Inflation Die USA schönen ihre Daten

Die größte Wirtschaftsnation der Welt rechnet ihre Teuerungsrate klein, sagen Experten - und legen erschreckende Alternativzahlen vor.

Von Simone Boehringer

Lange schien es ein Thema für Verschwörungstheoretiker: In einschlägigen Internetforen bezweifelten Freaks die Daten zu Wachstum und Preisentwicklung - vor allem, wenn sie aus Amerika kamen. Doch in jüngster Zeit blasen auch immer mehr renommierte Finanzprofis ins gleiche Horn. So forderte jüngst kein geringerer als Bill Gross, Chef des größten Anleiheninvestors der Welt, Pimco, seine Landsleute auf, sich beim Ausweis der US-Inflation "nicht länger für dumm verkaufen zu lassen".

Täglich teurer: Auch in den USA grassiert die Teuerung - wenngleich die offiziellen Zahlen das nicht auf den ersten Blick erkennen lassen.

(Foto: Foto: dpa)

In seinem Marktausblick für Juni schreibt Gross: "Weltweit lagen die Preissteigerungsraten im vergangenen Jahrzehnt bei fast sieben Prozent, in den Vereinigten Staaten wurden sie mit 2,6 Prozent angegeben. In den vergangenen zwölf Monaten waren es annähernd dieselben sieben Prozent global gesehen, aber für die USA werden nur vier Prozent ausgewiesen." Ob sie sich schon einmal gefragt hätten, woher diese frappierende Differenz komme, fragte Gross seine Leser rhetorisch.

"Das kann keiner mehr glauben"

Der deutsche Vermögensverwalter Jens Ehrhardt setzt noch eins drauf: "In Amerika schrumpft in vielen Bereichen die Produktion, immer mehr Häuser stehen leer, die Bautätigkeit geht zurück, aber die Wirtschaft soll angeblich noch wachsen. Das kann doch keiner mehr glauben."

Die Aufregung der Experten ist verständlich, geht es doch um viel Geld: In den meisten Ländern sind Inflationsraten die Grundlage für Tarifverhandlungen sowie für die Anpassung von Renten und vielen Transferleistungen. Stimmen die Daten nicht mehr mit der Realität überein, werden die Menschen sukzessive benachteiligt, weil die Kaufkraft ihrer Bezüge schneller sinkt, als dies in den Zahlungen berücksichtigt wird. Nicht zuletzt hängen auch Anlageentscheidungen von den zugrundeliegenden Inflationsraten ab. So hält Bill Gross amerikanische Staatsanleihen längst für keine gute Anlage mehr, weil sie mit 3,9 Prozent Rendite kaum mehr die offiziell ausgewiesene Inflation ausgleichen.

Geflügel ersetzt Rindfleisch

Folker Hellmeyer, Chef-Anlagestratege der Bremer Landesbank, beschreibt in einem gerade erschienenen Buch namens "Endlich Klartext" detailliert, wie und warum Finanzdaten in Amerika geschönt werden konnten. "Die Inflationsberechnung in den USA hat sich in den vergangenen 15 Jahren maßgeblich verändert. Die Veränderungen führen dazu, dass die Kaufkraftverluste geringer ausfallen", schreibt Hellmeyer.

Tatsächlich hat das Bureau of Labor Statistics, welches die Inflation in Amerika misst, seit Beginn der Ära von Präsident Bill Clinton sukzessive Neuerungen bei der Messung der Inflation eingeführt. So wurden etwa relativ teuer gewordene Güter im zugrundeliegenden Warenkorb durch günstigere Waren ersetzt, weil unterstellt wurde, dass die Verbraucher preisbewusst seien. Statt teures Rindfleisch fand sich etwa im Zuge der BSE-Krise zwischenzeitlich günstigeres Geflügel im Warenkorb, obwohl die Verbraucher weiter Rind nachfragten.

Mietpreise als Grundlage

Haben sich Güter aufgrund von technischen Neuerungen verteuert, wird in der US-Statistik unterstellt, dass die Verbraucher dies als Gewinn sehen. Weil sie ja nach dieser Logik auch mehr bekommen für ihr Geld, wird die Teuerung in einem solchen Fall herausgerechnet. Diese sogenannte hedonistische Inflationsberechnung hat im Zuge der europäischen Harmonisierung auch bei den EU-Statistiken Einzug gehalten.

Die mit Abstand größten Auswirkungen hatte jedoch laut Hellmeyer eine Änderung, die die US-Behörden bereits Anfang der 80er Jahre durchgeführt hatten. Anstelle der Immobilienpreise gingen fortan die Mietpreise in die Verbraucherpreisstatistik ein, und das, obwohl 70 Prozent der Bevölkerung im Eigenheim wohnten. Während die Häuserpreise rasant stiegen, legten die Mieten nur wenig zu. Die Folge: "Nach der Umstellung sank der Verbraucherpreisanstieg von mehr als 13 Prozent binnen zwei Jahren auf drei bis vier Prozent", so Hellmeyer.

In der Finanzbranche sind diese Ausführungen nicht unbekannt. In manchen Anlagebriefen werden US-Zahlen deshalb mit dem Beiwort "angeblich" versehen. Ergänzend zu den Statistiken der US-Behörden werfen Profi-Anleger inzwischen auch einen Blick auf andere Daten wie etwa die Shadow Government Statistics (Grafik). Dahinter steht der US-Ökonom und Unternehmensberater John Williams. Er berechnet die Preissteigerungen in Amerika mit den Methoden, die offiziell vor 1980 angewandt wurden, und stellt sie dem staatlich berechneten Consumer Price Index (CPI) gegenüber. Nach Williams' Berechnungen läge die US-Inflation derzeit bei zwölf Prozent. Die CPI-Rate beträgt vier Prozent.