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Interview:"Doch, das geht"

Der Bergbau in Deutschland ist fast verschwunden, geblieben sind riesige Flächen mit alten Gebäuden. Hans-Peter Noll, Chef der RAG Montan Immobilien, hat neue Konzepte gesucht.

Seit 1998 wandelt Hans-Peter Noll als Chef der RAG Montan Immobilien ehemalige Zechen in neue Quartiere um. Zum 1. Oktober wechselt er in den Vorstand der Stiftung Zollverein. Als Unternehmer und Professor weiß Noll, wie die Umwandlung der stillgelegten Bergwerke funktionieren kann - und welche Probleme es dabei gibt.

SZ: Sie haben knapp 20 Jahre lang Bergwerke in Büros, Wohnungen oder Läden umgewandelt. Haben Sie dabei manchmal auch Wehmut empfunden?

Hans-Peter Noll: Bestimmte Dinge lassen sich nicht konservieren. Der Glaube daran wäre eine Illusion. Als ich angefangen habe, gab es im Ruhrgebiet noch etwa 120 000 Bergleute. Da war der Bergbau noch eine Macht. Heute sind es noch etwa 5000 Bergleute. Das ist ein riesiger Wandel. Wenn der Förderturm fällt, darf das aber kein Zeichen des Niedergangs sein, sondern das Startzeichen für die Zukunft. Und das Ruhrgebiet hat die Kompetenz, sich zu wandeln. Wenn wir mit Investoren oder Politikern über stillgelegte Zeche gehen und ihnen sagen, dass wir hier in drei oder 15 Jahren blühende Landschaften haben können, dann glaubt das zwar meist keiner. Und ich sage dann immer: Doch, das geht.

Und wie haben Sie die Skeptiker überzeugt?

Wir packen alle Beteiligten in einen Bus und fahren zu abgeschlossenen Projekten. Da können wir zeigen, was alles funktioniert. Auf diesen Touren machen wir auch klar, dass die Umwandlungen nicht zum Spielball von Politik und Parteien werden dürfen. Wenn nicht alle geschlossen mit der Botschaft nach draußen gehen, dass ein Standort eine neue Zukunft hat, dann können wir einpacken. Dann geht der Investor zu einem anderen Standort.

Sie wandeln nicht nur Flächen, sondern auch Gebäude um. In welchen Fällen können die alten Gebäude erhalten bleiben?

In den Achtzigerjahren gab es noch die Idee, alles zu erhalten, von der Lohnhalle bis zum Förderturm. Doch das ist mit den modernen Anforderungen, zum Beispiel an den Brandschutz, oft nicht vereinbar und viel zu teuer. Wir haben daher damals mit dem Land die Industrie- und Denkmalstiftung gegründet, mit der wir ausgesuchte Objekte erhalten und dafür andere abreißen dürfen. Das war die Grundidee. Wir konnten sie aber nicht immer durchhalten, weil die Stiftung nicht genügend Geld hat und mehr Gebäude erhalten wurden als geplant.

Manche Städte wie München würden Sie um so viele industriekulturelle Denkmäler beneiden.

Das Bewusstsein, dass Industriekultur etwas Besonderes ist, hat auch deutlich zugenommen. Je näher das Ende des Bergbaus rückt, desto mehr hängen die Leute daran. Die Romantisierung hat unglaublich zugenommen - und damit auch der Trend, Gebäude zu erhalten. Auch aus immobilienwirtschaftlicher Sicht ist das interessant. Ein Loft in einem alten Industriegebäude hat schließlich einen besonderen Charme. Vor allem viele junge Betriebe suchen solche Kulissen. Weil sie selbst keine haben, suchen sie eine Geschichte, eine Patina. Aber: Man kann eben nicht in jeder alten Zeche aus der Lohnhalle ein Kultur- oder Veranstaltungszentrum bauen. Dafür ist der Bedarf nicht da, das kann man nicht bezahlen.

Kohle

Früher Steinkohle-Bergwerk, heute Logistikpark, Bürostandort, Hightech-Zentrum und Event-Location: Auf der ehemaligen ehemalige Zeche Ewald in Herten arbeiten heute etwa 1400 Menschen.

