Kunstschule Bei den "Bauhausmädels"

Ein Rundgang in Erfurt zeigt, welche Rolle die Frauen in der Bewegung gespielt haben.

Von Stephanie Schmidt

Den Satz wird Stadtführer Reiner Prass in diesem Jahr wohl sehr oft sagen, auf Deutsch wie auf Französisch: "Vous voyez ici le premier gratte-ciel d'Erfurt - sehen Sie, hier steht das erste Hochhaus von Erfurt." Dabei wird er auf das 1929 erbaute Haus des Deutschen Handlungsgehilfenverbandes (DHV) im Zentrum von Erfurt zeigen. Ein typisches Bauhaus-Gebäude - runde und eckige Formen verbinden sich zu einem "Dampfschiff" an Land. Im Osten Deutschlands hat das Bauhaus seine Wurzeln - und im Jubiläumsjahr 2019 erwarten Städte wie Weimar, wo Walter Gropius die Kunstschule 1919 gründete, aber auch Halle, Magdeburg und Erfurt Touristen aus aller Welt. Die thüringische Landeshauptstadt lädt zu Sonderausstellungen und Bauhaus-Architekturtouren ein. Da trifft es sich gut, dass der promovierte Historiker Prass, zu dessen Spezialgebieten das Bauhaus gehört, fließend Französisch spricht. Der 60-Jährige stammt aus Trier und ist also keine "Erfurter Puffbohne" - so nennen sich hier die Einheimischen.

Anders als Margaretha Reichardt (1907 bis 1984). Die einzige Tochter des Küsters im Erfurter Dom gilt als eine der talentiertesten Frauen am Bauhaus. Ihr Metier waren kunstvolle, handgewebte Stoffe für Möbel, Böden, Wände und Kleider. Reichardts Wohn- und Weberhaus in Erfurt-Bischleben ist heute ein Museum; dort kann man erfahren, wie die erfolgreiche Designerin lebte und arbeitete.

Bei den Bauhaus-Stadtführungen stehen dagegen Bürobauten der historischen Altstadt im Mittelpunkt, wie das DHV-Haus am Anger 81. Doch wie kann dieses Denkmal mit nur sechs Stockwerken ein Hochhaus sein? Die Zuhörer ziehen amüsiert die Mundwinkel nach oben, als Prass sie darauf hinweist, dass das Gebäude gerade mal 21 Meter hoch ist. Ende der Zwanzigerjahre galt ein solcher Bau als Hochhaus. Denn mit diesen Maßen überschritt das vom Architekten Heinrich Herrling entworfene Geschäftsgebäude die damalige Bauordnung um drei Meter.

Auf andere Weise zeigt sich der Fortschritt in der Neuwerkstraße 2, wo sich ein weiteres, von Heinrich Herrling im Jahr 1930 errichtetes Gebäude im Stil des Neuen Bauens befindet: das Schellhornhaus. Das mausgraue Gebäude mit leuchtend blauen Fensterrahmen ist benannt nach seinem Eigentümer, dem Textilhändler Hermann Schellhorn. Hier kann man lernen: Die Idee der Corporate Architecture ist keine Erfindung der jüngsten Jahrzehnte. "Das Besondere ist die Einheit von innen und außen. Ein modernes Geschäftshaus, in dem Herr Schellhorn moderne Teppiche, Vorhänge und Möbelbezüge verkaufte", erklärt Prass. "Eine Zeichnung seines Hauses nutzte er als Briefkopf für seine Geschäftsschreiben", fügt der Stadtführer hinzu. Eine frühe Form dessen, was man heute Corporate Design nennt.

Gerade das Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Architekturstile in der Altstadt macht den Rundgang reizvoll. Woanders gibt es das nicht: die unaufgeregte Eleganz des Bauhauses in unmittelbarer räumlicher Nähe zu denkmalgeschützten Fachwerkhäusern und üppig dekorierten Prachtbauten des floralen Jugendstils, wie das Kaufhaus Römischer Kaiser oder das Büro- und Geschäftshaus Anger 23. Zum Glück überstanden fast alle historischen Gebäude Erfurts den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Als Statement gegen den ornamentalen Reichtum des Jugendstils kann man den Hansa-Block interpretieren. Der schlichte Bauhaus-Sozialwohnungsbau des Architekten Karl Schneider befindet sich in der Johannesvorstadt. Vor Kurzem hat die Kommunale Wohnungsgesellschaft Erfurt das Denkmal mit einem Aufwand von zehn Millionen Euro saniert und bietet hier Wohnungen für Familien und Studenten an - mit Mieten, die deutlich unter zehn Euro pro Quadratmeter liegen.

