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Kriminalität:Tatort Spielhalle

Brisanter BKA-Bericht: Die Polizei muss in Deutschlands Spielhallen mehr und mehr Fälle von Diebstahl, Betrug und anderen Delikten aufklären. Meist sind Spielhallen-Betreiber offenbar die Opfer.

Klaus Ott

In Deutschlands Spielhallen, in denen Geldautomaten und das schnelle Glück locken, sind oft Polizisten zu Gast. Zum privaten Vergnügen schauen die Ordnungshüter freilich nicht vorbei. Sie tun vielmehr ihre Pflicht. In Bayern beispielsweise sind die Polizei-Reviere "durch Einsätze in Spielhallen in hohem Maße und mit steigender Tendenz belastet", heißt es in einem bislang unveröffentlichten Bericht des Bundeskriminalamtes (BKA) über mutmaßliche Gesetzesverstöße in den Spielstätten und in deren Umfeld. Dass die Kriminalbeamten in Bayern so stark gefordert seien, liegt laut BKA-Report daran, dass von Aschaffenburg bis Passau ständig neue Spielhallen öffneten. Das habe mehr Diebstähle und Raubüberfälle zur Folge. In Berlin, Hessen und weiteren Bundesländern sieht es ähnlich aus. Auch dort werde ein "deutlicher Anstieg" von Delikten gemeldet, ist der Untersuchung zu entnehmen.

Suchtbekaempfung: Kneipen sollen auf Spielautomaten verzichten

Der einarmige Bandit ist nicht zwangsläufig der einzige Verbrecher in deutschen Spielhallen.

(Foto: dapd)

Der von den Behörden zur "Verschluss-Sache" erklärte BKA-Bericht dient als Arbeitsgrundlage für die Regierungen der 16 Länder, die gerade neue Regeln für das Glücksspiel erarbeiten. Am 25. Mai werden sich Vertreter der Länder bei einer Tagung in Mainz anhören, was diejenigen dazu vortragen, die Spielhallen und Kasinos, Lotto und Toto betreiben oder irgendwie damit zu tun haben; einschließlich Suchtforschern. Auch das BKA ist zur Experten-Runde geladen. Die Länder wollen wissen, wo welche Gefahren drohen, und was dagegen zu tun ist. Im Juni sollen die neuen Vorschriften vorliegen. Die Paragrafen könnten bewirken, dass viele Spielhallen geschlossen werden müssen. Das ist der gemeinsame Plan fast aller Länder.

Die Spielsucht, der Hunderttausende Bundesbürger zu erliegen drohen, soll ebenso eingedämmt werden wie die Kriminalität. Die mehr als 10.000 Spielhallen sowie die Wettbüros, in denen bei Sportereignissen auf Sieg oder Niederlagen und vieles mehr gesetzt werden kann, sind teilweise ein gefährliches Pflaster. Als das BKA im Sommer und Herbst vergangenen Jahres auf Bitten der Länder Material über die Spielhallen und Wettbüros zusammentrug, kam eine erschreckende Zahl heraus. Von Januar 2008 bis Juli 2010 wurden gegen 13.500 Beschuldigte fast 19000 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Vier Länder, die kein Zahlenmaterial lieferten, fehlen in dieser Statistik sogar noch: Baden-Württemberg, Hamburg, Brandenburg, Schleswig-Holstein. Andere Ländern lieferten nur teilweise die erbetenen Daten, weshalb der BKA-Report eine "eingeschränkte Aussagekraft" habe, wie am Ende des 20-seitigen Berichts notiert ist. Erhellend ist die Lektüre trotzdem.

Meist sind Spielhallen-Betreiber offenbar die Opfer. Manchmal seien sie aber auch die Täter, weil sie ihre Automaten manipulierten, so die Beobachtung in Rheinland-Pfalz. Und teilweise verhielten sich die Inhaber der Spielsalons bei der Aufklärung mutmaßlicher Straftaten "wenig kooperativ" und rückten die Videoaufnahmen der Überwachungskameras erst nach wiederholter Aufforderung heraus, oder gar nicht, klagt das Bundeskriminalamt. Dessen Statistik weist Diebstahl und Unterschlagung als mit Abstand häufigsten Anlass für Ermittlungsverfahren aus (siehe Grafik), gefolgt von Betrug und Untreue, Sachbeschädigung, Raub und Erpressung, Gewalt und Drogenkonsum.

Delikte mit Bezug zum Rotlichtmilieu kommen dagegen kaum vor. Das könnte daran liegen, dass immer mehr Spielhallen abseits ihres früheren Umfelds entstehen, der Bahnhofsviertel in den Großstädten, wo es besonders viele Sexklubs gibt. Viele Verfahren, die private Wettbüros betreffen, werden am Ende übrigens eingestellt. Ob solche Wettannahmestelle zulässig sind, ist rechtlich umstritten. Und die illegalen Zocker-Runden in irgendwelchen Hinterzimmern bleiben den Behörden meist verborgen. Hier wäre der Einsatz verdeckter Ermittler notwendig, schreibt das BKA.

© SZ vom 16.05.2011/wolf
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