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Kommentar:Völlig ahnungslos

In Deutschland kann immer noch jeder Immobilienmakler werden, unabhängig jeder fachlichen Qualifikation oder Erfahrung. Das muss sich ändern. Und dabei ist es garnicht die Branche selbst die sich wehrt, sondern die Politik.

Im Berliner Politikbetrieb ist es eine außergewöhnliche Konstellation: Eine Branche äußert von sich aus den Wunsch, stärker reguliert zu werden. Die Makler wollen den Zugang zu ihrem Beruf beschränken, nicht erst seit heute, sondern seit Jahrzehnten schon. Wer Immobilien vermitteln will, fordert der Branchenverband, soll zuvor eine Prüfung ablegen. Noch außergewöhnlicher als der Ruf der Wirtschaft nach einer Regulierung ist das Ergebnis: Obwohl alle Beteiligten den Sachkundenachweis wollen, ist seine Einführung vor Kurzem wieder einmal gescheitert. Dem Wirtschaftsflügel der Unionsparteien ging der Entwurf zu weit. Das ist schlecht für die Verbraucher, aber auch für die vielen seriösen Unternehmen.

Während in vielen Ländern Europas strenge Zulassungskriterien gelten, gibt es in Deutschland überhaupt keine fachliche Anforderung. Ein Makler darf nach aktueller Gesetzeslage völlig ahnungslos sein. Und das in einer Zeit, in der alle Themen rund um die Immobilie immer komplizierter werden: Häuser werden digital und intelligent, sollen mit komplexen Heizanlagen die Energiewende unterstützen und außerdem so geplant sein, dass auch Menschen im hohen Alter in ihnen wohnen können. Hinzu kommt: Der Kauf einer Immobilie ist oft eine prägende Lebensentscheidung und für viele ein enormer finanzieller Kraftakt. Dafür braucht es Profis.

Ein Sachkundenachweis wäre gut für Mieter und Käufer, aber auch für die seriösen Makler

Klar ist auch: Ein Sachkundenachweis ändert nichts an der merkwürdigen Gepflogenheit, dass der Makler beim Kauf einer Immobilie in der Regel den Verkäufer vertritt, aber oft auch vom Käufer bezahlt wird. Doch ein Sachkundenachweis würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Makler zumindest das nötige Grundwissen mitbringt. Noch wichtiger: Eine Hürde zum Berufseinstieg wäre abschreckend für alle, die keine Ahnung von Immobilien haben, aber dennoch mit der Vermittlung schnell Geld verdienen wollen. Vor allem die teuren Städte, wo sich mit einem einzigen Verkauf mehrere Tausend Euro verdienen lassen, haben zuletzt viele schwarze Schafe angelockt. Solche, die sich Makler nennen, aber nicht mal einen Grundbuchauszug lesen können. Diese Amateure auf dem Immobilienmarkt haben nicht nur bei Käufern und Mietern Frust hinterlassen, sondern daran mitgewirkt, den Ruf einer ganzen Branche herunterzuziehen.

Die Argumente der Gegner eines Sachkundenachweises sind dünn. Es gebe keine empirische Grundlage für Schäden, hieß es im Wirtschaftsausschuss des Bundestages. Das ist absurd: Schon ein kurzer Blick in die Gerichtsurteile reicht, um zu sehen, was Unwissen anrichtet. Auch der pauschale Einwand, ein Sachkundenachweis würde zu stark in die Berufsfreiheit eingreifen, ist kaum plausibel. Selbst ein Nachtwächter muss in Deutschland einen Lehrgang absolvieren. Und während zum Beispiel die Ausbildung zum Friseur ganze drei Jahre dauert, wäre ein Sachkundenachweis ohnehin die mildeste Form der Einschränkung. Doch selbst die sanfteste Methode war manchem Wirtschaftspolitiker zu hart. Die schwarzen Schafe wird es freuen.