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Mobilität:Freie Fahrt in die Großstadt

Gute Verkehrsanbindungen beleben die Provinz und entlasten den Wohnungsmarkt in Metropolen, wie zum Beispiel im Großraum Düsseldorf und dem Städtchen Montabaur.

Von Stefan Weber

Morgens um halb acht ist der Andrang am größten. Dann füllt sich der kleine Bahnsteig in Osterath, einem Ortsteil von Meerbusch im Großraum Düsseldorf, in Minutenschnelle. Um 7.37 Uhr fährt der RE 10 ein und ist eine Viertelstunde später in Düsseldorf. Um 7.42 Uhr hält der RE 7 auf dem Weg von Krefeld nach Rheine. Er braucht nur gut 30 Minuten für die 55 Kilometer lange Fahrt zum Hauptbahnhof in Köln. Mit dem Auto benötigten Berufspendler morgens mindestens die doppelte Zeit. Wer im Umkreis von Osterath wohnt und in den Norden von Düsseldorf will, hat seit Jahresbeginn eine weitere Alternative: einen Schnellbus, getaktet im Rhythmus von 20 Minuten, Start am Osterather Bahnhof.

Die gute Verkehrsanbindung an die benachbarten Großstädte ist einer der Gründe, warum der 13 000 Einwohner zählende Ort eine beliebte Wohnadresse ist. Zwar sind die Preise auch hier trotz zahlreicher Neubauprojekte in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Aber im Vergleich zu Düsseldorf ist Wohnen in vielen Teilen von Osterath und seinen Nachbargemeinden nach wie vor preiswert.

Die Großstädte entwickeln sich immer stärker zu Motoren der Wirtschaft. Mit vielen und gut bezahlten Arbeitsplätzen vor allem in wissensorientierten Dienstleistungen wie der Informationstechnologie oder Unternehmensberatungen. Das zieht Menschen an. Aufgrund der Wohnsituation in den Großstädten sind sie jedoch gezwungen auszuweichen. Dabei bevorzugen sie Orte, die gut an die Metropolen angebunden sind, um Pendelzeiten zu minimieren.

Der Anschluss an das ICE-Netz wirkt wie ein Konjunkturprogramm

"Gelingt es, das Umland besser an die Großstädte anzubinden, erweitern sich die Möglichkeiten für die Menschen, wodurch die Großstädte automatisch entlastet werden", heißt es in einer Studie ("Ideen zur Beseitigung des Wohnungsmangels") des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Als Beispiel, wie unattraktive Orte im Umkreis von Großstädten aufblühen können, wenn sie besser an Großstädte angebunden werden, nennen die Forscher Montabaur. Das rheinland-pfälzische Städtchen und die angrenzenden Gemeinden sind seit der Eröffnung des ICE-Bahnhofs im Jahr 2002 zu einer beliebten Wohnadresse geworden. Die Zahl der Einwohner ist um mehr als zehn Prozent auf knapp 13 900 gestiegen - gegen den Trend im Westerwaldkreis, den seit Jahren immer mehr Menschen verlassen. "Wir werden immer mehr. Das ist ein Zeichen für die Attraktivität der Stadt und der Region", freut sich Stadtbürgermeisterin Gabriele Wieland.

Die sprudelnden Steuereinnahmen vergrößern den Investitionsspielraum der Stadt, zum Beispiel für Kindertagesstätten oder Straßenbaumaßnahmen. Der Anschluss an das ICE-Netz wirkt für Montabaur wie ein Konjunkturprogramm und entlastet den Wohnungsmarkt - indem freie Kapazitäten in einer ländlichen Region genutzt werden und die hohe Nachfrage im Raum Frankfurt ein wenig gedämpft wird. Eine gute halbe Stunde benötigt der Zug für die 69 Kilometer lange Strecke von Montabaur bis in die Mainmetropole - so lange sind auch manche Autopendler morgens selbst innerhalb Frankfurts unterwegs.

