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Mads Brügger:Dänen lügen nicht

Filmfest München 2019

Mads Brügger (links) in seiner satirischen Doku The Ambassador.

(Foto: Filmfest)

Der provokante Filmemacher aber schon. Für gute Filme sind ihm viele Mittel recht. Eine Hommage.

Ist es noch Journalismus oder schon Kino? Die Dokumentationen des Dänen Mads Brügger bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen investigativer Reportage und Realsatire. Zwischen bitterem Ernst und absurder Übertreibung jongliert er mit den Methoden des deutschen Undercover-Reporter-Schriftstellers Günter Wallraff, des amerikanischen Dokumentarfilmers Michael Moore und des britischen Komikers Sacha Baron Cohen.

Seine subversive Methode begann Brügger Anfang des Jahrtausends zu entwickeln, zunächst im Fernsehen, zusammen mit dem Schauspieler und Regisseur Jakob S. Boeskov. Gemeinsam gaben sie sich als Wahlkampfhelfer für George W. Bush aus, die auf einer Reise durch Amerika jede Menge Extrem-Republikaner aufspürten. Ähnlich wie Cohen in seinen alternativen Identitäten des unbedarften Kasachen Borat und des nassforschen Rappers Ali G. Indahouse lockten auch sie den Gegner aus der Reserve, indem sie sich scheinbar mit ihm verbündeten. Denn wer sich unter Gleichgesinnten wähnt, prahlt offen und ungeschützt mit zweifelhaften Ansichten, denunziert sich im Alleingang. Nach dem Erfolg der 2004 entstandenen, dreiteiligen Fernsehserie Danes For Bush entwickelte Brügger die Methode zunächst noch fürs Fernsehen weiter.

Für Die rote Kapelle reiste er als Manager einer dänisch-koreanischen Comedy-Truppe ins ernsteste Land der Welt, um Eindrücke aus dem Alltag Nordkoreas zu sammeln. Was aus dem Clash der Kulturen entsteht, ist lustig und bestürzend: "Leider gibt es die Tendenz, über Nordkorea zu lachen", sagte Brügger im Interview: "Viele realisieren nicht, dass das ein mörderisches System ist. Deswegen ist es so wichtig, sich dort hineinzuwagen, um zumindest einen kleinen Eindruck davon zu bekommen, was dort passiert." Seine Erkenntnisse hat er filmisch verdichtet.

Sich mit Tricks und Finten Zugang zu Orten zu verschaffen, die für Kameras sonst verborgen bleiben, ist die Spezialität des dänischen Querdenkers. Das nächste Enthüllungsziel war in The Ambassador Afrika. Allerdings suchte er dort nicht die bekannten Bilder von Armut und Elend, sondern ging ihren Ursachen in Korruption und neokolonialistischer Ausbeutung auf den Grund. Mit den Mitteln der dänischen Filmförderung kaufte er sich für 135 000 Dollar einen Diplomatenpass für den afrikanischen Staat Liberia und konstruierte die fiktive Identität eines superreichen Unternehmers, der in Zentralafrika investieren will, in Wirklichkeit aber die diplomatische Immunität für den Export von Blutdiamanten nutzt. Schon irre, dass sich niemand über einen weißen, dänischen Repräsentanten für ein schwarzafrikanisches Land wundert.

Noch etwas tiefer bohrte sich Brügger in The Cold Hammarskjöld Case ins afrikanische Thema. Fast 60 Jahre nachdem der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, rollte er den ungeklärten Fall mit einem dänischen Privatdetektiv neu auf. Er fand Indizien für eine politische Verschwörung gegen den Vermittler in der Kongokrise, hatte es in Wirklichkeit aber auf eine geheime Söldnerorganisation abgesehen, die in den Achtzigern und Neunzigern unter dem harmlosen Namen "South African Institute for Maritime Research" agierte und arglosen Schwarzafrikanern statt Impfstoffen Aids-Viren injizieren ließ.

Satire oder Dokumentation? Auch wenn Mads Brügger die Grenzen von Moral und Ethik sprengt, sieht er sich dennoch als Journalist: "An vielen Orten in der Welt können Journalisten nicht mehr arbeiten, in Mexiko, China, Russland, in vielen Teilen Afrikas. Journalisten werden getötet, bedroht und ins Gefängnis gesperrt. Um sich neu zu erfinden muss der Journalismus radikaler und erfinderischer vorgehen."

Mads Brügger ist am Sonntag, 30. Juli, 16 Uhr, zu Gast bei Filmmakers Live in der Black Box/Gasteig