Kill Your Darlings:Nikolaus Bachler

Lesezeit: 2 min

Kill Your Darlings: Nikolaus Bachler, Intendant der Staatsoper.

Nikolaus Bachler, Intendant der Staatsoper.

(Foto: Markus Jans)

Der Intendant der Bayerischen Staatsoper über das Thema der kommenden Spielzeit und warum er ohne Probleme loslassen kann.

Interview von Susanne HermanskI und Egbert Tholl

Für die kommende Spielzeit 2019/20 haben Sie das Motto "Kill Your Darlings" ausgerufen. Sind die Festspiele eines Ihrer Darlings?

Alles im Leben ist Darling. Alles, was man einmal angestrebt hat, war ein Sehnsuchtspunkt. Erst wenn man ihn erreicht hat, entsteht die Frage: Kann ich damit überhaupt umgehen? Ist mir das überhaupt wirklich wichtig? Stört das eher? Da geht es dann los, das "Kill your Darlings". Es heißt ja nichts anders als: Du musst Dich entscheiden.

Ist das ein Grundthema in der Kunst?

Letztlich macht ein Maler oder ein Schriftsteller die ganze Zeit nichts anderes. Er sitzt vorm leeren Blatt Papier und weiß genau: Die Hälfte oder sogar 90 Prozent von dem, was ich mache, werde ich wieder wegwerfen. Letztlich heißt "Kill Your Darlings", du musst weglassen. Philosophisch könnte man auch sagen: Du musst loslassen.

Lassen Sie denn leicht los?

Ja, sehr. Geradezu manisch.

Warum?

Ich bin beim Theater, weil dort alles nur um den Augenblick geht. Alles dreht sich um die Unwiederholbarkeit. Darum finde ich es auch so lächerlich, wenn Leute am Theater von einer "Ära" reden.

Bleibt denn nichts?

In gewisser Weise nicht. Gestern Abend haben wir hier "Il Trittico" gespielt - mit gewaltigen Bühnenaufbauten, großen Sängern. Dann gehst du nach der Vorstellung noch kurz mit jemandem essen, kommst zurück und die Bühne ist leer. Das ist einer meiner Lieblingsmomente.

Weshalb? Für andere wäre das ein Albtraum.

Wegen dieser Flüchtigkeit. Sie ist Sinnbild für das ganze Leben: Es ist flüchtig und das Wichtigste zugleich.

Fällt Ihnen das Loslassen mit zunehmendem Alter leichter?

Natürlich. Bei der ersten Liebe dachte man ja noch, wenn sie endet, stirbt man. Aber im Alter nehmen Gelassenheit und Großzügigkeit zu. Man muss sich nicht mehr beweisen. Entweder hat man es bewiesen, oder es hat eh keinen Sinn mehr.

Sehen Sie die "Salome" als idealen Cliffhanger zur nächsten Spielzeit mit "Kill Your Darlings"?

Absolut. Da sehen wir das Prinzip im archaischen Muster - bis hin zur Tat.

Wie sieht das Motto "Kill your Darlings" für Ihre verbleibende Zeit als Intendant in München aus? Bei den langen Planungszyklen, die ein Opernhaus erfordert, wissen Sie da jetzt schon, worauf Sie verzichten müssen?

Auf nichts, denn ich glaube, dass in gewisser Weise alles, was ich in der Lage war zu tun, auch gemacht habe. Deshalb habe ich auch schon gesagt, dass ich in Zukunft kein großes Opernhaus mehr leiten will.

Das klingt sehr abgeklärt . . .

Das Einzige was schön ist am Älterwerden: Solange man jung ist, steht man mit jedermann in Konkurrenz. Aber wenn man älter wird, schaut man mit so viel mehr Zuneigung auf jüngere Generationen. Wie schauen die? Wie denken die? Das wäre ein Punkt, an dem man weitermachen könnte - also um wieder jemanden zu entdecken: einen jungen Sänger, eine junge Dirigentin, einen jungen Regisseur. Aber auch das muss ich nicht unbedingt selbst machen. Das können auch andere.

Aber können die Anderen es genauso gut?

Ich denke, wenn man intelligent ist, sieht man sich als Teil vom Ganzen. Es ist ja doch eine ziemliche Beschränkung, wenn man sagt: Nur ich bin's.

In der Jugend denkt man aber nicht selten genau so.

Ich hatte schon mit 19 Jahren eine wunderbare Schauspiellehrerin. Sie hat am meisten Anteil daran, dass ich der bin, der ich bin, ich die Bildung habe und die Interessen. Sie hat zu mir immer gesagt: Du kannst machen, was Du willst, aber fall' nicht auf Dich selber herein.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema