Neuer Nordbank-Chef: Paul Lerbinger Ein Münchner in Hamburg

Paul Lerbinger soll HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher ersetzen. Der Neue liebt seine bayerische Heimat und hasst Konflikte. Jetzt aber muss er ein Tollhaus bändigen.

Von Martin Hesse

Stellt man Paul Lerbinger eine schwierige Frage, kokettiert er gerne mit seinem Unwissen. "Was fragen Sie mich? Ich weiß doch gar nichts", pflegt er dann mit hochgezogenen Augenbrauen zu sagen. Der Investmentbanker betreibt ein Understatement, das ganz und gar untypisch ist für seinen Berufsstand, ist mitunter selbstironisch bis an die Grenze des Zynismus. Und man könnte auf den Gedanken kommen, dass ihn Eigentümer und Aufsichtsrat der HSH Nordbank auch deswegen zum Chef der skandalumrankten Landesbank machen.

Paul Lerbinger ist ein Gegenentwurf zum ehemaligen HSH-Chef Jens Dirk Nonnenmacher.

(Foto: dpa)

Der leise Lerbinger als Gegenentwurf zu Jens Dirk Nonnenmacher, dem Mann mit den gegelten Haaren, der Eigentümer und Öffentlichkeit seit Monaten geradezu lustvoll provoziert hatte, und deswegen gehen muss. Am 1.April soll Lerbinger, der an diesem Donnerstag seinen 55.Geburtstag feiert, die schwierige Aufgabe übernehmen, das Überleben der HSH zu sichern.

Meist weiß Lerbinger dann aber doch eine Antwort auf schwierige Fragen. Und dann legt er los, in leichtem Bairisch, analysiert, seziert und erklärt, warum etwa der Hamburger Hafen an der Börse ein Erfolg werden musste oder weshalb einige deutsche Landesbanken nicht überlebensfähig sind. In die Wunden der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute hat Lerbinger gerne den Finger gelegt.

Ein Feuerstuhl

In den Jahren zwischen 2002 und 2010, als er für die amerikanische Citigroup in Deutschland zunächst das Investmentbanking leitete und dann Vize-Chef wurde, beriet er mit seiner Mannschaft unter anderem die WestLB und die BayernLB. Jetzt aber muss er eine dieser Problembanken selbst führen. Und selbst Leute, die ihn kennen und schätzen, haben Zweifel, ob er der richtige Mann für den Feuerstuhl bei der HSH ist.

Lerbinger hasse Konflikte, sagt einer, der ihn lange kennt. Nichts sei ihm unangenehmer, als wenn zwei an seinen Rockzipfeln hängen und jeder etwas anderes will. Bei der HSH war das Umfeld und teils auch die Stimmung intern zuletzt so aufgeheizt, dass Lerbinger um harte Auseinandersetzungen nicht herumkommen dürfte. Vielleicht aber kann er gerade deshalb befriedend wirken, weil er sich zurücknimmt und Fehler einräumt. "Ich habe auch schon Schrott gemacht", hat er einmal rückblickend über seine Beratertätigkeit gesagt. Nonnenmacher war gerade seine Unfähigkeit zur Selbstkritik immer wieder vorgehalten worden.

Eine andere Schwäche könnte Lerbingers Mangel an politischer Erfahrung sein. Anders als andere führende Investmentbanker hielt er sich in der Außendarstellung der Citigroup eher zurück, bewegte sich weniger auf der politischen Bühne als mancher Konkurrent. Das soll ein Grund sein, weshalb Lerbinger Anfang März zunächst als Vorstandsmitglied bei der HSH beginnt und erst einen Monat später an die Spitze rückt. Man gibt ihm Zeit, sich zu akklimatisieren. Ein Vorteil dürfte auch sein, dass er von allen Skandalen unbelastet ist.

Ein Hang zur Askese

Außerdem bringt Lerbinger eine Menge Erfahrungen mit, die ihm bei der HSH hilfreich sein dürften. Er gilt in der deutschen Bankenszene als extrem gut vernetzt und genießt einen guten Ruf, wenn es darum geht, wie Banken sich Geld für ihre Geschäfte beschaffen. Das ist eines der großen Probleme für Landesbanken wie die HSH, die praktisch über keine Kundeneinlagen verfügen. Außerdem weiß Lerbinger als einer der erfahrensten deutschen Investmentbanker, wie man einen Konzern umbaut und einen Eigentümerwechsel vorbereitet. Das ist der Auftrag, den Lerbinger für Aufsichtsratschef Hilmar Kopper erfüllen soll.

Kopper war es auch, der Lerbinger vor einigen Wochen ansprach, wie es in Finanzkreisen heißt. Mitte der 90er Jahre als der HSH-Chefkontrolleur noch Chef der Deutschen Bank war, arbeitete auch Lerbinger beim deutschen Marktführer. Nun erinnerte sich Kopper an Lerbinger als einen akribischen Arbeiter, dem - anders als Kopper - ein Hang zur Askese nachgesagt wird. Dieses Lebensgefühl war es wohl auch, das den Münchner zurück in das Bankgeschäft und in den hohen Norden trieb, obwohl er doch als eingefleischter Münchner gilt.

"Der läuft noch viel zu hochtourig und hätte sich doch zu Tode gelangweilt", sagt einer, der ihn gut kennt. Es heißt jedoch auch, er habe sich bei der Citigroup nur deshalb zurückgezogen, weil dort die Geschäfte nach der Finanzkrise zumindest zeitweise nicht mehr so gut liefen. Zudem gibt es andere Beispiele von Investmentbankern, die genug von der Beratung hatten und selbst eine Bank führen wollten - etwa Hypovereinsbank-Chef Theodor Weimer oder Hans-Jörg Schüttler, der die IKB führt.

So nimmt Lerbinger in Kauf, dass er nun wieder pendeln muss. Nicht mehr zwischen München und Frankfurt, was nie so recht seine Heimat wurde, dafür zwischen München und Hamburg. Ob er sich dort auch mit seinem alten Fahrrad fortbewegt, wie zwischen den Frankfurter Banktürmen, wird sich zeigen. Vielleicht leistet er sich ein neues. Dafür dürfte auch das bei 500.000 Euro gedeckelte Jahresgehalt reichen. Selbst wenn Lerbinger, wie es in Bankenkreisen heißt, keine garantierten Boni erhalten soll.