In einem barocken Stadtpalast ist das Angermuseum untergebracht. 100 Jahre Bauhaus - aus diesem Anlass veranstaltet das Kunstmuseum die Sonderausstellung "Bauhausmädels", die dafür sorgen soll, dass das Wirken der Bauhaus-Frauen in der Öffentlichkeit mehr Beachtung findet. Die Schau ist Margaretha Reichardt und drei weiteren Bauhäuslerinnen gewidmet - Marianne Brandt, Margarete Heymann und Gertrud Arndt. Damals stand der Begriff "Bauhausmädels" im Gegensatz zur heutigen Zeit für Avantgarde und Emanzipation. "Ein Leben lang war Margaretha Reichardt eine wirtschaftlich selbständige Frau - sehr ungewöhnlich in der damaligen Zeit", sagt Kai Uwe Schierz, 54, Direktor der Kunstmuseen der Landeshauptstadt, zu denen das Angermuseum gehört.

Hundert Jahre Bauhaus, das sieht Schierz auch als "große Gelegenheit, über Klischees hinwegzukommen und das Bauhaus in seiner Diversität und Ambivalenz wahrzunehmen". Auch bei Reichardt finde man eine solche Ambivalenz: "Sie war modernen Ideen gegenüber aufgeschlossen, aber trotzdem in den Traditionen zu Hause. Das war für sie kein Widerspruch", erläutert er während der Autofahrt zu ihrer Wohn-Werkstatt im Stadtteil Bischleben. Als Beispiel nennt Schierz das Wohnzimmer ihres Hauses - ein Raum, der komplett im Biedermeierstil eingerichtet ist.

Grand Tour der Moderne

Im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 ist das Wohn- und Werkstatthaus von Margaretha Reichardt eine der mehr als 20 Stationen auf der "Grand Tour der Moderne Thüringen". Sie führt zu wichtigen Bauhaus-Orten in Thüringen, etwa nach Weimar, Erfurt und Gera, aber auch in kleinere Ortschaften. Nähere Informationen unter folgendem Link: www.thueringen-entdecken.de/urlaub-hotel-reisen/grand-tour-der-moderne-thuringen-158447.html. Außerdem gibt es eine bundesweite "Grand Tour der Moderne": Dabei kann man Architektur- und Wohnkonzepten nachspüren, die die Gesellschaft bis heute prägen. Zu den 100 präsentierten Gebäuden gehören Schlüsselbauwerke sowie unbekannte Bauten und Siedlungen. Auf dem Portal www.grandtourdermoderne.de finden sich verschiedene Routenvorschläge. Stephanie Schmidt

1926 trat Reichardt ins Bauhaus ein, das 1925 von Weimar nach Dessau umgezogen war. Meister wie Josef Albers, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Georg Muche und Gunta Stölzl, die Leiterin der Textilabteilung und einzige Frau, die am Bauhaus die Position einer Meisterin innehatte, bildeten sie aus. Für die damalige Zeit war es revolutionär, dass überhaupt Frauen zum Studium an der Hochschule für Gestaltung zugelassen wurden. In der Textilwerkstatt seien sie am besten aufgehoben - diese Meinung herrschte damals am Bauhaus vor.

