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Partnervermittlung für Reiche:Kupplerin der Millionäre

Die Banker und Top-Manager sind wirklich arm dran. Da müssen sie so viel arbeiten, dass sie kaum Zeit haben, eine Beziehung aufzubauen. Wie gut, dass es eine Agentur gibt, die sich nur auf die Welt der Reichen beschränkt.

Es ist eine der feinsten Adressen in London: Berkeley Square Nummer 35 im Stadtteil Mayfair. Auf einem blankgeputzten Messingschild prangt der Firmenname "Gray & Farrar". Nur Eingeweihte wissen, dass es hier um Partnerschaftsvermittlung geht. Firmen-Chefin Virginia Sweetingham öffnet dem Besucher persönlich die Tür. Die groß gewachsene Frau trägt einen eleganten Hosenanzug, ihre sorgfältig frisierten Haare fallen auf eine frisch gestärkte, weiße Bluse, die Fingernägel sind manikürt.

Virginia Sweetingham von Gray & Farrar.

(Foto: Via Bloomberg)

Virginia Sweetingham strahlt den unverwechselbaren Charme der britischen Elite aus. Der Fahrstuhl surrt in den ersten Stock, die Tür öffnet sich zu einem Raum im Stil englisches Landhaus. Wulstige Polstermöbel, Mahagoni-Teetische, warm leuchtende Stehlampen, es fehlt eigentlich nur noch ein knisterndes Kaminfeuer. "Unsere Kunden sollen sich wie zu Hause fühlen", sagt Sweetingham. Sie lächelt und schenkt Tee ein.

Nicht jeder wird in diese heiligen Hallen von Gray & Farrar vorgelassen. Schon gar nicht ist die Agentur für die Jedermänner und -frauen da, die im Internet nach einem Partner suchen. Mit dieser Welt will Sweetingham nicht verwechselt werden. "Das Internet gehört nicht zu unserem Geschäftsmodell", sagt sie, und in ihrer Stimme schwingt dabei jene Arroganz mit, die in der britischen Oberklasse gepflegt wird. "Wir wollen schließlich der Elite dienen", fügt sie hinzu. Damit ist klar, dass bei Gray & Farrar das World Wide Web schon aus prinzipiellen Gründen abgelehnt wird: Es gaukelt eine soziale Gleichmacherei vor, die es in der Welt von Sweetingham nicht gibt.

Zu ihr kommen Banker, Unternehmer, Top-Manager und Millionenerben, die unter ihresgleichen bleiben wollen. Sweetingham erklärt das so: "Die Gesellschaft ist ein Pyramide. Je weiter Sie nach oben steigen, desto dünner wird die Luft. Eben nicht für jeden geeignet. Ganz oben, da sind wir." Zu Atemproblemen führt das bei ihr nicht. Sie verdient mit der Elite ihr Geld. 1500 Kunden werden von ihr und ihren acht Angestellten betreut. Um bei Gray & Farrar in die Kartei aufgenommen zu werden, ist zunächst eine Jahresgebühr von 10.000 bis 18.000 Pfund fällig, besonders intensive Betreuung kostet natürlich mehr.

Über Namen schweigt sich Sweetingham aus. "Diskretion ist bei uns das Wichtigste", sagt sie etwa schmallippig. Nur soviel will sie verraten: Zu ihr kämen Menschen, die "viel beschäftigt" seien und um die Welt jetten. Moderne Nomaden, die heute in London, morgen in New York und übermorgen in Shanghai seien. Das durchschnittliche Alter ihrer Kunden liege bei 40 Jahren. "Viele sind beruflich so stark eingespannt, dass sie keine Zeit haben, einen Partner zu finden", seufzt die Agentur-Chefin.

Über die Konkurrenz, die meistens bei der Suche nach einem "Zuckerpapi" hilft, kann Sweetingham nur milde lächeln. Da werde ein Null-Acht-Fünfzehn-Profil erstellt, und der Computer wähle dann diejenigen als Paare aus, die viele gemeinsame Vorlieben aufweisen, sagt sie. "Casual Dating" (saloppes Dating) nennt Sweetingham das. Die Erfolgsquote sei lausig, sagt sie.

