Süddeutsche Zeitung

Neue Zielgruppe:Bonus für junge Leute

Berufsanfänger bis zum Alter von 25 Jahren erhalten bei Abschluss eines Riester-Vertrags eine einmalige Zulage von 200 Euro

Thomas Müncher

Das Thema Altersvorsorge ist für Felicia Kahle noch sehr weit weg. "Wenn ich malGeld verdiene, muss ich erstmal mein eigenes Leben finanzieren", sagt die 17-Jährige. Und auch die Riester-Rente weckt bei der Realschülerin eher Zweifel. "Damit muss ich mich für einen sehr langen Zeitraum festlegen." Wäre eine Extra-Prämie für sie ein Anreiz, einen Vertrag abzuschließen? "Nein", betont das junge Mädchen.

Lohnt sich das für mich überhaupt? Welche Sparform soll ich wählen? Ist das Thema nicht viel zu kompliziert? Das Riester-Sparen weckt bei Jugendlichen keine Begeisterung, sondern viele quälende Fragen. Um ihnen die Privatrente trotzdem schmackhaft zu machen, lockt die große Koalition jetzt mit einer Extraprämie. Berufsanfänger bis zum Alter von 25 Jahren erhalten bei Abschluss eines Riester- Vertrags eine einmalige Zulage von 200 Euro. Sie gilt für alle Verträge rückwirkend zum 1. Januar 2008. Geplant waren zunächst nur 100 Euro bei einer Altersgrenze von 21 Jahren. Zugleich wurden die Vorgaben für die Wohnungsbauprämie an Jüngere noch gelockert.

Doch nicht nur Betroffene reagieren zurückhaltend. Auch Fachleute halten die sogenannte Kopfprämie für wenig sinnvoll. "Junge Leute besitzen häufig noch keine Überschüsse zum Sparen", kritisiert Andreas Beck vom Institut für Vermögensaufbau (IVA).Der Experte geht sogar noch weiter: "Warum fördert der Staat weniger rentable Anlageformen wie Riester- und Rürup-Rente und effizientere wie Bundesschatzbriefe, Staatsanleihen oder börsengehandelte Indexfonds nicht?" Zudem ist bei Twens der Lebenswegmeist noch offen. "Da ist es problematisch, eine starre Sparform wie einen Riester-Vertrag abzuschließen", sagt FinanzexperteTomFriess vom VZVermögenszentrum.

Dabei eignet sich die Riester-Rente grundsätzlich auch für Berufseinsteiger. "Sie ist ein sehr gutes Instrument zur privaten Altersvorsorge, wenn kostengünstige und flexible Angebote ausgewählt werden", erläutert Finanzexperte Merten Larisch von der Verbraucherzentrale Bayern. Die Anlageform, benannt nach dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester (SPD), wurde 2002 als Ersatz für das sinkende Niveau der gesetzlichen Rente eingeführt. Als Ausgleich und Anreiz fördert der Staat den Vertragsabschluss mit einer Zulage und Steuerersparnis. Erst wenn der Vorsorger seine Rente erhält, muss er darauf Steuern zahlen.

Vorsorger entscheiden sich meistens für eine Riester-Rente, weil keine andere Anlageform eine so hohe Förderung bietet. Wer vier Prozent seines Einkommens (höchstens 2100 Euro) im Jahr spart, bekommt eine Zulage von 154 Euro plus 185 Euro für jeden Nachwuchs (solange es Kindergeld gibt). Für Kinder, die nach 2008 geboren werden, spendiert der Staat sogar 300 Euro. Neben der direkten Finanzspritze gibt es für Riester-Sparer auch eine Steuergutschrift - bis zu 2100 Euro im Jahr 2008. Darüber hinaus sind sämtliche Erträge (Dividenden, Zinsen, Kursgewinne) in Riester-Sparverträgen steuerfrei. Sie fallen auch nicht unter die geplante Abgeltungsteuer. Um Steuern zu sparen, ist es sogar möglich, Riester-Fondssparpläne zu überzahlen. Für den Sparbetrag bekommt der Vorsorger zwar keine weitere Förderung, die Erträge müssen aber später nur mit der Hälfte des persönlichen Satzes versteuert werden.

Daneben bieten Riester-Verträge eine hohe Sicherheit. "Das selbst gesparte Kapital und die staatlichen Zulagen sind bis zur Auszahlung garantiert", sagt Hermann- Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest. Auch wer längere Zeit arbeitslos ist und Hartz IV empfängt, muss Riester-Ersparnisse nicht auflösen. Jüngere Berufseinsteiger, die sich für einen Vertrag entscheiden, sollten auf jeden Fall zu einem Fondsangebot greifen. Denn die Sparzeit bis zur Rente dauert für sie noch mindestens 40 Jahre. Keine andere Geldanlage bietet ähnlich hohe Renditechancen ohne Verlustrisiko. Bei Riester-Verträgen bekommen Vorsorger nämlich in jedem Fall zu Rentenbeginn die eingezahlten Beträge plus Zulagen zurück. Riester-Fonds gehen nach folgendem Prinzip vor: Je jünger der Sparer, desto mehr Geld fließt in Aktienfonds.

Mit steigendem Alter tauschen die Manager die Aktienanteile in wertsichernde Fonds um. Laut Finanztest erzieltenRiester- Fonds in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt eine jährliche Rendite von sieben bis 14 Prozent. Sie sind damit rentabler als jede andere Riester-Sparform (Rentenversicherung, Banksparen, Fondspolicen). Allerdings schwanken die Erträge zwischenzeitlich viel stärker. Wichtig für junge Sparer: "Sie sollten sich durch die Prämie nicht verleiten lassen, vorschnell bei einem Vermittler zu unterschreiben", warnt Larisch. "Es ist ratsam, vor einem Abschluss mehrere Angebote zu vergleichen."

Wer riestern will, sollte sich nicht nur gut informieren, sondern auch die Nachteile bedenken. Der Sparer ist langfristig an den Vertrag gebunden.Will er kurzfristig wieder an sein Geld, muss er Renditeverluste in Kauf nehmen. Außerdem sind die Abschluss- und Verwaltungsgebühren relativ hoch. Bei Riester-Fonds ziehen die Anbieter für Beratung und Werbung Gebühren von maximal fünf Prozent der Anlage ab. Zudemfallen Managementgebühren von bis zu zwei Prozent an. Wegen des langen Anlagehorizonts raten Experten jungen Sparern, das Geld lieber selbst in Aktien - zum Beispiel Fondssparplänen - anzulegen. "Empfehlenswert sind börsengehandelte Indexfonds (ETF) mit internationalen Aktien", sagt Beck. ETFs sind günstiger als normale Fondsanlagen, weil sie nur einen Index kopieren - bei internationalen Aktien zum Beispiel den MSCI-World-Index.

Noch differenzierter argumentiert Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Die Kostenvorteile der ETFs können den Verzicht auf die Riester-Zulagen mehr als kompensieren." Allerdings spiele die Förderquote eine wichtige Rolle. "Beträgt der Zuschuss mindestens 40 Prozent der eingezahlten Summe, sind Riester-Fonds vorteilhafter", sagt Nauhauser. Diesen Aspekt sollten vor allem jüngere Sparer bei ihren Überlegungen mit einbeziehen. Das sei auch der Fall, wenn die Wahl auf einen sehr guten Fonds falle. Noch etwas spricht gegen ETFs: Anleger tragen das volle Risiko, weil es keine Kapitalgarantie gibt.

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Quelle:
SZ vom 26./27. Juli 2008
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