Das Beispiel Montabaur zeigt, dass eine bessere Verkehrsinfrastruktur Wohnstandorte im Umland von Großstädten stärken kann. Davon könnten viele mittelgroße Städte profitieren, wenn die neue Bundesregierung ihre Pläne umsetzt und deutlich mehr Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern sowie alle Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern an ICE/IC-Netze anbindet. Doch dieser Ausbau benötigt Zeit. Bestehende Kapazitäten im Schienenverkehr sind häufig ausgereizt, eine höhere Taktung ist oft nicht möglich. Das Institut der deutschen Wirtschaft sieht dennoch Möglichkeiten, die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr zu verbessern, etwa über eine Stärkung des Fernbussystems: "Gerade Fernbusse können Umlandgemeinden an Regionalbahnhöfe oder ICE-Bahnhöfe anschließen. Es bietet sich an, dass hier Kommunen kreativ mit Fernbusunternehmen kooperieren, um den Einwohnern einen besseren, häufigeren und schnelleren Zugang zu dem Zugverkehr in die Metropolen zu ermöglichen." Auch Carsharing-Angebote und mehr Park-and-Ride-Plätze an den Bahnhöfen können nach Ansicht der Forscher die Attraktivität von Umlandgemeinden erhöhen.

Neue Möglichkeiten eröffnen sich künftig durch Schnellradwege. So entsteht im Ruhrgebiet gerade der RS 1 - ein 101 Kilometer langes Asphaltband vom rheinischen Duisburg bis ins westfälische Hamm. Etwa vier Meter breit, innerorts beleuchtet und ausgestattet mit einem Winterdienst. Entlang der Strecke befinden sich 430 000 Arbeitsplätze. "Auf zwei Rädern am Stau vorbei", wirbt der Regionalverband Ruhr als Projektträger des RS 1. Die ersten zehn Kilometer sind bereits fertiggestellt; 2020 soll die gesamte Strecke befahrbar sein. Sie wird die Mobilität in der Metropole Ruhr verbessern.

Eine gute Verkehrsanbindung ist jedoch längst nicht die einzige Voraussetzung dafür, dass Menschen Wohnorte im weiteren Umfeld der Großstädte akzeptieren. Wie eine Umfrage des IW unter 50- bis 65-Jährigen zeigte, sind auch Einkaufsmöglichkeiten entscheidend für die Attraktivität eines Wohnstandorts. Wichtig sind zudem Freizeitangebote und Naherholungsgebiete. Für jüngere Haushalte spielt die Qualität von Schulen und Kindergärten eine große Rolle. "Gerade die unbefriedigende Schulsituation erschwert es manchen Standorten im Ruhrgebiet, als günstige Wohnortalternative zu Düsseldorf wahrgenommen zu werden", so die Forscher.

Dabei herrschen in mancher Stadt im Ruhrgebiet oder auch im Bergischen Land strukturelle Leerstände. Regionen schrumpfen, und wenn die Menschen wegziehen, finden auch Lebensmittelhändler, Banken, Ärzte, Post und andere Dienstleister keine wirtschaftliche Basis für ihr Geschäft. Damit verlieren Orte noch mehr an Anziehungskraft. Ein Teufelskreis. "Gelingt es, solche Standorte attraktiver zu gestalten, können hohe Neubau- und Abrisskosten vermieden werden", so das IW. Hier seien vor allem die Länder gefordert, gemeinsam mit den Gemeinden Lösungen zu finden und Investitionen zu initiieren.

In Osterath ist das bestens gelungen. Auf dem Gelände eines ehemaligen Fliesenherstellers sind vergangenes Jahr 103 Ein- und Mehrfamilienhäuser entstanden. In der Nachbarschaft hatte bereits Ende 2005 ein 4000 Quadratmeter großer Supermarkt eröffnet. Wer von den neuen Anwohnern in Düsseldorf oder Köln arbeitet, benötigt kein Auto zum Pendeln. Der Bahnhof Osterath ist nur einen Steinwurf entfernt.

© SZ vom 23.02.2018

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