie bewohnt mit einer volljährigen Tochter einen Resthof vor den Toren Hannovers. Beim Vermieter konnte sie bereits eine geringere Miete aushandeln, doch auf Dauer wird auch die für sie allein zu hoch sein. Also könnte noch jemand in die große Wohnung einziehen, oder man sucht gemeinsam etwas Neues. Eine andere Frau ist auf der Suche nach Mitbewohnern für ihr Haus am Steinhuder Meer, nachdem der Mann ausgezogen ist. Ihre vor dem Abitur stehende Tochter ist zum Treffen mitgekommen. Sie sieht den Vorteil einer Wohngemeinschaft so: "Es wäre cool, wenn abends jemand zu Hause wäre, wenn Mama unterwegs ist."

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Scheitert eine Beziehung, stellt sich oft auch die Wohnungsfrage. Einer allein kann die Miete oft nicht aufbringen. Also muss eine billigere Unterkunft her - nur wie?

(Foto: imago)

Für Johann kommen diese Modelle nicht in Frage, denn er will möglichst in der Stadtmitte wohnen bleiben - nicht zuletzt, weil seine Eltern in der Nähe leben und kurzfristig für ihn einspringen können. Er überlegt, wie er für das freie Zimmer vielleicht einen Studenten interessieren könnte. Einen besonderen Weg hat Urs gewählt. Er hat gerade ein Zimmer in seinem Haus an eine 19-Jährige vermietet, die seine drei Monate alte Tochter zeitweise als Tagesmutter betreut. Die junge Frau zahlt deshalb weniger Miete, und der alleinerziehende Urs kann in Teilzeit arbeiten.

Monique Adenaw ist Geschäftsführerin eines Immobilienbüros in Hannover. Die Maklerin unterstützt die Idee der Wohnungsbörse für Singles. "Es gibt mehr große als kleine Wohnungen. Deswegen könnten zwei Alleinerziehende, die sich zusammentun, leichter etwas Preisgünstiges finden als alleine." Adenaw weiß, dass sich ältere Menschen oftmals verkleinern wollen und regt eine Tauschbörse an. "So könnten Ältere und Alleinerziehende ihre Wohnungen tauschen. Beim ersten Flatmating habe ich diese Idee vorgestellt und es gab begeisterte Reaktionen, doch bis heute hat sich leider niemand gefunden, der diese Idee auch umsetzt", bedauert Adenaw.

In seinem Ratgeber "Alleinerziehend" empfiehlt der VAMV Eltern mit wenig Geld, sich einen Wohnberechtigungsschein vom Wohnungsamt ihrer Gemeinde ausstellen zu lassen. Für Elisabeth Küppers, VAMV-Geschäftsführerin in Berlin, ist das allerdings gerade in Städten mit wachsender Bevölkerung kein Patentrezept. "Nach einer Trennung braucht man schnell eine Wohnung. In Berlin werden Alleinerziehende mit so einem Schein nicht bevorzugt behandelt und müssen oft lange auf eine Sozialwohnung warten", sagt Küppers. Falls es wider Erwarten doch gleich mit einer günstigen Wohnung klappt, dann in einem abgelegenen Stadtteil. "Wer eine Sozialwohnung zum Beispiel in Marzahn bekommt, dem geht sein soziales Umfeld verloren, das oft eine Stütze darstellt", sagt Küppers.

Kontakt finden

Unter dem Portal des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter www.die-alleinerziehenden.de können Interessierte nach vorheriger Anmeldung andere Alleinerziehende für eine gemeinsame Wohnung suchen. In Hannover findet die nächste Wohnungsbörse für Menschen mit Kindern am 17. Juni von 11 bis 14 Uhr statt - dazu sind ausdrücklich auch Paare mit Kindern eingeladen, die mit Alleinerziehenden zusammenleben würden. Der Ort wird noch unter www.vamv-hannover.de bekanntgegeben. Joachim Göres

Um ihre alte Wohnung zu halten, nehmen nicht wenige Alleinerziehende lieber Schulden in Kauf, wenn das Jobcenter nach einem halben Jahr nicht mehr die volle Miete zahlt. Küppers: "Das Jobcenter macht wahnsinnig Druck, dass Alleinerziehende sich etwas Günstigeres suchen. Das belastet die nach einer Trennung ohnehin prekäre Psyche zusätzlich. Wenn dann die Schulden immer größer werden, wird auch die materielle Lage immer prekärer." Küppers ist überzeugt, dass sich Alleinerziehende in so einer Situation gegenseitig unterstützen können, wenn sie zusammenziehen. Doch derzeit würden ihnen dabei noch zu viele Knüppel zwischen die Beine geworfen. So werde Alleinerziehenden die Steuerklasse 2 zugeteilt - wenn aber zwei Alleinerziehende eine Wohnung anmieteten, werde die Steuerklasse automatisch ungünstiger.

Alleinerziehende abseits der teuren Großstädte haben es einfacher und profitieren in vielen Regionen von einem entspannten Wohnungsmarkt - könnte man meinen. Dörte Klatt mag das nicht bestätigen. Die Diplom-Sozialpädagogin leitet seit neun Jahren Alleinerziehenden-Gruppen im niedersächsischen Celle. Viele Frauen, die zu ihr kommen, haben mit ihrer Familie im eigenen Haus gelebt. Nach der Trennung ist der Einschnitt drastisch. "Nicht selten gehört das Haus dem Mann und Frau und Kinder müssen ausziehen. Die Kinder sind sauer, wenn sie sich in der neuen Wohnung plötzlich ihr Zimmer mit der Schwester oder dem Bruder teilen müssen", berichtet Klatt.

Die Behörden schreiben vor, wie groß die Unterkunft sein darf. Und drängen auf einen Umzug

Sie kennt auch viele Frauen, die wegen psychischer Probleme nach der Trennung ihre Arbeit aufgeben müssen. Sie sind dann auf Hartz IV angewiesen und von den Leistungen des Jobcenters abhängig. "Wenn die Wohnung zwei Quadratmeter größer ist als die Behörde es vorschreibt, bekommen es viele Frauen mit der Angst zu tun. Da gibt es dann Sachbearbeiter, die sie beruhigen und sagen, dass das doch nicht so tragisch ist", sagt Klatt und ergänzt: "Aber man kann auch Pech haben und bei einem Sachbearbeiter landen, der in die Wohnung kommt, sie ausmisst und darauf besteht, dass Frau und Kinder ausziehen." Selbst bei einem großen Wohnungsangebot kann es dann nach der Erfahrung von Klatt passieren, dass der Vermieter lieber weitersucht als an eine Alleinerziehende zu vermieten.

Für Miriam Hoheisel, Geschäftsführerin des VAMV-Bundesverbandes, ist klar: "Der zunehmende Mangel an bezahlbarem Wohnraum trifft Alleinerziehende überproportional. Um das zu ändern, ist eine viel stärkere soziale Wohnraumförderung nötig."

© SZ vom 24.03.2017
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