Mit dem Bauhaus-Diplom in der Tasche begann die Erfurterin ab 1933 in ihrer Heimatstadt ihre eigene Textilwerkstatt aufzubauen, die "Handweberei Grete Reichardt". Zunächst in ihrem Elternhaus am Domhügel, dann zog sie in das Haus Am Kirchberg 32 - ein schlichtes Siedlungshaus, erbaut nach den Entwürfen des Bauhäuslers Konrad Püschel und ihren eigenen. Dort bildete die Designerin vom Jahr 1942 an bis zu ihrem Tod mehr als 50 Lehrlinge aus, gestaltete Wandteppiche mit grafischen Mustern ebenso wie mit Motiven aus der griechischen Mythologie. Ihre Bildteppiche zeigte sie in zahlreichen Museen und Kunsthandwerksausstellungen. Reichardt führte auch große Auftragsarbeiten aus, wie eine Serie von Gobelins für das Deutsche Nationaltheater Weimar, die sie 1980 vollendete.

Wer von der Teppichkünstlerin ausgebildet wurde, absolvierte ein Bauhausstudium en miniature

Die Wohnwerkstatt der Textildesignerin ist eine Außenstelle des Angermuseums. Üblicherweise gehen bei Museen am späten Nachmittag die Lichter aus, doch aus diesem Haus leuchtet es oft auch spätabends noch. Wer nach Voranmeldung per Handzug die Klingel betätigt, dem öffnet Christine Leister die Tür. Sie ist eine ehemalige Schülerin der Bauhaus-Designerin und zog nach dem Tod von Margaretha Reichardt im Jahr 1984 in deren Wohn- und Atelierhaus. Die 59-Jährige führt die Gäste gleich in die Diele, einen behaglichen Raum mit Tisch und Stühlen in Bauhaus-Manier. An den Wänden hängen Ende der Siebzigerjahre entstandene "Bauhaus-Reminiszenzen": In dieser Zeit beschäftigte sich Reichardt noch einmal intensiv mit ihrer Zeit am Bauhaus. Mittels Schablonen projiziert eine Deckenleuchte Ornamente an Decke und Wände. "Hier in der Diele hat Frau Reichardt ihre Kunden empfangen", erklärt Leister, die im Alter von 16 Jahren ihre Lehre bei der Textilkünstlerin begann. Die Ausstattung: alles original. Bis auf den gemusterten Bodenteppich. "Den musste ich nachweben, weil er nicht mehr schön aussah." Man möchte glauben, die Gründerin der Werkstatt sei noch anwesend, so gepflegt wirken das Haus und das 1200 Quadratmeter große Grundstück, auf dem es sich befindet. "Alles ist noch so, wie Frau Reichardt es eingerichtet hat", sagt Leister, während sie die Besucher durch verschiedene Räume führt.

Im Untergeschoss stehen einige Original-Bauhaus-Handwebstühle. Nachdem die Nazis die Kunstschule im Jahr 1933 aufgelöst hatten, war es Reichardt nach hartnäckigen Bemühungen gelungen, sie zu erwerben. Christine Leister ist eine von wenigen, die heutzutage noch die Kunst beherrschen, an ihnen Teppiche zu weben. Aber sie sagt bescheiden: "Ooch, das können andere auch." Ein Handwerk, dessen Ausübung großer Arm- und Beinkraft bedarf, wie sie bei der Webvorführung demonstriert.

In Margaretha Reichardts Werkstatt lernte man übrigens mehr, als Tapisserien zu kreieren und mit Texturen zu experimentieren. Das Bauhaus zeichnete sich dadurch aus, dass es viele künstlerische Sparten miteinander verwob. Und die Meisterin gestaltete ihre Ausbildung quasi als Bauhaus en miniature: Für die Designerin gehörten auch das Entwerfen von Mustern, Naturstudien, Musik, Literatur und sogar Puppenspiel zur Ausbildung.

Eine Bauhaus-Tour durch die Altstadt dauert zwei bis drei Stunden: www.erfurt-tourismus.de. Die Schau "Bauhausmädels" wird vom 23. März bis 16. Juni im Angermuseum gezeigt: www.angermuseum.de. Zum Vergleich bietet sich die Ausstellung "Bauhaus Frauen - Lehrerinnen und Absolventinnen der Bauhaus Universität Weimar" vom 18. April bis 14. Juli in der Kunsthalle Erfurt an. Das Anwesen von Margareta Reichardt kann man nach Anmeldung per Telefon oder E-Mail besichtigen. Kontakt: 0361 / 66 40 120, citytour@erfurt-tourismus.de