(Foto: RAG Montan Immobilien/Thomas Stachelhaus)

Sind Altlasten bei der Umwandlung ein großes Risiko?

Wir müssen an jedem Standort alles erbarmungslos suchen, aufdecken und sanieren. Wenn nur ein Mal ein Betrieb eine Altlast findet und deshalb in Schwierigkeiten gerät, verkauft man in Zukunft keine einzige Fläche mehr. Wir machen daher historische Recherchen, schauen uns zum Beispiel im Archiv in Washington Luftbilder aus dem Krieg an. Dabei gibt es immer wieder Überraschungen, ob Kriegsschaden, ausgelaufenes Öl oder die Folgen irgendwelcher illegalen Machenschaften. Wir müssen sehr offen damit umgehen. Wenn man die Kommune oder die Kunden enttäuscht, ist man tot.

Viel sensibler müssen Sie heute auch mit Umweltthemen umgehen.

Ja, wir kooperieren deshalb auch mit dem Naturschutzbund. Da bin ich mittlerweile sogar selbst Mitglied. Die wissen ganz genau, wo die Kreuzkröte oder die Fledermaus lebt. Wir gehen daher jedes Projekt im Vorfeld durch und besprechen, wo es Probleme geben und wie man sie lösen kann. Das ist natürlich anstrengend, aber es ist der einzige Weg.

Ist die Verwandlung der Zechen im Laufe der Zeit grundsätzlich komplizierter geworden?

Ja, denn auch die politische Landschaft hat sich deutlich verändert. Früher gab es in den Gemeinden in der Regel drei Parteien, die SPD hatte mehr als 60 Prozent und stellte den Bürgermeister. Heute gibt es viel mehr Parteien und Interessengruppen, der Bürgermeister ist oft parteilos. Und wenn sich bei Facebook der Wind dreht, ändert sich oft auch die Meinung bei Entscheidungsträgern. Das macht es viel komplizierter, den Wandel zu organisieren.

Was heißt das konkret für Ihre Arbeit?

Abriss, Altlasten, Erschließung und Neubau sind für uns das tägliche Handwerk, das ist kein Problem. Der Prozess davor und danach aber ist viel aufwendiger. Eine stillgelegte Zeche ist oft eine Wunde in einer Stadt, mit einer Größe von 40, 50 oder 60 Hektar. Da steht man immer im Fokus der Öffentlichkeit und Politik. Bei allem, was wir tun, müssen wir daher um Akzeptanz werben. Wir haben das Eigentum, die Kommune hat die Planungshoheit. Beide müssen erkennen, dass sie nur gemeinsam eine Lösung finden können. Ob Freizeit, Tourismus, Energie, Technologiepark, Start-up-Zentren, Handwerk, Logistikunternehmen, Industrie: Wir machen die ganze Palette.

Und wenn Sie keine Lösung finden? Dann müssen wir weiter suchen. Auf dem Standort des ehemaligen Bergwerks Hugo in Gelsenkirchen-Buer wollten wir zum Beispiel ursprünglich ein Gewerbegebiet bauen. Die Erschließung am Rand der Stadt wäre aber zu teuer gewesen - manche Ideen sind wirtschaftlich einfach nicht zu machen. Die Stadt wollte auch keine Wohnungen und keinen Einzelhandel, weil sie Bedenken hatte, damit die City kaputt zu machen. Da hatten wir dann also eine große, hässliche, umzäunte Fläche, die täglich Geld kostete. Am Ende kamen wir schließlich auf die Idee, aus dem Bergwerk einen Biomassepark zu machen. Heute werden dort Weiden und Pappeln angepflanzt. Der Biomassepark ist die erste großflächige Plantage dieser Art in einem europäischen Ballungsraum. Gleichzeitig haben wir einen neuen öffentlichen Raum geschaffen, der auch für Umweltbildung und Erholung genutzt werden kann. Wir müssen die Kunst beherrschen, aus jedem Quadratmeter etwas zu machen.

Prof. Dr. Hans-Peter Noll - RAG Montan Immobilien GmbH; Prof Hans-Peter Noll

Als Sohn eines Bergmanns ist Hans-Peter Noll tief im Ruhrgebiet verwurzelt. Zum 1. Oktober wechselt der Chef der RAG Immobilien in den Vorstand der Stiftung Zollverein.

