Interview mit Julia Stoschek "Auseinandersetzung als innere Notwendigkeit"

Als Gesellschafterin der Coburger Brose-Unternehmensgruppe kann sich die 31-Jährige ganz dem Sammeln von Kunst widmen. Für sie kommt Sammeln von innen heraus - und wird am liebsten in Galerien oder direkt in Ateliers ausgelebt.

Interview: Elisabeth Dostert

SZ: Welche Kunstwerke haben Sie in jüngster Zeit gekauft? Julia Stoschek: Vor drei Wochen habe ich in New York eine Vidoarbeit von Paul Chan und eine Skulptur von Brock Enright erworben.

Die Sammlerin und das Kunstobjekt - in diesem Fall Jon Kesslers "Heaven'sGate", 2004

(Foto: Foto: Yun Lee)

SZ: Wie viel haben Sie dafür bezahlt? Stoschek: Über Preise und Geld rede ich grundsätzlich nicht.

SZ: Seit wann sammeln Sie? Stoschek: Zeit meines Lebens empfand ich die Auseinandersetzung mit Kunst als innere Notwendigkeit und empfinde sie heute als großes Glück. Es gibt aber kein Schlüsselerlebnis, von dem ich berichten könnte. Als Sammler wird man nicht geboren - Sammeln kommt von innen heraus. Mit dem konkreten Sammlungsaufbau beschäftige ich mich erst seit etwa vier Jahren.

SZ: Warum sammeln Sie? Stoschek: Entdeckergeist, und weil die Möglichkeit mit Kunst zu leben einen großen Reiz auf mich ausübt. Zeitgenössische Kunst hat mein Leben verändert.

SZ: Wer hat Ihren Kunstsinn besonders geprägt? Stoschek: Das kann ich nicht präzise sagen. Der Schwerpunkt meiner Sammlung liegt im Bereich der neuen Medien, sprich Videokunst, Fotografie und Installationen. Ich bin Jahrgang 1975, Videos haben in meiner Kindheit und Jugend eine große Rolle gespielt. Viele Ereignisse meines Lebens sind auf Video aufgezeichnet worden. Insofern habe ich eine große Affinität zur Medienkunst.

SZ: ... weil es die Kunst Ihrer Generation ist? Stoschek: Absolut. Ich sammle internationale Kunst meiner Generation, mit der ich mich identifizieren kann und umgekehrt.

SZ: Wie groß ist Ihre Sammlung? Stoschek: Momentan circa 350 Arbeiten.

SZ: Wo kaufen Sie Kunst? Stoschek: Am liebsten in Galerien, deren Aufbauarbeit ich sehr schätze. Wenn ich junge Künstler kaufe, die noch nicht von einer Galerie vertreten werden, gehe ich auch in ihre Ateliers. Auf Messen und Auktionen kaufe ich nicht so gerne ein, da ist es mir zu hektisch.

SZ: Wie finden Sie denn Künstler, die noch keinen Galeristen haben? Stoschek: Die finden mich. Und ernsthaft, ich gehe natürlich in viele Ateliers.

SZ: Welche Künstler sammeln Sie? Stoschek: Was den Bereich Medienkunst betrifft, so habe ich Arbeiten von folgenden Künstlern: Angefangen von Bruce Naumann und Marina Abramovic über Doug Aitken, Paul Pfeiffer bis hin zu Monica Bonvicini, Mika Rottenberg, Heike Baranowsky, Isaac Julien.

SZ: Kennen Sie die Künstler persönlich? Stoschek: Ja, die meisten. Der persönliche Kontakt und der Austausch mit ihnen ist mir sehr wichtig! Ich versuche dabei immer zu verstehen, in welche Richtung sich die Künstler, mit denen ich zusammenarbeite, bewegen. Zu den meisten Künstlern in der Sammlung habe ich ein sehr gutes Verhältnis und manche sind zu richtigen Freunden geworden.

SZ: Wen schätzen Sie besonders? Stoschek: Marina Abramovic, weil sie für mich die geistige Pionierin der Body-Art und Performance ist.

