Lehman Brothers Sonntag, 14. September 2008

Sonntag, 14. September 2008

Die britische Finanzaufsicht FSA weigert sich, auf die Zustimmung der Barclays-Aktionäre zu der Übernahme zu verzichten.

Theoretisch bestünde zwar diese Möglichkeit, andererseits würde die FSA alle Grundsätze über Bord werfen. Und: Es wäre ein Präzedenzfall. Den ganzen Tag wird heftig diskutiert - die FRBNY fordert die Garantie, die FSA die Zustimmung der Aktionäre. Klar ist: Ohne das Plazet der FSA kommt das Geschäft nicht zustande. Um 16 Uhr britischer Zeit informiert Barclays, dass die Gespräche abgebrochen wurden.

Paulson blockt

Lehman verschiebt das für den Nachmittag vorgesehene Treffen des Boards auf fünf Uhr. Vielleicht findet sich noch eine Lösung auf den Treffen mit der FRBNY. Und Fuld drängt Paulson, den britischen Premierminister Gordon Brown anzurufen. Paulson denkt überhaupt nicht daran - er könne das nicht. Doch Fuld gibt nicht auf: Ob Paulson dann nicht wenigstens Präsident George W. Bush bitten könnte, bei Brown anzurufen. Doch Paulson winkt erneut ab - er arbeite an anderen Ideen.

Fuld will die FSA unbedingt noch zu einer Zustimmung bewegen. Wenn Paulson sich weigert, mit Bush zu reden - vielleicht könnte er noch über Jeb Bush an den Präsidenten und so an Brown herankommen. Jeb Bush, Bruder von George, ist zu der Zeit Berater von Lehman.

Bei der Fed New York wird das Treffen vom Vorabend fortgesetzt. Die anwesenden Banker erklären sich bereit, mindestens 20 Milliarden Dollar für die Abwicklung von Lehman-Gift-Papieren zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise soll die Übernahme von Lehman durch Barclays unterstützt werden. Doch die FRBNY winkt ab.

Derweil entwickeln einige Lehman-Mitarbeiter einen Plan, wie die Bank geordnet abgewickelt werden könnte, doch das würde mindestens ein halbes Jahr dauern. In der Zeit müsste Lehman eine größere Zahl an Mitarbeitern weiterbeschäftigen und Boni zahlen, um sie zu halten. Um das alles zu finanzieren, müsste die Notenbank Geld zur Verfügung stellen.

Lektion über britisches Insolvenzrecht

Plötzlich heißt es, die Regierung habe Lehman mitgeteilt, dass am Abend der Antrag auf Konkurs gestellt werden müsse. An den Plänen für eine geordnete Abwicklung muss also nicht mehr weitergearbeitet werden.

Fuld nimmt nochmals Kontakt zu Morgan Stanley auf. Es ist nicht das erste Mal, doch Lehman steht an einem "tough spot" - auf der Kippe. Doch Bank-Chef John Mack winkt ab. Morgan Stanley sei schon genügend mit sich selbst beschäftigt.

Im Laufe des Nachmittags bekommt Fuld dann noch eine Lektion über britisches Insolvenzrecht erteilt. Zum Beispiel, dass Manager womöglich persönlich zur Verantwortung gezogen werden können, wenn sie eine Insolvenz verschleppen.

Im Laufe des Tages erweitert die FRBNY die Primary Dealer Credit Facility. Darüber stellt die Federal Reserve Notkredite zur Verfügung. Lehman wird allerdings bald klar, dass die Bank davon nicht mehr profitieren wird: sie gilt als nicht mehr kreditwürdig.

Die Ereignisse überschlagen sich: Fuld bekommt erst einen Anruf von einem Vertreter der Börsenaufsicht SEC. Der bittet Fuld zu versprechen, dass die Bank nicht um Gläubigerschutz bitten werde. Kurz danach bekommt Fuld einen Anruf von Lehman-Präsident McDade. Der wiederum sagt ihm, dass die Fed gerade verfügt hat, dass Lehman Insolvenz beantragen muss.

Von der FRBNY bekommt Lehman die Auskunft, dass der Antrag bereits um Mitternacht gestellt werden müsse. Rechtsanwalt Miller erklärt der FRBNY, dass das so schnell nicht ginge. Ein Bankrott würde in einem finanziellen "Armageddon" enden.

Doch Vertreter der Regierung sagen, das Thema sei entschieden. Am Abend trifft sich das Lehman-Board; Vertreter der Regierung und der Fed New York werden telefonisch zugeschaltet. Der Mann von der Notenbank betont, dass die Insolvenz "sinnvoll" sei, aber dass die Entscheidung letztlich auf Seiten des Boards liegen würde.

Die Mitglieder des Boards reagieren empört. Ein Lehman-Vertreter will die "Regierung zwingen, Farbe zu bekennen" - und einfach mal am Montag die Geschäfte öffnen. Doch letztlich entscheidet sich das Board dafür, dass die Insolvenz die beste Lösung sei.