Ökonom Bofinger "Wenn Kalifornien Probleme hat, kommt auch nicht der IWF"

sueddeutsche.de: Rigorose Defizitvorgaben haben aber auch etwas für sich: Jeder weiß, wohin die Reise gehen soll.

Bofinger: Defizitziele sind einfach der falsche Ansatz. Man muss eine Regierung zu Maßnahmen verpflichten, die sie unmittelbar kontrollieren kann. Dazu zähle ich die Verschärfung der Steuergesetzgebung zur Eindämmung der Schwarzarbeit. Des Weiteren kann eine Regierung ihre Ausgaben gut kontrollieren - deshalb sollte man Vorgaben in der Form einer klar überprüfbaren Ausgabenregel machen.

sueddeutsche.de: Auf die EU-Vorgaben hat Griechenlands Premier Papandreou geantwortet - und in einem Nebensatz den Internationalen Währungsfonds ins Spiel gebracht.

Bofinger: Der arme Herr Papandreou steht zwischen zwei Stühlen. Zum einen muss er der EU und den Kapitalmärkten gerecht werden, zum anderen muss er seinem Volk klarmachen, dass er sich nicht in die Pfanne hauen lässt. Kein sehr beneidenswerter Job.

sueddeutsche.de: Aber war der Vorstoß, mit dem IWF gleich die ganz große Keule auszupacken, intelligent?

Bofinger: Das will ich nicht bewerten. Wie man im politischen Spiel jetzt am besten taktiert, ist schwer zu sagen. Ich meine, es ist besser den IWF nicht einzuschalten. Europa sollte zeigen, dass es seine Probleme selbst lösen kann. Wenn in den USA Kalifornien Probleme hat, kommt auch nicht der IWF.

sueddeutsche.de: Die Bundesregierung hat am Wochenende die Schaffung eines europäischen Währungsfonds nach dem Vorbild des IWF ins Spiel gebracht. Eine Steilvorlage für all jene EU-Staaten mit desolaten Finanzen? Der Ehrgeiz, den eigenen Staatshaushalt in Ordnung zu halten, dürfte irgendwann gegen null tendieren - der Fonds springt ja ein ...

Bofinger: Es kommt derzeit nicht in erster Linie auf neue Institutionen an. Es kommt darauf an, dass man gemeinsam vorgeht und einen vernünftigen Rahmen für den Konsolidierungsprozess entwickelt. Ob dieser dann von einem Fonds oder der Europäischen Kommission überwacht wird, ist zweitrangig. Allerdings sollte man auf jeden Fall gründlich prüfen, ob man neben der Kommission und der Europäischen Zentralbank noch einen Fonds braucht.

sueddeutsche.de: Wenn man das Prinzip Selbsthilfe radikal zu Ende denkt, könnte man auch sagen: Griechenland kehrt zur ehemaligen Landeswährung zurück. Erlebt die Drachme bald ihr Comeback? Ifo-Chef Hans-Werner Sinn hat den Griechen ja bereits vorgeschlagen, die Eurozone zu verlassen.

Bofinger: Ich halte das für eine wirklich schlechte Idee.

sueddeutsche.de: Warum?

Bofinger: Es geht ja nicht nur um Griechenland. Es geht um Europa und auch um Deutschland. Es wäre ein Armutszeugnis, wenn Europa in einer Zeit, in der die Globalisierung voranschreitet, wieder in Kleinstaaterei zurückfallen würde. Im Vergleich mit anderen Großen wie beispielsweise China wird sich ein mikroskopisch zersplittertes Regionen-Europa nicht behaupten können. Anfang der neunziger Jahre hatten wir mit unserer tollen D-Mark innerhalb Europas riesige Probleme. Die Devisenmärkte haben die anderen europäischen Währungen - die Lira, das Pfund, die Krone - massiv angegriffen. Unsere D-Mark wurde als Ergebnis unglaublich aufgewertet.

sueddeutsche.de: Nicht wenige werden sich damals über die starke D-Mark gefreut haben.

Bofinger: Man muss aber sehen: Jede Aufwertung ist nichts anderes als eine Erhöhung der Lohnkosten, gerechnet in ausländischer Währung. Mitte der neunziger Jahre hatten wir deshalb ein gravierendes Standortproblem. Der Export lief nicht mehr, weil uns diese Aufwertung geschadet hatte. Jede Währung eines Landes, das aus dem Euro herausbräche, würde erheblich abgewertet - und wir würden auf den Weltmärkten teurer und teurer. Die Folge: Wie bekämen riesige Probleme mit unseren Exporten und dem Arbeitsmarkt.

sueddeutsche.de: Haben Sie Professor Sinn schon gesagt, dass er mit seiner These falsch liegt?

Bofinger: Mein Kollege Sinn liegt mit seinen Thesen immer mal wieder falsch. Von daher ist das nichts Neues. Im Jahr 1998 hat er dem Keynesianismus den Totenschein ausgestellt, im Jahr 2003 fand er heraus, die deutsche Wirtschaft habe ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren - da stand die Industrie gerade vor einem unglaublichen Exportboom, der immerhin bis 2008 angehalten hat. Irren ist menschlich.