(Foto: Olaf Ziegler/RAG Immobilien)

Immer öfter auch Wohnungen?

Ja, das haben wir lange überhaupt nicht gemacht. In den vergangenen Jahren hat der Wohnungsbau deutlich zugenommen. Käufer bekommen von uns 400 bis 800 Quadratmeter große Grundstücke zu einem vernünftigen Preis mit relativ hoher Qualität. In Neukirchen-Vluyn haben wir die letzten Grundstücke fast versteigert. Der Bedarf ist riesig. Die Menschen können ihr Geld derzeit nirgendwo anlegen, außer in der Immobilie. Es gibt eine Mittelschicht, die in Steine anlegen will.

In vielen Gemeinden im Ruhrgebiet allerdings ist der Leerstand hoch. Fördern Sie damit nicht eine weitere Zersiedelung und Leerstand?

Wir bauen ja nicht auf der grünen Wiese, sondern auf einer vorgenutzten Fläche und haben in der Regel schon eine bestehende Infrastruktur. In Städten wie München können sich viele Menschen keine Wohnung mehr leisten. In dieser Situation hat das Ruhrgebiet gute Chancen. Die Gelegenheit ist günstig.

Um mit München zu konkurrieren?

Wenn sich das Ruhrgebiet richtig profiliert, hat es gute Chancen. Die Gründerszene in Berlin schwappt gerade über. Wir haben hier im Ruhrgebiet die Betriebe, das Wissen und die Milieus, in denen etwas Neues entstehen kann. Und nicht die Preise wie etwa in München. In Gelsenkirchen hat sich zum Beispiel ein Medizinlogistiker angesiedelt. Wir haben dafür die Flächen entwickelt und für 45,50 Euro pro Quadratmeter erschlossen. In München hatte das Unternehmen 220 Euro bezahlt.

Viele Investoren gehen dennoch lieber in die großen Metropolen wie zum Beispiel München oder Berlin. Wie kann man das ändern?

Das Ruhrgebiet muss sich die entscheidende Frage stellen: Wie kann es mehr Menschen und Unternehmen anziehen? Wir haben schon große Fortschritte beim gemeinsamen Marketing und der Wirtschaftsförderung gemacht. Das ausgeprägte Kirchturmdenken einiger Städte, wie ich es in den Achtzigerjahren erlebt habe, hat deutlich abgenommen. Es gibt ein immer größeres Bewusstsein dafür, dass die Region nur mit einer gemeinsamen Anstrengung erfolgreich sein kann. Wir müssen aber auch die Inhalte liefern.

Das heißt konkret?

Das heißt vor allem, dass wir die Infrastruktur verbessern müssen. Wir haben zum Beispiel noch einen sehr zersplitterten öffentlichen Nahverkehr, das Autobahnnetz in der Metropole Ruhr kommt an seine Grenzen, und auch der Schienenverkehr muss schneller ausgebaut werden. Im Grunde muss man sich darauf besinnen, was während der Industrialisierung hier um das Jahr 1850 passiert ist. Warum haben sich die Unternehmen denn hier angesiedelt? Es gab Rohstoffe, und damals wurden Eisenbahn, Wasserwege, eben die gesamte Infrastruktur ausgebaut. Die Tugenden der Industrialisierung müssen wir auch heute beherzigen. Und das gilt insbesondere für die Digitalisierung. Wir müssen zum Beispiel hier ein flächendeckendes Glasfasernetz hinkriegen. Wer das nicht hat, ist raus.

Hat das Interesse von Investoren im Laufe der Jahre zugenommen?

Ja, und das nicht nur aus Deutschland. Das Interesse aus China am Ruhrgebiet zum Beispiel ist sehr groß. Die Chinesen sind zum einen fasziniert von dem Wandel. Zum anderen denken sie in Ballungsräumen. Und das Ruhrgebiet ist der größte Ballungsraum Europas. Leider wird er oft nicht so wahrgenommen. Das Ruhrgebiet fehlt zum Beispiel in den Marktberichten der großen Maklerunternehmen. Das ist ein Witz. Die Chinesen sehen das anders. Für die ist das Ruhrgebiet Kult.