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Lehman Brothers:Kein Engel für Dick

So mächtig - und doch seltsam schwach: Lehman-Chef Richard "Dick" Fuld war in den letzten Tagen seiner Bank fast hilflos - viele ließen ihn einfach abblitzen. Ein Protokoll.

Es war die schlimmste Pleite der Wirtschaftsgeschichte: der Lehman-Bankrott. Der Zusammenbruch von General Motors nimmt sich im Vergleich zu Lehman lächerlich aus: Die Bilanzsumme von General Motors machte mit gut 90 Milliarden Dollar gerade mal ein Siebtel der von Lehman aus. Bankbilanzen sind zwar immer mächtiger als Industriebilanzen, gleichwohl signalisiert die Zahl, welche Wucht der Lehman-Bankrott hatte.

Die Forderungen gegen Lehman türmen sich auf die gewaltige Summe von 600 Milliarden Dollar. Es steht zu viel Geld auf dem Spiel als dass man da noch sagen könnte: Passiert halt.

Schon früher pleite gewesen

Darum wurde zu diesem Fall eine Untersuchungsbericht angefertigt, der in der Wirtschaftsgeschichte einzigartig sein dürfte. Auf insgesamt mehr als 4000 Seiten arbeitet Anton "Tony" Valukas, Chef der Anwaltskanzlei Jenner & Block, im Auftrag des zuständigen Gerichts nach, wie es zu so einer Pleite kommen konnte. Mitunter liest sich das Werk wie ein Drehbuch für einen Wirtschaftsthriller.

Schon bei der Pleite von Bear Stearns im März 2008 war in allen relevanten Stellen der US-Regierung klar, dass Lehman als nächste Bank kollabieren könnte: Das Geschäftsmodell war ähnlich: Hohe Risiken, geringes Eigenkapital und viel Geld steckte in Papieren, die keiner mehr kaufen wollte.

Im Nachhinein stellte der Chef der US-Börsenaufsicht Christopher Cox fest, dass womöglich alles anders gekommen wäre, wenn die US-Regierung offen signalisiert hätte, dass sie für Lehman nicht zahlen wolle. Das hat sie aber nicht getan.

Das ist umso verwunderlicher, da der New Yorker Ableger der Federal Reserve (FRBNY) zumindest seit März 2008 bestens informiert war, was sich Tag für Tag bei Lehman tat und der damalige Chef der FRBNY - und heutige Finanzminister - Timothy F. Geithner, schon seit August 2007 den Verdacht hegte, dass Lehman in Schwierigkeiten steckte.

Nach der Bear-Stearns-Pleite nahm er nicht nur an einigen Lehman-Sitzungen teil, sondern er telefonierte auch wiederholt mit Fuld. Er machte ihm deutlich, dass die "Regierung das Problem nicht lösen" könne - doch Fuld wollte oder konnte den Ernst der Lage nicht erkennen.

Viele wollten die bedrohliche Lage schon früh identifiziert haben - geholfen haben sie nicht. Notenbank-Chef Ben S. Bernanke und Geithner waren sich beispielsweise einig, dass sie weder "direkt noch indirekt" für Lehman verantwortlich seien. Das sei die Aufgabe der Börsenaufsicht SEC.

Schon am 8. September sei Lehman wohl pleite gewesen, sagte Bernanke später dem Ermittler. Da sei es aber auch nicht mehr verantwortlich gewesen, Kredit zu geben. US-Finanzminister Henry Paulson argumentierte ähnlich: Die Regierung habe keine Berechtigung gehabt, Lehman beizustehen.

Bei Bear Stearns und AIG hatte Washington solche Bedenken freilich nicht. Doch Paulson erkennt da wichtige Unterschiede: Im Falle von Bear Stearns habe die Fed mit JP Morgan einen Käufer für die marode Investmentbank präsentiert, bei AIG habe es hingegen noch ausreichend Werte gegeben, die der Regierung als Sicherheiten dienen konnten. Lehman habe weder das eine noch das andere zu bieten gehabt.

"Frustriert und unzufrieden"

Fuld war aber auch kein einfacher Gesprächspartner: Bernanke bemerkte, dass Paulson "frustriert" und "unzufrieden" mit Fulds "Trägheit" hinsichtlich der Zukunft von Lehman war. Alle Versuche, Fuld zu aggressiveren Handeln zu bewegen, scheiterten.

Paulson bekannte wiederum, dass er selten jemand getroffen habe, der so optimistisch sei wie Fuld. Der aber auch nur das gehört habe, was er hören wolle. In seinem unerschütterlichen Optimismus nahm Fuld auch immer an, dass die Regierung Lehman nicht fallenlassen werde. Doch nie war ihm das versprochen worden.

Ob zwischen dem früheren Goldman-Chef Paulson und Fuld, der eine tiefe Abneigung gegen die Bank Goldman Sachs hatte, Einvernehmen oder Feindschaft herrschte, ist unklar. Der Bericht gibt jedenfalls keinen Hinweis darauf.

Offensichtlich ist aber, dass alle Beteiligten die Wirkung einer Lehman-Pleite auf die Finanzindustrie dramatisch unterschätzten. Aufschlussreich ist da vor allem eine Äußerung von Bernanke: Es habe da "eine ganze Reihe von Ansichten" gegeben. Wenn der Effekt auf einer Skala von null bis 100 Punkten hätte angegeben werden müssen, dann hätten einige mit "kleineren Störungen" gerechnet - gerade nur im Bereich bis 15 Punkte.

Bernanke selbst kalkulierte im Bereich 90 bis 95 Punkten. Tatsächlich aber seien es "vielleicht 140" gewesen, stellt er im Nachhinein fest. "Es war schlimmer, als fast jeder befürchtet hatte."

In diesen ersten Septemberwochen lief also etwas gewaltig schief: Die Beteiligten unterlagen einer massiven Fehleinschätzung: Doch wer lockte, wer blockte, wer wusste wann was? Die letzten Tage der Bank - so, wie sie im Protokoll des Untersuchungsberichts dargestellt werden.