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Krankenkassen:Patienten sollen sich Krankenhaus empfehlen lassen

Operiert wird in der Nachbarschaft - auch wenn eine andere Klinik für den Eingriff viel besser geeignet wäre. Das wollen die Gesundheitsexperten der schwarz-gelben Koalition den Patienten nun austreiben. Wenn die Krankenkasse eine Klinik vorgibt, soll die Patientengebühr entfallen. Wegen des Vorschlages droht koalitionsinterner Ärger.

Was die Wahl seines Krankenhauses angeht, ist der Deutsche eigenartig. Als wichtigstes Kriterium gilt ihm oft die Nähe zum Wohnort. Ist ihm bei der Urlaubsreise kein Weg zu weit, scheut er selbst bei lebensbedrohlichen Eingriffen die Ferne. Beim Kauf einer Kaffeemaschine studiert er tagelang Testberichte, doch für den besten Operationssaal hält er den in der Nachbarschaft.

Noch kein Ergebnis bei Spitzengespräch über Kassendefizit

Folgt der Patient dem Rat seiner Kasse, gibt er sein Recht auf die freie Wahl der Klinik ab. Er spart im Gegenzug aber Geld, und er erhält womöglich eine bessere Behandlung.

(Foto: dpa)

Gesundheitsexperten der schwarz-gelben Koalition wollen dem deutschen Patienten diese Wurstigkeit nun austreiben - oder besser gesagt, einen Anreiz bieten, die Wahl der Klinik besser zu überdenken: Wer sich künftig von seiner Kasse ein Krankenhaus empfehlen lässt, soll sich die Zuzahlung sparen. Das kann sich lohnen, denn die Praxisgebühr für die Klinik beträgt immerhin zehn Euro am Tag. Maximal 280 Euro kann ein vollstationärer Aufenthalt kosten. Doch gibt es auch Kritik, vor allem aus der CSU.

Ausgearbeitet hat den Vorschlag Daniel Bahrs (FDP) Gesundheitsministerium. Das Papier liegt der Süddeutschen Zeitung vor. In der Begründung heißt es, die Regelung setze Anreize für den Patienten, geeignete Krankenhäuser zu wählen. Die Kassen sollen ermuntert werden, bei der "Entscheidung für ein Krankenhaus insbesondere qualitative Kriterien zu berücksichtigen".

Kassen sammeln schon heute Daten

Viele sammeln schon jetzt Daten über Krankenhäuser. So verfügt die AOK beispielsweise über sogenannte Routinedaten. An ihnen kann man ablesen, wie die Kliniken etwa beim Einsetzen künstlicher Hüft- oder Kniegelenke abschneiden. Erhoben wird beispielsweise, wie hoch der Anteil der Patienten ist, bei denen eine zweite Operation nötig wird.

Folgt der Patient dem Rat seiner Kasse, gibt er sein Recht auf die freie Wahl der Klinik ab. Er spart im Gegenzug aber Geld, und er erhält womöglich eine bessere Behandlung.

"Wir sind an der Absicherung der Qualität interessiert", heißt es in Regierungskreisen. Zudem solle der Patient bei einer schweren Entscheidung entlastet werden. "Im Prinzip ist doch in dieser Situation jeder froh, wenn die Kasse eine Empfehlung ausspricht." Der Antrag geht zwar nicht darauf ein, doch kommen für die Kassenempfehlung wohl nur sogenannte geplante Operationen infrage. Das sind Eingriffe, die zwar notwendig sind, bei denen es aber auf mehrere Wochen Wartezeit nicht ankommt.

CSU sieht Versorgung des ländlichen Raums bedroht

Wegen des Vorschlages droht nun koalitionsinterner Ärger. Zwar verständigten sich die zuständigen Gesundheitspolitiker von Union und FDP in der vergangenen Woche auf den Vorschlag. Doch dann kamen insbesondere in der CSU Bedenken auf.

Bayerns Gesundheitsminister Marcel Huber befürchtet fatale Folgen: "Wir haben große Sorge, dass die flächendeckende Versorgung vor allem im ländlichen Raum gefährdet würde, wenn die Kasse bestimmt, in welches Krankenhaus der Patient eingewiesen wird." Der CSU-Gesundheitsexperte Max Straubinger sagte: "Wir als CSU werden das nicht mittragen." Er sieht die Gefahr, dass die Kassen unliebsame Kliniken aus dem Geschäft drängen könnten.

Auch die Krankenhäuser selbst dürften alles andere als glücklich über den Plan sein. Erhalten die Kassen doch mit der Regelung die Möglichkeit, deutlich stärker als bislang in den stationären Bereich einzugreifen. Gehen viele Patienten auf das Angebot der Kassen ein, könnten diese eine Marktmacht entfalten, die es in sich hat. Theoretisch wäre es sogar möglich, dass die Kassen dann nicht nur auf eine höhere Qualität in den Krankenhäusern dringen, sondern auch auf niedrigere Preise.