Bei Gray & Farrar dagegen wird die älteste Geschichte der Welt, nämlich "Mann sucht Frau" oder "Frau sucht Mann", noch immer wie im Prä-Internet-Zeitalter zelebriert. Die Chefin lädt ihre Kunden zum persönlichen Gespräch nach London, erkundigt sich nach Wünschen, Vorlieben und Lebensstilen. Für Männlein und Weiblein werden bei Gray & Farrar jeweils blaue und pinkfarbene Ordner angelegt und unter strengstem Verschluss gehalten. Ist die Agentur fündig geworden, bekommt der Kunde einen Anruf aus der Londoner Zentrale und die Telefonnummer des möglichen Traum-Mannes beziehungsweise der möglichen Traum-Frau - aus Diskretionsgründen zunächst ohne Nachnamen.

Für die weitere Kontaktvertiefung sind dann allerdings auch in der globalen Premiumklasse die Beteiligten selbst zuständig. Sie müssen dafür sorgen, dass der Funke überspringt. Da kann auch Sweetingham nicht helfen. Aber sie gibt Empfehlungen. "Für das Kennenlernen trifft man sich klassischerweise zum Dinner. Und natürlich sollte der Herr die Dame einladen", erklärt die agile Mittfünfzigerin. "Wir können allerdings nicht dafür sorgen, dass die Chemie zwischen zwei Menschen stimmt. Wir bieten nur Möglichkeiten und Chancen an", schränkt sie ein.

Zu den bevorzugten Rendezvous-Locations zählen auch Golfplätze oder Jachthafen. Wer vor oder nach einem Date noch zusätzliche Beratung wünscht, kann dies über eine Video-Konferenz-Schaltung mit der Londoner Gray & Farrar-Zentrale tun. Sweetingham ist stolz auf ihre Erfolgsquote. Zwei von drei Kunden würden innerhalb eines Jahres zusammengebracht.

Im übrigen sieht sich die Gray & Farrar-Chefin durchaus als Krisengewinnlerin. Vor allem Banker, die in den Schreckensjahren des Börsencrashs 2008 und 2009 die kruden Seiten des Kapitalismus kennen gelernt haben, würden jetzt vermehrt bei ihr anfragen. "Die meisten wollen etwas ganz Solides. Es zählen jetzt wieder Werte wie Verlässlichkeit", erklärt Sweetingham.

Die Idee, eine handverlesene Partnersuche anzubieten, kam Sweetingham vor gut 25 Jahren. Damals durchlebte sie gerade selbst eine Krise. "Meine Ehe war in die Brüche gegangen. Ich stand mit den Kindern allein da", erzählt sie. Und weil sie nicht nur die Rolle einer alleinstehenden Mutter und Hausfrau spielen wollte, entwickelte sie den Plan, eine Agentur zu gründen. Zunächst lieh sie sich Bücher über Unternehmensgründer aus der öffentlichen Bibliothek aus. Dann ging sie zu einer Bank, die ihr einen Kredit von 20.000 Pfund als Startkapital anbot. "Ich startete meine Firma am Küchentisch. Natürlich musste ich viel improvisieren", erzählt Sweetingham. Werbebroschüren und Anzeigen gestaltete sie selbst. Der Firmenname Gray & Farrar ist übrigens ein Phantasieprodukt. "Der Name soll vor allem für ein seriöses Image stehen", sagt Sweetingham.

An ihre ersten Kunden kann sie sich noch lebhaft erinnern. Es waren ein 32- jähriger Offizier der britischen Armee sowie eine 27-jährige Geschäftsfrau. Beide sind bis heute verheiratet und haben drei Kinder. Damals betrug das Honorar für die Agentur 575 Pfund.

Das Geschäft ist rasch über Sweetinghams Küchentisch hinausgewachsen. Beste Werbung sei noch immer die Mund-zu-Mund-Propaganda ihrer Kunden, sagt die Ehestifterin für einsame Millionärsherzen. Sweetingham: "Wir können uns heute vor Anfragen nicht retten. Aber ich bestehe darauf, jeden Kunden sorgfältig auszuwählen. Andernfalls würden wir unsere Exklusivität aufgeben."

Auf der Spitze der Pyramide ist eben nicht für jeden Platz.