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Mobilar:Auf Abstand

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Blick in Die Kamera: Ein Mann schaut von seiner Arbeit auf, um sich ablichten zu lassen. Das Foto entstand in Italien, wann, ist unklar.

(Foto: imago/Cola Images)

Der Chefschreibtisch verbreitet eine wenig subtile Botschaft: Hier sitzt die Macht. Nun verliert das Statussymbol an Bedeutung.

Von Oliver Herwig

Er hatte etwas Einschüchterndes. Mancher Schreibtisch schien für die Ewigkeit gebaut, ein Gebirge aus massiven Hölzern mit metallenen Beschlägen und Schlössern. Er war nichts weniger als Gestalt gewordene Macht. Noch heute finden sich unter dem Stichwort "Chefschreibtisch" wahre Monster aus Holz und Polycarbonat, Stahl und Glas. Doch eigentlich sind das nur Rückzugsgefechte. Digitale Medien, flache Hierarchien und Homeoffice haben Monsterschreibtische ausgehöhlt, wie es Armeen von Termiten nicht hätten besser tun können. Wenig blieb von den Chef-Insignien, den Schriftstücken samt Lederunterlage, dem eleganten Brieföffner und der Zigarrenkiste aus Elfenbein oder der Summer fürs Vorzimmer.

Wer den Schreibtisch als Symbol verstehen will, sollte bei Henry van de Veldes "Sezessions-Schreibtisch" von 1899 beginnen - einer schwungvollen Geste im Raum, die sich um seine Besitzer schmiegte wie heute manches Autocockpit. Das Stück wirkt, als ob der Jugendstil-Meister mit einem Stück Kreide in der Luft einen Viertelkreis markierte, wobei er die Arme ganz lang machte. Dieser Schwung findet sich noch in den sechs Schüben aus Virginischem Wacholder und den elegant abgerundeten Ecken. Ein Schreibtisch fürs Direktionszimmer, hergestellt in kleinster Auflage: Eiche massiv mit Messing-Beschlägen. Zur Ausstattung gehörten zwei Lampen rechts und links sowie ein gezacktes Messing-Gitter in der Mitte, das jede(r) mit etwas Fantasie als zwei Blitze des Zeus lesen konnte.

Man musste stehen, bis einem der Stuhl zugewiesen wurde: "Setzen Sie sich."

Die Botschaft war wenig subtil: Hier saß die Macht. Ein derartiges Möbel macht Eindruck und schafft Distanz. Hinter ihm saß jemand, während das Gegenüber zunächst stehen durfte, bis - nach einem Handschlag oder einem Nicken - der Stuhl zugewiesen wurde: "Setzen Sie sich." Von solchen Ritualen lebte nicht zuletzt auch die Begegnung zwischen Bond und M. Der Agent mit demonstrativ lockeren Sprüchen und unterschwelliger Insubordination, der/die Vorgesetzte mit den Rangabzeichen der leitenden Bürokratie: zwei Telefone, lederne Schreibauflage, Aktenstapel und Posteingangsmappe samt passender Tischleuchte. Hatte Bond auch eine Waffe unter dem Jackett, zückte der/die Vorgesetzte einfach einen Füller. Wirkungsvoller ließ sich wahre Macht nicht darstellen. Der breite Kamin, der Globus und die schweren Bilder an der Wand waren bloßes Beiwerk der Inszenierung, im Zentrum stand immer der Monsterschreibtisch. Chefs liebten dieses Ambiente wohl auch deshalb, weil sie damit ablenken konnten, dass eine Etage tiefer ein wenig glamouröses Altpapierdepot aus Rundschreiben und Durchführungsanweisungen auf sie wartete.

