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Kritik an privaten Krankenversicherungen:"PKV schaffen sich selbst ab"

Die Beschwerden über private Krankenversicherungen häufen sich - manche Versicherte müssen bis zu 60 Prozent höhere Beiträge zahlen, auch Tarifwechsel werden ihnen schwer gemacht. Verbraucherschützer sagen die Selbstauflösung der privaten Kassen voraus und fordern grundsätzliche Änderungen im System.

Die privaten Krankenversicherer werden ihr Geschäft nach Einschätzung der Verbraucherzentralen über kurz oder lang einstellen. "Sie werden sich selbst abschaffen", sagte Bundesvorsitzender Gerd Billen in Berlin. Der teilweise eklatante Anstieg der Prämien zum Jahresanfang sei ein Beleg dafür. Es gebe eine ganze Reihe von Beitragszahlern, die inzwischen mit ihren Zahlungen überfordert seien. "Das ist Ausdruck eines sich überholenden Systems."

Landarztpraxis

Patienten warten in einer Arztpraxis in Brandenburg auf eine Untersuchung - Privatversicherte teilten das Wartezimmer-Schicksal meist nicht, das könnte sich bald ändern.

(Foto: dpa)

Nach Angaben der Verbraucherzentrale haben sich zu Beginn des Jahres die Beschwerden in den Geschäftsstellen gehäuft. Bundesweit seien es 144 gewesen - laut dem Versicherungsexperten Michael Wortberg so viel wie seit 1994 nicht mehr. Darunter sei auch der Fall einer Frau, die ihrem Krankenversicherer 742 Euro im Monat zahlen müsse, was 76 Prozent ihrer Rente ausmache. Eine andere Frau zahle mit 59 Jahren einen monatlichen Beitrag von 1079 Euro.

Zudem werde es den Kunden von den Versicherern offenbar häufig schwergemacht, in einen günstigeren Tarif zu wechseln. So gebe es in der Regel bei jedem Versicherer für einen vergleichsweise teuren Tarif einen deutlich billigeren mit vergleichbaren Leistungen, meint Sascha Straub, Finanzreferent bei der Verbraucherzentrale Bayern: "Die Versicherer weisen aber von sich aus nicht auf solche Einsparmöglichkeiten hin." Das Recht der Privatversicherten, einen günstigeren Tarif zu wählen, werde auf diese Weise unterlaufen. Nur in vier der untersuchten Fälle klappte der Wechsel problemlos.

PKV-Verband weist Untersuchung als "unseriös" zurück

Besonders betroffen seien langjährige Kunden, die älter als 45 Jahre sind. Nach den Zahlen der Verbraucherzentrale ist aber bei weitem nicht die gesamte Branche in der Kritik der Versicherten. Von den 144 Beschwerden richteten sich 65 gegen die Central. Dort wurde ein Beitragsanstieg von knapp 30 Prozent beklagt, in einem Einzelfall sogar einer von 60 Prozent. 25 Versicherte beanstandeten ähnliche Vorkommnisse bei der Gothaer, 19 bei DKV. Billen forderte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) auf, die Zahlen seiner Organisation zum Anlass einer umfangreicheren Untersuchung zu nehmen: "Vielleicht handelt es sich hier um die Spitze des Eisberges."

Billen sprach sich für eine umfangreiche Reform der privaten Krankenversicherung aus. Der Staat solle sicherstellen, dass privat Versicherte für die gleiche Leistung in der Praxis oder im Krankenhaus nicht mehr zahlen müssen als der Kassenpatient. Auch müssten Privatpatienten vor überflüssigen, unter Umständen aber schädlichen Untersuchungen geschützt werden. "Außerdem sollten ältere Versicherte innerhalb einer Versicherung ohne Gesundheitsprüfung den Tarif wechseln können", fordert Verbraucherschützer Straub. Und: Der Wechsel von einer privaten Krankenkasse in einer andere müsse leichter werden, meint er. So sollten künftig alle Versicherten ihre Altersrückstellungen beim Wechsel mitnehmen können. Das geht bislang nur bei Verträgen, die nach dem 1. Januar 2009 abgeschlossen wurden.

Der Verband der privaten Krankenversicherer wies die Untersuchung als unseriös zurück. Man könne bei neun Millionen Privatversicherten nicht aus 144 Beschwerden Schlussfolgerungen über angebliche Systemfehler der PKV ziehen, sagte Verbandsdirektor Volker Leienbach. So habe es nach einer Untersuchung des Analysehauses Morgen & Morgen 2012 für 45 Prozent der Versicherten keine Beitragssteigerungen gegeben.

Die Verbraucherschützer räumten ein, dass die Auswertung nicht repräsentativ sei. Die Beitrags- und Wechselprobleme hätten aber "systemischen Charakter". Ähnlich sieht es Jürgen Graalmann, Chef der Allgemeinen Ortskrankenkassen. Er hatte zuletzt gar die Abwicklung der privaten Krankenkassen und einen einheitlichen Markt für alle Kassen gefordert.