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Partykeller:Freiheit im Untergrund

Heimisches Vergnügen in den Siebzigern: Die Jugend tanzt im Keller.

(Foto: imago)

Er gehörte einst in jedes Eigenheim, dann spielte er plötzlich keine Rolle mehr - warum eigentlich?

Er ist aus dem Blick geraten, der Partykeller. Dabei war er mal ein Club ohne Türsteher, preiswert, authentisch und ohne Sperrstunde. Etwas Basisdemokratisches eben für die Kinder der Siebziger- und Achtzigerjahre, die sich den echten Club entweder nicht leisten konnten, zu jung waren oder zu weit draußen wohnten und niemanden mit Auto kannten. Eine informelle Location für einen Abend, bei dem jeder Alkohol selbst mitbringen konnte oder alle gemeinsam Vaters Bierkästen und Vorratsschränke plünderten. Während oben im Wohnzimmer Derrick oder Ilja Richters Disco lief, drehten sich die richtig coolen Platten längst im Partykeller, der irgendwann ausgebaut worden war und später inoffiziell den Kindern vermacht wurde, nachdem die Erwachsenen die Lust am Untergrund verloren hatten.

Der familiär-verschrobene Partykeller war mehr als ein muffiger Raum unter der Erde, in dem es laut zuging und der ständig nach Öl roch, weil die Garage darüber lag oder die Heizung daneben. Er war Kult, zugepflastert mit Postern und Geschichten vom Erwachsenwerden. Was aber gehörte zwingend dazu - außer möglichst vielen Freunden? Wer heute nach Einrichtungstipps stöbert, stößt vor allem auf die unvermeidliche Discokugel, Teppichfetzen, Kissen und Matratzen bis hin zum Komplettprogramm aus Theke, Barhocker und Zapfanlage, abgerundet durch Wandtattoos und Schalldämmung. Ganz so professionell war er aber nicht. Der Partykeller wirkte immer improvisiert, die Wände eher lässig mit Fichtenholz verkleidet und der Boden bedeckt mit irgendwelchen Teppichresten und Flicken.

Discokugel und Zapfanlage sind verschwunden, der Raum dient heute als Abstellkammer

Und auch wenn man sich wahnsinnig Mühe gab, war die Ausstattung doch eher nebensächlich. Im Keller konnte man abtauchen. Die Kids verschwanden aus dem Sichtfeld der Eltern, die meist ganz froh waren, dass sie das Haus kurzzeitig für sich hatten. Der Partykeller wurde zum Sehnsuchtsort. Hier gab es eigene Musik, Drinks, Flirts. Man fühlte sich irgendwie erwachsen. Das war ein bisschen wie der "Fänger im Roggen", auf deutsches DIN-Maß gebracht.

Die Kellerkinder der Achtzigerjahre aber hatten das Ganze ja meist nicht selbst angezettelt, sondern eher übernommen. Warum aber baute eine ganze Generation von Hobby-Handwerkern den eigenen Keller aus und dekorierte ihn mit selbstgesägten Sperrholzverschalungen und Lüftlmalerei zu einem exotischen Gegenort? Ging es wirklich nur um das kleine Glück am Freitagabend mit Freunden und Familie, und war der Raum unter der Erde wirklich nur da, um ungestört Musik zu hören oder unter sich zu sein?

Eine Erklärung für die obsessive Liebe zum Untergrund bietet unter anderem Heinz Bude in seiner "Soziologie der Party". Dort erklärt der Autor die Leidenschaft für unterirdische Partys mit einer auf Überleben gedrillten Kriegsgeneration, die zwischen Theke und Heizungskeller die "noch gar nicht so lange zurückliegende Erfahrung des Luftkriegs" gewissermaßen aufarbeitete. "Im Partykeller lebte der Luftschutzkeller als Ort der Extremvergemeinschaftung unter Todesdrohung weiter". Später fiel zumindest die latente Todesdrohung weg, während die "Extremvergesellschaftung" mit Alkohol und anderen Drogen weiterging.

Doch irgendwann in den Neunzigerjahren spielte der Partykeller keine Rolle mehr. Man ging lieber raus an die Luft oder in angesagte Locations. Im Partykeller feierte, wenn überhaupt, nur noch die Elterngeneration. Heute gibt es den Ort zwar noch, aber eher als bessere Abstellkammer. Da gammeln alte Hefte vor sich hin oder ausgelatschte Wanderstiefel, während sich die Kids lieber mit ihren Spielekonsolen beschäftigen.

Trotzdem ist die Erinnerung an wilde Feten nicht totzukriegen. In einem Online-Ratgeber wird der Partykeller als Traum bezeichnet, "in dem man ausgelassen feiern, gemeinsame Video- und Spieleabende verbringen und es sich mit Getränken gut gehen lassen kann". Klingt nach Schlaraffenland. Nur, dass dort irgendwann irgendjemand aufräumen muss.