Michael Schindhelm "Zur Selbstkritik nicht fähig"

SZ: Wie kommen Sie denn darauf, er musste doch über alles Bescheid wissen.

Michael Schindhelm: "Arbeitslose Ausländer verlieren in Dubai sofort ihr Aufenthaltsrecht."

(Foto: Foto: ddp)

Schindhelm: In der arabischen Welt will niemand zugeben, dass er etwas nicht kann oder falsch gemacht hat. Die Leute stellen die Realität immer besser dar, als sie wirklich ist. Sie sind zur Selbstkritik nicht fähig. Kein Wunder, dass sich niemand traute, dem Scheich die Wahrheit zu sagen.

SZ: Wie haben Sie den Emir erlebt?

Schindhelm: Ihn selbst habe ich stets in Begleitung seiner engsten Adjutanten gesehen. Ich hatte immer das Gefühl, die wollen alles unter Kontrolle behalten. Die meisten von ihnen mussten übrigens inzwischen gehen. In meinem Tagebuch beschreibe ich die Machtzentrale, den 52. Stock des Emirates Tower. Dort traf ich den wichtigsten Stellvertreter des Scheichs. Ich habe gesagt, dass der Bau und der Betrieb einer Oper in Dubai eine Milliarde kosten würden. Da hat er gefragt: Wann bekommen wir die wieder? Nie, habe ich geantwortet, eine Oper funktioniert nicht wie eine Shopping-Mall. Ich versuchte, dem Scheich klarzumachen, dass Kultur immer ein Zuschussgeschäft ist. Für ihn aber war das nichts als Geldverschwendung.

SZ: Wie konnten Sie dort als Kulturmanager überhaupt arbeiten?

Schindhelm: Dubai ist ein Zukunftslabor. Ich war überzeugt, Globalisierung findet nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kultur statt. Und Dubai ist da Avantgarde.

SZ: Hat nicht funktioniert.

Schindhelm: Moment bitte. Immerhin gibt es eine neue Form von friedlichem, urbanem Leben mit Menschen aus aller Welt. Krisen gehören zum Reifeprozess. Und Realität verändert sich sehr schnell: mit Dubai Speed eben. Das reizte mich natürlich besonders. Das Tempo der Veränderungen erinnerte mich an Ostdeutschland nach der Wende - nur eben ohne Vergangenheit. Allerdings wurde in Dubai die Gesellschaft noch radikaler umgebaut, nicht nur zum Positiven: Alles, was kein Geld bringt, interessiert hier niemanden.

SZ: Sie haben drei Jahre in Dubai gearbeitet. Wie enttäuscht waren Sie, als aus all diesen schönen Plänen nichts wurde?

Schindhelm: Beruflich ist die Bilanz nicht besonders positiv. Aber ich habe eine Menge gelernt. Und die Hoffnung, dass die junge Generation, die gerade heranwächst, in Kultur etwas anderes sieht als nur einen Geldbringer.

SZ: Erklären Sie uns das Kulturverständnis in Dubai.

Schindhelm: Bisher dominiert die Haltung des Kommerziellen. Kultur ist eine Art Ware, die man einkaufen kann. Und der Westen sieht die Golfregion als einen riesigen Markt. Ich hätte in Dubai ohne Probleme Leonardo da Vinci verkaufen können, aber auch Schlösser im Burgund. Die Agenten westlicher Kultur nahmen an, Leonardo müsste genauso begehrt sein wie eine Rolex.