Nachhaltige Architektur:Architekten als Energie-Kanalisierer

Das ist verdienstvoll, auch wenn sich manches im Manifest ein wenig nach dem bekannten Aufgewühltsein anhört. (Übrigens kann es vom 27. März an unter www.klima-manifest.de von allen deutschen Planern, von Architekten und Ingenieuren gleichermaßen, unterzeichnet werden.) Gefordert wird etwa "ein neues Denken, eine neue Entschlossenheit und eine neue Verbundenheit über alle Grenzen hinaus. Wir brauchen Ideen, Utopien und Perspektiven, Entschiedenheit, Neugierde und Mut, um unser Leben so zu führen, dass die drohende Veränderung der Welt in Grenzen bleibt". Die ökologische Wende möchte man erreichen "mit einer intelligenten und zukunftsweisenden Planung und Gestaltung unserer Städte und Bauwerke".

Auch schon aufgewacht?

Aber nicht alles, was verdienstvoll ist, ist auch relevant. Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut - im Sinn von notwendig. Es ist deshalb zunächst nur interessant, dass sich die Planer - endlich - der schon länger bekannten Nachfrage nach energieeffizienten, nachhaltig wirksamen und zu bewirtschaftenden Bauwerken, seien es Wohnungen, Büros oder Fabriken, annehmen wollen. Manche Architekten und Ingenieure, die sich seit Jahrzehnten um eine ökologisch orientierte Baukultur mühen, werden sich vermutlich fragen: "Auch schon aufgewacht?"

Aber besser spät als zu spät. Und es ist verblüffenderweise gar nicht so falsch und gar nicht so naiv, wenn sich die Architekten und Ingenieure nun die Rolle der Weltenretter zumuten. Denn am Bau wird tatsächlich das Schicksal der Erde entschieden - sofern es mit der Emission von Kohlendioxid als Folge der Energiefreisetzung verbunden ist.

Die Zahlen sprechen für das Anliegen: Weltweit wird rund ein Drittel der notwendigen Energie für das Heizen oder Kühlen von Wohnraum und Arbeitsstätten aufgewendet. Ein weiteres Drittel verursacht der Berufs- und Freizeitverkehr. Dieser wiederum kann durch stadträumliche Eingriffe, etwa durch das Schaffen von Wohnraum nah an den meist zentral gelegenen Arbeitsplätzen, beeinflusst werden. Das letzte Drittel der Energie, die die Welt braucht und verbraucht, geht in die Industrieproduktion. Aber auch hier kann eine ökologisch orientierte Planung für mehr Nachhaltigkeit sorgen - und, nicht zu vergessen, die Kosten senken.

Das heißt: Architekten und Ingenieure sind tatsächlich an jenen Schalt- und Planungsstellen zu finden, an denen sich entscheidet, wie viel Energie auch in Zukunft aufzuwenden ist - oder, besser, eingespart werden kann. Die Architektur eines Wohnhauses, eines Büroturms, einer Fabrikhalle, die Konstruktion und energetische Ausstattung: Das ist das Feld, auf dem sich der Klimawandel tatsächlich entscheiden wird. Vor dem Hintergrund endenwollender Ressourcen und unabsehbarer Klimafolgen kommt den Planern daher für die Zukunft eine Bedeutung zu, die sie wohl selbst nicht vermutet hätten. Allein der Bauschutt verursacht etwa die Hälfte des weltweiten Müllproblems. Hier ließe sich viel erreichen - womöglich auch mit einem Manifest der Vernunft.

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