Nachbarn Kein Recht auf freie Aussicht

Wenn in angrenzenden Grundstücken gebaut werden soll, könnte es Probleme geben. Ein Experte des Verbands Privater Bauherren erklärt die Vorschriften. Und sagt, wer für Schäden aufkommt, wenn bei Projekten etwas schief geht.

Interview von Andrea Nasemann

Viele Städte wachsen. Die Nachverdichtung verursacht auch Konflikte. Holger Freitag, Vertrauensanwalt des Verbandes Privater Bauherren (VPB), erläutert, welche Rechte Nachbarn gegenüber bauenden Grundstückseigentümern haben.

SZ: Herr Freitag, was müssen Nachbarn dulden, wenn auf dem angrenzenden Grundstück gebaut wird?

Holger Freitag: Baurechtsvorschriften, die allein im öffentlichen Interesse bestehen, muss der Nachbar grundsätzlich dulden. Dies können zum Beispiel Vorschriften des Natur- und Denkmalschutzes sein oder manche Regelungen, die die bauliche Gestaltung der Anlage betreffen.

Durch die Verdichtung wird dem Nachbarn häufig die freie Aussicht genommen. Kann er sich dagegen wehren?

Diese Frage hat für die Aufstellung eines Bebauungsplans schon das Bundesverwaltungsgericht beantwortet: Die Richter entschieden, dass grundsätzlich kein Recht des Nachbarn auf unverbaubare Aussicht besteht. Niemand könne verlangen, dass ein fremdes Grundstück aus diesem Grund unbebaut bleibt (4 BN 38.00). Im Grundsatz gilt: Wenn das Bauvorhaben des Nachbarn die öffentlichen Vorschriften einhält, dann ist auch der Nachbarschutz schon mitberücksichtigt worden. Eine Abwehr gegen Einsichtsmöglichkeiten durch einen Neu- oder Anbau oder gegen die Verschattung durch einen Neubau hat dann kaum Aussicht auf Erfolg.

Was tun, wenn der Nachbar mein Grundstück oder meine Pflanzen beschädigt?

Gerade wenn dicht an die Grenze gebaut wird, besteht die Gefahr, dass die Gebäude und Nachbargrundstücke Schaden nehmen. In manchen Fällen kann es dann schwierig sein, die Ursächlichkeit des Schadens beweisen zu können. Aus diesem Grund ist es für Nachbarn wichtig, dass sie den Ist-Zustand ihres Grundstücks noch vor Beginn des Nachbarbaus festhalten. Der Nachbar sollte daher den baulichen Zustand seines Hauses dokumentieren, am besten durch einen Bausachverständigen. Dann kann er im Streitfall, wenn etwa sein Haus Setzrisse bekommen hat, Fenster gebrochen sind oder das Gelände nachgerutscht ist, vom Nachbarn Ersatz seiner Schäden fordern. Dasselbe gilt natürlich, wenn Pflanzen durch den Nachbarbau zerstört wurden. Auch hier muss dann der ursprüngliche Zustand vom bauenden Nachbarn wiederhergestellt werden. Es empfiehlt sich, den bauenden Nachbarn auf die Versicherungsmöglichkeit solcher Schäden hinzuweisen; im Schadensfall ist dann das Streitpotenzial deutlich entschärft.