Kein Wunder, dass in Zeiten jovialer Begrüßung ein solcher Auftritt altväterlich, ja geradezu reaktionär wirkt. Dabei war der Schreibtisch schon immer ein besonderes Möbel, das Funktion und Symbolik verband. Alles war geordnet, eine kleine, überschaubare Welt. Auf ihm wurden Verträge verfasst, Urkunden unterzeichnet und Bilanzen erstellt. Damit machte das Möbel zunächst Karriere im Kontor, bis es im Biedermeier als Sekretär Einzug in bürgerliche Interieurs hielt. In der guten Stube wurde er zum Ort handgeschriebener Liebesschwüre. Ohne ihn wäre Briefkultur des 18. Jahrhunderts schwer denkbar. Schon früh galt der Schreibtisch als Spiegel seiner Besitzer und Besitzerinnen. Hier sollte Ordnung herrschen, was Albert Einstein angeblich zum vernichtenden Bonmot verleite: Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiere, was sage dann ein leerer Schreibtisch aus? Klingt wie eine perfekte Entgegnung auf nonterritoriale Arbeitsplatzvorgaben und die damit verbundene clean-desk-policy.

Der Schreibtisch war lange ein Fels in der Brandung inmitten elektronischer Medien. Das mobile Netz samt WLAN haben ihn von allerhand Lasten befreit - Druckern, Papierstapeln und Festnetzanschlüssen -, ja gewissermaßen erlöst. Ohne Akten kein Aktenordner und keine Hängeregistratur. Und wohin mit dem Füller, wenn man ein PDF unterzeichnen soll? Heute ist selbst der Desktopcomputer nur noch ein Zugang zur Netzwelt. Monsterschreibtische wirken inzwischen antiquiert wie Ärmelschoner oder Diskettenlaufwerke. Moderne Alternativen sind filigrane Sekretäre, die gerade noch Platz bieten für ein Notebook oder ein Pad. Dafür gibt es ja haufenweise Klapptische in der Bahn und wackelige Armlehnen in irgendwelchen Flughafen-Lounges. Und Steh-Arbeitsplätze, auf der die dynamische Bürogesellschaft von heute gegen Bandscheibenvorfälle ankämpft.

Alles hatte seine Aufgabe. Bleistift und Radiergummi waren ersten Gedanken vorbehalten

Auch Möbelgebirge wie der Schreibtisch werden irgendwann pulverisiert. Aber ganz große Dinge verschwinden nicht einfach, ihr Fall reißt viele kleine Accessoires mit sich, die sie einst wie Satelliten umkreisten. Eine Vitrine entleert in der Regel gleich noch ihren ganzen Inhalt - und ein Schreibtisch offenbart einen ganzen Kosmos an Materialien und Andenken. Aus Schubläden und Fächern quillt herrlich Überflüssiges und Nostalgisches, allen voran sind das die Relikte unser analogen Schreib- und Briefkultur: Aktenordner, Brieföffner und Briefwaage, Locher, Schatullen für Notizzettel und Postwertzeichen, Heft- und Büroklammern. Dazu so manche Briefbögen, Umschläge und Stempelkissen, gefolgt vom obligatorischen Stempelrondell neben Postkarten, Disketten, CD-ROMs und anderen Speichermedien. Im letzten Winkel finden sich vielleicht noch ein vergessenes Buch, vergilbte Zeitschriften und halbe Notizblöcke sowie ein Bogen Löschpapier und eine ausrangierte und längst vertrocknete Druckerpatrone. Und ganz unten noch ein Aschenbecher.

Zusammen bildeten die Utensilien eines gut geführten Büros so etwas wie die Hierarchie von Bedeutung: Füller und Etui waren für Verträge und Arbeitszeugnisse reserviert, Kugel- und Softballschreiber für alltägliche Arbeiten, während Bleistift, Spitzer und Radiergummi ersten Gedanken vorbehalten blieben. Nicht zu vergessen das Lineal für Unterstreichungen bei diversen Schriftstücken. Vorbei. Das Netz hat alles eingesaugt und egalisiert. Mit etwas Glück bleibt vom Schreibtisch eine schöne Hülle. Wie Setzkästen ohne bewegliche Lettern. Wer weiß, vielleicht kommt bald eine neue Mode - und wir stellen uns mächtige alte Schreibtische in die Wohnung, weil sie ohnehin als Homeoffice dient. Schade eigentlich, dass die wenigsten die Qualitäten eines Henry van de Velde aufweisen dürften.

© SZ vom 04.07.2020

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