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Interview: Frederick Kaufman:Verhängnisvolle Rollbewegung

sueddeutsche.de: Normalerweise kaufen Investoren, wenn der Preis tief ist - und verkaufen, wenn der Preis nach oben geht. Doch sie sagen: Das Geld kam nur herein. Warum?

Getreideernte in Sachsen auf Hochtouren

Als die Preise für Weizen 2008 drastisch zulegten, gab es in vielen Ländern Unruhen: Zahlreiche Menschen konnten ihr Essen nicht mehr bezahlen.

(Foto: ddp)

Kaufman: An der Börse können Sie Aktien kaufen und ein Leben lang halten. Am Rohstoffmarkt geht das nicht. Man kann nicht Weizen kaufen und ihn über Jahre im Depot aufbewahren. Aber die großen Investoren wollen so in Rohstoffe investieren wie in Aktien - professionelle Anleger wie Pensionsfonds haben ein Zeitfenster über 20 Jahre. Darum fanden die Banken einen eleganten Weg, wie solche Investments möglich werden. Nicht, in dem sie tatsächlich Weizen kaufen und verkaufen, sondern indem sie lediglich versprechen, Weizen in Zukunft zu kaufen: Die Anleger kaufen dazu einfach die Future-Kontrakte - die normalerweise eine kurze Laufzeit haben - und tauschen sie immer wieder durch neue Kontrakte aus. So werden die Kaufversprechen unendlich weitergerollt - ohne dass sie je erfüllt würden.

sueddeutsche.de: Sie greifen besonders die Bank Goldman Sachs an, die einen für dieses Marktsegement besonders wichtigen Rohstoffindex entwickelte. Goldman schrieb in einer Stellungnahme zu Ihrem Artikel, dass Untersuchungen der OECD gezeigt hätten, dass Index-Fonds die Preisblase bei Rohstoffen nicht verursacht hätten. Täuscht sich die OECD?

Kaufman: Goldmans Antwort auf meinen Artikel würde keinen Fakten-Check überstehen. In dem Report wird gesagt, dass es einen "signifikanten Anstieg von Investments im Markt für Agrarderivate aus nicht-traditionellen Quellen gab, entweder zur Diversifizierung oder zur Spekulation ... das hat zu dem Anstieg der Preise bei kurzlaufenden Futures geführt und ist ein zusätzlicher Faktor bei den gegenwärtigen Preissprüngen".

sueddeutsche.de: Viele Experten argumentieren, dass die Preisentwicklung beim Weizen zu allererst den ungewöhnlich niedrigen Lagerbeständen geschuldet war. Ist das verkehrt?

Kaufman: Wenn Sie mit Händlern reden, dass sagen die Ihnen: Es waren die Biotreibstoffe, da für ihren Anbau die Fläche für den Weizen schrumpfte. Andere sagen, es war die außergewöhnliche Dürre in Australien. Wieder andere behaupten, die Überschwemmungen in Kasachstan seien Schuld gewesen. Aber: Es hat auch schon früher schlechtes Wetter gegeben, nur hat es in der 150-jährigen Geschichtes des Weizenmarktes noch nie Preissprünge wie die in 2008 gegeben. Da mussten schon andere Kräfte wirksam werden. Und das war das hereinströmende Kapital in Höhe von mehreren 100 Milliarden Dollar. Es ist gar nicht verkehrt, die niedrigen Lagerbestände anzuführen - aber es ist nur ein Teil der Wahrheit.

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