bedeckt München 22°

Interview mit Regisseur Strigel:Wie Geld in kürzester Zeit Menschen verändert

sueddeutsche.de: Wie sah das aus?

Claus Strigel

Claus Strigel: Geld verändert Beziehungen. Geld ist eine Macht, die eine Gesellschaft viel stärker verändern kann als Kriege, religiöse oder kulturelle Einflüsse es vermögen.

(Foto: Foto: oH)

Strigel: Es wurde mehr gekauft als benötigt - und zum ersten Mal in der !Kung-Geschichte sogar weggeschlossen. Auch die Siedlungsstruktur änderte sich radikal: Die Häuser, die vorher mit der offenen Seite im Kreis eng zueinander gestanden hatten, stehen jetzt gegeneinander abgeschirmt in größerem Abstand.

sueddeutsche.de: Und das Geld war daran schuld?

Strigel: Geld verändert Beziehungen. Es ist eine Macht, die eine Gesellschaft viel stärker verändern kann als Kriege, religiöse oder kulturelle Einflüsse es vermögen. Und das in enorm kurzer Zeit.

sueddeutsche.de: Sie haben sich für Ihren Film Der Schein trügt in mehreren Regionen dieser Erde mit sozialen Projekten beschäftigt: Funktionieren Mikrokredite dort so, wie sie sollen?

Strigel: Durchaus, sie sind mir aber im Rahmen eines wirklich innovativen Modells begegnet. Das war in einem Ghetto am Rande der brasilianischen Stadt Fortaleza. Dort gründete der Gemeindepfarrer Joaqin de Melo vor zehn Jahren eine Bank. Seine Beobachtung war, dass es in Palmeira, dem Ghetto, viele Arbeitslose gab, aber ebenso einen hohen Bedarf - auf Grund der Armut. Doch das Mittel, um Angebot und Nachfrage in Verbindung zu bringen fehlte: das Geld. Also druckte die Banco Palmas ihr eigenes Geld: den Palmas. Es ist eine nur im Viertel gültige Währung ergänzend zur knappen Landeswährung, dem Real.

sueddeutsche.de: Wie kam der Palmas zu den Leuten?

Strigel: Durch die Vergabe von Mikrokrediten. Das war neu: Erstmals wurden Mikrokredite in einer lokal erschaffenen Währung vergeben. Eine Kombination zweier existierender sozialer Bewegungen: Die der Regionalwährungen und der Mikrokredite. Und die Gemeindevertreter selbst entscheiden anhand des örtlichen Bedarfs wie viele Kredite vergeben werden sollen. Die Bank muss sich das Geld nicht am Finanzmarkt besorgen - sie bekäme es auch gar nicht -, sie brauchte daher keine Zinsen zu nehmen.

sueddeutsche.de: Unterstützt die Regierung das Projekt?

Strigel: Ja, das ist sicher auch ein Grund, warum es so gut funktioniert. Es gibt in Brasilien sogar einen Staatssekretär für solidarische Ökonomie, schon das allein ist ein wunderbarer Begriff. Er heißt Paul Singer und ist für solche Bankprojekte mitverantwortlich. Fortaleza war die Initialzündung, mittlerweile werden fast im Wochentakt ähnliche Projekte in Brasilien gegründet.

sueddeutsche.de: Wie trägt die Regierung zum Gelingen bei?

Strigel: Zunächst mit Schulungen und Vernetzungen, denn man kann ja nicht zu Hause einfach mal den Farbdrucker anwerfen und Geld produzieren. Außerdem gibt die Regierung in gewissen Grenzen Garantien für die Komplementärwährungen ab: Mit einem Abschlag kann sie auch gegen die Landeswährung Real eingetauscht werden.

sueddeutsche.de: So scheinbar revolutionär also die Komplementärwährung daherkommt - es gibt also auch eine Sicherheit?

Strigel: Geld hat immer viel mit Glauben zu tun. Wenn ich selbst oder derjenige, der einen solchen Palmas nehmen soll, nicht dran glauben, dass er etwas wert ist, funktioniert das System nicht. Die Regierung unterstützt also den Glauben an solche Zweitwährungen.

sueddeutsche.de: Helfen die Komplementärwährungen, die örtliche Mikrofinanzsysteme gegen die Interessen der Banken zu immunisieren?

Strigel: Absolut. Geld, das keinen Zins bringt, ist für Banken mehr als uninteressant. Es existiert für sie nicht.

sueddeutsche.de: Wie haben die Mikrokredite in Brasilien das Leben verändert?

Strigel: Menschen fangen an, das, was sie können, anzubieten. Und weil die Menschen in Form der Komplementärwährung Geld haben, können sie es sich auch leisten. In Fortaleza gab es eine besondere Situation: Die Bewohner des Ortes hatten ursprünglich an der Küste gelebt. Doch als dort die Touristenhotels hochgezogen wurden, wurden sie zwangsumgesiedelt - in ein Gebiet, das sumpfig war und darum erst bewohnbar gemacht werden musste. Mit Spendengeldern wurden schließlich Kanalisation und Infrastruktur aufgebaut. Am Ende gab es eine erstaunlich gute Infrastruktur, doch die Bewohner blieben arm.

sueddeutsche.de: Warum?

Strigel: Das war genau die Frage, die sich auch die Bewohner stellten: Warum sind eigentlich alle so arm, wenn doch Unterstützungsgelder in den Ort hineinflossen? Die Antwort war einfach: Das Geld lief immer wieder davon. Wenn jemand Hilfe vom Staat bekam, kaufte er sich ein Busticket und gab den Rest in der nächsten größeren Stadt aus. Mit dem Palmas wird das Geld im Ort gehalten, der lokale Wirtschaftskreislauf blühte überraschend schnell auf. Jetzt gibt es an den Straßen Handwerksbetriebe und Supermärkte. Sogar an der Tankstelle kann man mit dem Palmas bezahlen.