SZ: Nach welchen Kriterien wählen Sie aus? Stoschek: In meiner Sammlung versuche ich, junge aufstrebende mit bereits etablierten Künstlern in Zusammenhang zu bringen, da diese als wichtige Bezugsgrößen fungieren. Ich suche Schlüsselarbeiten bis hin zu ganzen Werkgruppen.

SZ: Lassen Sie sich beraten? Stoschek: Nein, ich sammle eigenständig.

SZ: Sie sind gerade einmal 31 Jahre alt. Werden Sie denn in der Sammler-Szene schon akzeptiert oder sehen die in Ihnen doch nur das reiche Mädchen, das mit dem Geld des Papas, dem Eigentümer der Coburger Brose-Gruppe, Videokunst und Fotos sammelt? Stoschek: Das müssen Sie die anderen fragen. Grundsätzlich möchte ich jedoch feststellen, dass ich ausschließlich mit meinem eigenen, privaten Mitteln sammle, und nicht mit denen meiner Familie.

SZ: Ich frage aber nach Ihrem Eindruck. Stoschek: Es gibt viele andere Sammler, die ich sehr schätze. Und umgekehrt denke ich, dass ich auch respektiert werde. Ich habe großen Respekt vor Ingvield Goetz und bewundere sie sehr. Sie sammelt wie ich Medienkunst

SZ: Wie finanzieren Sie die Kunst? Stoschek: Meine Sammlung ist reine Privatsache und hat mit der Firma nichts zu tun. Die Brose-Unternehmensgruppe sponsert zwar Kultur, hat aber keine eigene Kunstsammlung. Ich bin Gesellschafterin eines Familienunternehmens und sehr glücklich, dass ich eine Sammlung mit Gegenwartskunst aufbauen kann.

SZ: Unterstützt Ihr Vater Ihre Sammelleidenschaft? Stoschek: Ja, natürlich, aber nicht nur er, meine ganze Familie unterstützt mich voll und ganz. Ein großes Geschenk.

SZ: Auch finanziell? Stoschek: Nein.

SZ: Sie bauen gerade in Düsseldorf in den Räumen einer alten Fabrik ein privates Museum auf . . . Stoschek: Ja, einen Ausstellungsraum für meine Sammlung.

SZ: Warum in Düsseldorf und nicht in Coburg, wo Brose sitzt. Da ist die Not an guter Kunst doch größer? Stoschek: Stimmt. Aber aus privaten Gründen bin ich bin ich vor einigen Jahren nach Düsseldorf gezogen und fühle mich hier sehr wohl. Düsseldorf ist eine großartige Kunststadt.

SZ: Die Sammlung trägt Ihren Namen - Julia Stoschek Collection. Wollen Sie sich damit schon jetzt ein Denkmal setzen? Stoschek: Natürlich nicht - ich bin 31 Jahre alt! Ich habe Spaß am sammeln und finde es wichtig, dass die Sammlung meinen Namen und Vornamen trägt, weil es meine Privatsammlung ist und nicht die der Familie oder der Firma.

SZ: Kennen Sie ihren Wert und die Wertentwicklung Ihrer Sammlung? Stoschek: Ja, ich habe Betriebswirtschaft studiert und verfolge die Wertentwicklung meiner Sammlung. Kunst ist für mich aber kein Spekulationsobjekt! Was ich erworben habe, soll so lange es mir möglich ist, in der Sammlung bleiben. Sammeln bedeutet für mich "beschützen" und "bewahren". Aber natürlich freue ich mich auch, wenn Arbeiten im Wert steigen.

SZ: Was war ihr größter Fehlgriff? Stoschek: Bisher gibt es keine Arbeit in meiner Sammlung, bei der ich mich nicht auf ein Wiedersehen freue!

SZ: Wenn die Not groß wäre und Sie in der Geschäftsführung in Coburg gebraucht würden, würden Sie die Kunst für das Familienunternehmen aufgeben? Stoschek: Wahrscheinlich - schweren Herzens. Ich nehme auch jetzt schon regelmäßig an Gesellschaftertreffen und Telefonkonferenzen teil. Operativ bin ich nicht für die Brose-Gruppe tätig. Zeit für die Firma nehme ich mir aber immer. Denn eines ist ganz klar: Die Firma steht in unserer Familie immer an allererster Stelle.