Kreislaufwirtschaft Ein Haus wie ein Baum

Nachhaltige Stadtentwicklung ist möglich. Wie, das zeigt ein Düsseldorfer Büro-Projekt in Holzhybridbauweise.

Von Stefan Weber

Auf den ersten Blick klingt es nach einer ziemlich ambitionierten Idee: ein Haus zu bauen, das so ist wie ein Baum. Das gute Luft produziert, den Wasserhaushalt stabilisiert, seine eigene Energie produziert und nach dem Ende der Nutzungszeit wieder als Rohstoff für neue Gebäude zur Verfügung steht. Im niederländischen Venlo, nahe der Grenze zu Deutschland, ist vor knapp zwei Jahren eine solche Ikone des grünen Bauens fertiggestellt worden. Elf Stockwerke hoch, mit einer üppig begrünten Fassade, hergestellt aus schadstofffreien Stoffen, die nach Abbruch des Gebäudes sortenrein zerlegt und wieder dem Kreislauf zugeführt werden können. Und zwar als hochwertige Rohstoffe und nicht als Basismaterial für einfache Produkte wie zum Beispiel Parkbänke. Echtes Recycling statt bloßes Downcycling.

Die Öko-Immobilie ist Sitz der Stadtverwaltung und ein viel besuchtes Anschauungsprojekt für Anhänger nachhaltigen Bauens. Auch Vanja Schneider, Geschäftsführer des Düsseldorfer Immobilienentwicklers Interboden, hat schon kurz nach der Eröffnung des Hauses zusammen mit einigen Kollegen die 100 000-Einwohner-Stadt in der Provinz Limburg besucht. "Da haben wir zum ersten Mal gesehen, dass nachhaltige Stadtentwicklung möglich ist - mit Materialien, die so designed sind, dass sie nach der Nutzungsphase wieder vollständig in den biologischen oder technischen Kreislauf zurückkehren", sagt Schneider. Diese Idee einer komplett abfallfreien Kreislaufwirtschaft stammt aus den 90er-Jahren. Michael Braungart, Chemiker und Mitgründer des Hamburger Umwelt-Instituts, hatte sie gemeinsam mit dem amerikanischen Architekten William McDonough formuliert. "Cradle to Cradle" (deutsch: von der Wiege zur Wiege) haben sie ihr Konzept genannt.

Schneider ist fasziniert von diesem Ansatz. Mit Gerhard Feldmeyer, Architekt und Geschäftsführender Gesellschafter des Architektenbüros HPP in Düsseldorf, hat er einen Planer gefunden, mit dem er nun ein ehrgeiziges Projekt verwirklichen will: ein Bürogebäude in Holzhybridbauweise nach dem Cradle-to-cradle-Prinzip, als Zeichen für eine nachhaltige Baukultur. Im Medienhafen, einer Vorzeige-Adresse in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt, entsteht ab 2019 eine Immobilie mit 5200 Quadratmetern Nutzfläche für Büros, Ateliers oder Showrooms sowie 600 Quadratmeter Fläche für gastronomische Nutzungen. Im Erdgeschoss soll ein "Mobilitäts-Hub" angedockt sein, eine Servicestation, an der 160 E-Bikes und 18 elektrogetriebene Autos vermietet werden.

Schneider und Feldmeyer sprechen selbstbewusst von einem "Pilotprojekt, das international Aufmerksamkeit erzeugen wird" und an dem künftig möglicherweise auch die Busse der Stadttouristik Halt machen. Immerhin: Auf der Immobilienfachmesse Mipim ist der Entwurf des "The Cradle", wie die Initiatoren ihr Holzhybridhaus nennen, im Frühjahr mit einem Preis bedacht worden. Die Fertigstellung ist für Ende 2022/Anfang 2023 geplant.

Aber wie kann das gehen, ein Haus zu bauen mit Materialien, die in 20 oder 30 Jahren sauber demontiert und als hochwertige Rohstoffe wiederverwendet werden? Wo doch heute meist Verbundbaustoffe verwendet werden, die später kaum zu trennen sind, zum Beispiel bei der Wärmedämmung von Fassaden. Schneider räumt ein, dass allein der Planungsaufwand deutlich höher ist als bei einer vergleichbaren Immobilie in traditioneller Bauweise. "Wir müssen in Kreisläufen denken und schon im Vorfeld prüfen, wie die zu verwendenden Baustoffe am Ende des Lebenszyklus demontiert, zerlegt und wiederverwendet werden können."

Ein solches Gebäude istteurer als konventionell erstellte,die Miete höher

Das ist nicht immer leicht. Schließlich ist selbst ein vergleichsweise einfacher Baustoff wie Beton nicht nur eine Mischung aus Sand, Zement und Wasser. Vielmehr gibt es Dutzende zum Teil problematische chemische Additive, die ihm je nach Nutzung zugesetzt werden. Hinzu kommt, dass die Baustoffindustrie gerade erst anfängt, ihr Sortiment um Produkte zu ergänzen, die für das Bauen nach dem Cradle-to-cradle-Prinzip geeignet sind. "Das knappe Angebot recyclefähiger Baustoffe setzt uns Grenzen", sagt Architekt Feldmeyer. Besserung ist in Sicht, denn der Industrie ist stark daran gelegen, Materialien zu entwickeln, die mehr als einmal verwendet werden können. "Für viele Betriebe", sagt Cradle-to-cradle-Erfinder Baumart, "ist die Beschaffung von Rohstoffen mittlerweile drängender als das Jahrhundertthema Energie." Nach seinen Berechnungen werden stolze 54 Prozent des Abfallaufkommens in Deutschland durch den Bausektor verursacht. "Wenn dagegen Gebäude als Materialbanken verstanden werden, bieten sie eine große Chance, die gespeicherten Rohstoffe wie Eisen, Stahl, Kupfer, Aluminium, Holz und Beton effektiv zu nutzen", betont Baumgart.

Das Holzhybridhaus im Düsseldorfer Medienhafen will zeigen, was heute schon möglich ist. So erfüllt die Fassade mit einer rautenförmigen Holzstruktur gleich mehrere Aufgaben: Sie ist Tragwerk, Sonnen- und Schallschutz sowie Loggia. Obendrein soll sie für eine natürliche Lüftung sorgen. Chemische Klebstoffe sollen möglichst vermieden werden. Stattdessen setzen die Planer bei Holz auf Steckverbindungen. Feldmeyer verweist zudem auf neuartige Klettverschlüsse mit enorm hoher Festigkeit. Im Haus wird ein Bodenbelag verlegt werden, der aus Teppichresten und Meeresabfall hergestellt wird.

Ein Mieter für The Cradle ist noch nicht gefunden. "Wir fangen gerade erst an, nach einem passenden Nutzer zu suchen. Das Haus ist die ideale Adresse für ein Unternehmen, das sich nachhaltigen Ideen verschrieben hat, ganz gleich aus welcher Branche", sagt Schneider. Nur ein solcher Mieter wäre möglicherweise auch bereit, einen, verglichen mit konventionell gebauten Bürogebäuden, höheren Preis zu bezahlen. Um wie viel Euro pro Quadratmeter die Miete höher sein wird? Das wird sich zeigen. Schneider und Feldmeyer beziffern den Mehraufwand für Planung- und Bau auf 20 bis 30 Prozent. Preiswert wird es auf jeden Fall nicht sein, in einem Haus zu residieren, das wie ein Baum sein will, noch dazu an einem der Düsseldorfer Top-Standorte. Allein für das 1250 Quadratmeter große städtische Grundstück im Medienhafen hatte Interboden gut 15 Millionen Euro gezahlt.